Seife aus Aleppo Die reine Hoffnung

Der Duft des Orients: Nawras und Bassam Al Machout (von links) mit  Seife aus Aleppo. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Der Duft des Orients: Nawras und Bassam Al Machout (von links) mit Seife aus Aleppo. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Die Brüder Nawras und Bassam Al-Machout kaufen und importieren die weltberühmten Seifen aus dem syrischen Aleppo für ihren Laden im Stuttgarter Westen. Dabei trotzen sie auch den Wirren des Bürgerkriegs in ihrer alten Heimat.

WhatsApp E-Mail LinkedIn Flipboard Pocket Drucken

Stuttgart - Es ist der Duft, der einen sofort umfängt. Hinter der Glastür zum Zhenobya in der Johannesstraße zaubern einem die Gerüche ein Lächeln ins Gesicht. Man könnte das Zhenobya schlicht eine Seifenladen nennen, aber das wäre zu wenig. Hier im Stuttgarter Westen lagern Hunderte sauber abgepackte Stücke Seife aus dem syrischen Aleppo, produziert und verschickt unter schwierigsten Bedingungen.

Eine auf den ersten Blick doch eher seltsame Kombination. Sanfte Bio-Seife aus dem Kriegsgebiet. Aber Bassam Al-Machout lächelt und sagt: „Für uns ist das auch ein Zeichen, dass Syrien immer noch am Leben ist." Der 52jährige gebürtige Syrer ist in Damaskus groß geworden, aber schon seit mehr als 30 Jahren in Stuttgart zu Hause und mit einer Schwäbin verheiratet. Zusammen mit seinem Bruder Nawras betreibt er seit vielen Jahren den Laden und einen online-Handel im Stuttgarter Westen. Und er blieb auch nach 2011 seinem Prinzip treu, dass Aleppo Seife auch aus Aleppo zu kommen habe.

2002 war der Mann mit dem schwarzen Locken mit seiner Frau Barbara Frank zu Besuch in Syrien. Es war ruhig dort, das Leben normal und Frau Frank fasziniert von der arabischen Seifenkultur, wie ihr Mann erzählt. „Sie hat gesagt, daraus müsste man ein Geschäft machen“, erinnert er sich an die Anfänge. Damals hat er 300 Kilo Seife gekauft, die puristisch originale, aber auch duftende. Das war der Einstieg in ein Projekt, dass er heute mit seinem älteren Bruder Nawras betreibt. Die Al-Machouts sind in Stuttgart schon lange geschäftlich aktiv, waren zu Zeiten der D-Mark mit einigen Pizza-Lieferdiensten am Start und sind jetzt im Seifenhandel. Das spezielle daran ist, dass die Ware auch heute noch aus dem Land kommt, in dem seit fünf Jahren ein blutiger Bürgerkrieg tobt.

Seife aus dem schmutzigen Krieg

Aleppo-Seife gibt es wegen der Wirren schon lange nicht mehr nur aus Syrien. Mit Beginn des Bürgerkriegs dort haben viele Produzenten das Land verlassen, kochen jetzt die Seife im Libanon, in Jordanien, Ägypten oder der Türkei. Aber auch in Aleppo wird noch produziert, wenn auch nur noch ein Bruchteil dessen, was vor 2011 hergestellt wurde. In der umkämpften Stadt sind nach Schätzungen maximal noch zehn von einst über 200 Siedereien aktiv. Und die sind alle im Nordwesten der Stadt, wo regierungstreue Truppen aktuell das Sagen haben und wo es zumindest stundenweise so etwas wie Normalität gibt. Im Ostteil der Stadt, wo Rebellengruppen und hilflose Zivilisten von Assad-getreuen Truppen eingekesselt sind, steht dagegen kaum noch ein unbeschädigtes Haus, herrschen Angst, Hunger und Verzweiflung.

