„Selbstbild mit russischem Klavier“ von Wolf Wondratschek Der Künstler als alter Mann

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An diesem Dienstag feiert der einstige Dichtermacho Wolf Wondratschek seinen 75. Geburtstag. Sein neuer Roman „Selbstbild mit russischem Klavier“ zeigt ihn von seiner altersweisen Seite.

Freund der starken Momente des Lebens: der Autor Wolf Wondratschek Foto: Zentralbild
Freund der starken Momente des Lebens: der Autor Wolf Wondratschek Foto: Zentralbild

Stuttgart - Schwer zu sagen, wie sich ein russisches Klavier zu einer Ratte verhält. Was sie aber verbindet, sind die letzten Romane des Autors Wolf Wondratschek. „Selbstbild mit Ratte“ ist der Titel des einen, „Selbstbild mit russischem Klavier“ der des anderen. Letzterer erscheint pünktlich zum 75. Geburtstag des Autors am 14. August, und das ist alles andere als selbstverständlich. Denn den Vorgängerroman hat nur ein einziger Leser zu Gesicht bekommen: jener private Mäzen, an den Wondratschek das Manuskript zu dessen eigenem privaten Ergötzen verkauft hat. Und beinahe wäre das neue Werk ebenso unveröffentlicht geblieben, als Protest gegen die profitlichen Äußerlichkeiten des Literaturbetriebs. Dass es der Ullstein geschafft hat, sich das Manuskript zu sichern, liegt vermutlich weniger daran, dass er dem Autor statt Barem einen Koffer Gold geboten hat, wie es Wondratschek einmal – vergeblich – von seinem früheren Verlag Diogenes gefordert haben soll. Vielmehr dürfte die Aussicht, sein verstreutes Werk in einer Gesamtausgabe zusammenzuführen, den Ausschlag gegeben haben.

Und so liegt auch über dem „Selbstbild mit russischem Klavier“ der hohe Anspruch einer Lebenssumme. Allerdings ist es kein Autor, der hier spricht, sondern ein alter, einst berühmter russischer Pianist. Die politischen und existenziellen Lebensstürme haben ihn nach Wien verschlagen, wo er nun in dem italienischen Restaurant „La Gondola“ bei einem Glas Wasser sitzt und zurückblickt: auf den Unbedingtheitsanspruch der Kunst unter den Bedingungen des Sozialismus, auf reale und fiktive Weggefährten der Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts, auf die Schäden, die der Alkohol und der Kommunismus in seinem Leben angerichtet haben. Eine Figur, wie aus der Zeit gefallen – „es gibt solche Menschen nur noch in Romanen“, heißt es einmal über seinesgleichen.

Allerdings verweigert Wondratschek alles, was einen Roman zu einem solchen machen würde: einen erzählerischen Zusammenhang, eine nachvollziehbare Handlung. Als beherzige er die trotzige Reserve des immer kompromissloser gewordenen Pianisten gegen alles Erfolgreiche und Akzeptierte, der sich am Ende nur noch dem Aktuellsten, Schwierigsten, Unerwünschten und Verbotenen zugewendet hat: „Eine Musik ohne Melodie, stattdessen eine der Auslöschung, der zerdehnten Sekunden.“ Und das kann dauern.

Die ein oder andere Schusswunde hätte dem Buch gut getan

Wondratschek hat sich immer in der Pose dessen gefallen, der sich aufs Spiel setzt: erotisch, drogistisch, ästhetisch – von der forcierten Leidenschaft für den Boxsport ganz zu schweigen. Sein legendärer Gedichtband „Chuck’s Zimmer“, gab den Ton vor, der kiffende, rebellierende, vögelnde Titelheld war eine Galionsfigur der siebziger Jahre. „In Europa geboren, begann ich die mörderische Reise durch alle Prophezeiungen der westlichen Welt“, verheißt darin der Prolog, nachzulesen in der jetzt bei Ullstein erschienenen Ausgabe aller Gedichte. Der Pianisten-Roman verhält sich dazu wie ein Nachspiel. „Alles war einmal, Leben, Lachen, Spaß mit Frauen haben. Dahin, dahin“, heißt es nun. Die Schwäche für die starken Momente des Lebens, wie sie aus Titeln wie „Früher begann der Tag mit einer Schusswunde“ sprach, ist nun einer Liebe zum altersweisen Aperçu gewichen: „Man läuft nicht in sein Leben hinein, man läuft ihm ein Leben lang hinterher.“

Auch wenn vieles dafür spricht, dass der Lebensstil des in Karlsruhe aufgewachsenen und in München zum Dichtermacho gereiften Wondratschek weitgehend dem seiner früheren literarischen Alter Egos entsprach, blieb immer ein Verdacht der Überheblichkeit im Raum. In Wien, wo er jetzt wie sein russischer Musiker lebt, beginnen die Tage mit einem Glas Wasser. Aber der Verdacht bleibt. Denn so geklärt und pur sich dieses Selbstbild aus Kunstbekenntnissen gibt, ersetzt es nur den wilden Draufgänger von einst durch den spätwerksmelancholischen Typus des Künstlers als alten Mann. Einmal davon abgesehen, dass die ein oder andere Schusswunde dem Roman vielleicht ganz gut getan hätte.