Seife aus einem schmutzigen Krieg. Und die  Käufer  in  Stuttgart  können  auch sicher sein, dass die Produkte von Zhenobya tatsächlich  aus  Aleppo  sind.  Bassam ­Al-Machout hat darüber nicht nur Zerti­fikate. Im Frühjahr diesen Jahres vermittelte er der „Süddeuteschen Zeitung“ den Kontakt zu Ghaleb Chite, einem seiner ­Produzenten in der Stadt. Und der bestätigte in der Reportage, nach Stuttgart zu ­liefern. Al-Machout kauft seine Seifen bei drei bis vier Produzenten in Aleppo, je ­nachdem wer liefern kann. Es sind nicht mehr die Mengen wie früher, gekocht wird oft in Privaträumen, um nicht aufzufallen. „Die Kessel sind eben kleiner, statt sieben Tonnen nacht man jetzt eben anderthalb“, sagt Al-Machout. Im Moment warten fünf Tonnen gereifte Seife aus der Firma von Ghaleb Chite auf ihren abenteuerlichen Weg nach Stuttgart. Die größte Hürde ist dabei die Fahrt von Aleppo in den Hafen von ­Latakia am Mittelmeer. Die kürzeste Strecke wären 175 Kilometer, aber die Autobahn führt mitten durch ein Kampfgebiet, die Spediteure nehmen oft weite Umwege, müssen die Routen ständig ändern, vorsichtig und gut vernetzt sein, bei Straßensperren bezahlen und immer darauf hoffen, dass es damit auch getan ist. In Latakia geht die ­Ware schließlich im Container nach Hamburg und von dort aus nach Stuttgart. „Die Kosten für die Spediteure sind seit 2011 um das Zehnfache gestiegen", sagt Bassam ­Al-Machout.

Die kostbaren Stücke werden in der Rosenbergstraße von Hand verpackt

Die Ware kommt in Stuttgart dann in Kartons oder Kunststoffsäcken an. Geschnittene Seifenblöcke fein säuberlich gestapelt, die dann im Lager in der Rosenbergstraße von Hand verpackt werden. Hier arbeiten viele Mitglieder der Großfamilie, Bassam und Nawras Al-Machout haben noch vier Brüder, zwei davon in Stuttgart. Zuerst werden die Seifen geprüft und dann einzeln in Zellophan eingeschweißt. Von Hand und mit einem Bügeleisen, das ist echte und vor allem flinke Handarbeit. „Ich schaffe 300 Stück in der Stunde“, sagt Bassam Al-Machout nicht ohne Stolz.

Aber warum muss die Seife denn unbedingt aus Aleppo stammen, wo die Rezeptur doch auch woanders produziert wird? Das ist kein Thema für den Händler. „Die Qualität der Zutaten wäre nicht die gleiche, außerdem ist Seifensieden eine Kunst“, erklärt er, „der Koch muss stimmen.“ Und die besten gäbe es eben immer noch in Syrien. Und eines sei auch klar: „Dresdner Stollen muss doch auch aus Dresden sein und nicht aus Turin oder sonst wo her.“

Die Arbeit wird also weitergehen. Für Syrien selbst sieht Al-Machout aber ziemlich schwarz. Es werde wohl noch Jahre dauern, bis das gebeutelte Land zur Ruhe kommen wird, wenn überhaupt. „Es ist doch fast jede Familie im Land betroffen“, klagt Bassam Al-Machout. Trotzdem und gerade deshalb wird der Handel mit der Seife aus dem Zentrum des Bürgerkriegs weitergehen, denn so lange in Syrien noch irgendeine Struktur besteht, gibt es Hoffnung. „Es wird auch in diesem Winter wieder Seife in Aleppo gekocht werden“, sagt Al-Machout, „ganz sicher.“

Die Mutter aller Seifen

Aleppo-Seife besteht aus Oliven- und Lorbeeröl und gilt als die Mutter aller Seifen. Die Rezepturen und Verfahren haben sich seit zwei Jahrtausenden kaum geändert und gelten auch als Vorbild für die weltberühmte Savon Marseille. In reiner Form gilt sie sogar als Heilmittel für entzündliche Hauterkrankungen wie Neurodermitis.

Die in den Wintermonaten gekochte Seife trocknet etwa ein halbes Jahr an einem luftigen Ort. Das Grün der Aleppo-Seife kommt vom Lorbeeröl.

Die Farbe oxidiert im Licht an der Ober­fläche aber zu einem dunklen beige. Neben der reine Seife gibt es auch un­zählige orientalische Duftvarianten.




Unsere Empfehlung für Sie