Serie Off-Theater im Stuttgarter Süden Die Kultur wird frei Haus angeliefert

Von Armin Friedl 

Das Amsel Theater im Generationenhaus in Heslach spielt für Behinderte und Nichtbehinderte. Bald feiert es sein 35-jähriges Bestehen.

Der Travestie-Künstler  Wommy Wonder ist quasi Stammgast Foto: Armin Friedl
Der Travestie-Künstler Wommy Wonder ist quasi Stammgast Foto: Armin Friedl

S-Süd - Seit bald 18 Jahren hat der Stuttgarter Stadtteil Heslach einen attraktiven Willkommensbereich: Vom Marienplatz kommend, öffnet sich links der Raum des Erwin-Schoettle-Platzes zur Matthäuskirche, rechts steht das Generationenhaus, eine Verbindung aus einem denkmalgeschütztem Altbau und einem neuen Gebäude. Dieses Generationenhaus, errichtet mit Hilfe der Rudolf und Hermann Schmid Stiftung, ist eine wahre Wundertüte.

Um zu erkunden, was dort alles möglich ist, reicht ein einziger Besuch nicht. Das Café im Eingangsbereich ist aber gut, um zu sehen, was es dort an Begegnungsmöglichkeiten gibt. Etwa der große Rudolf Schmid Saal, multifunktional eingerichtet für Veranstaltungen aller Art. Und gleich daneben ein großer Freibereich mit Terrassen und altem Baumbestand, ein Juwel in dieser dicht besiedelten Stadtecke.

Prominente Gastauftritte

Seit 2006 ist dort das Amsel Theater zuhause. Als ein Theater der Begegnungen zwischen Behinderten und Nichtbehinderten funktioniert es etwas anders als andere Theater. Es macht keine eigenen Produktionen, dafür wählt es aus dem großen künstlerischen Angebot der Landeshauptstadt Veranstaltungen aus, die der Zielsetzung des Theaters entsprechen. Gegründet wurde es 1983 als bislang einziges Theater dieser Art, das die Begegnung zwischen Behinderten und Nichtbehinderten zum Ziel hat. In dem Heslacher Haus hat das Amsel Theater seine optimale Spielstätte, denn hier ist auch ein Pflegezentrum für 80 Bewohner untergebracht. Das Zentrum ist spezialisiert auf Multiple-Sklerose-Erkrankte. Da dies Menschen in jeder Altersgruppe treffen kann, gibt es auch eine Junge Pflege für Bewohner zwischen 20 und 60 Jahren. Das Amsel Theater ist hier der ideale Ansprechpartner, um den Interessen jüngerer Patienten gerecht zu werden.

Das Theater zieht auch prominente Gastspieler ins Haus. Der Travestie-Künstler Wommy Wonder ist quasi Stammgast, hinzu kommen die Ensembles der New York City Dance School, Wolfgang Seljé mit Frank-Sinatra-Songs auf schwäbisch, die Schauspielerin Barbara Stoll, das Jazz Trio BBQ, das Stuttgarter Operettenensemble oder der Belcanto-Chor Stuttgart. Sie und viele andere treten dort unentgeltlich auf, und für die Bewohner des Hauses sind diese Theaterabende ebenfalls kostenfrei. Interessant sind diese Abende aber genauso für die Stuttgarter in der näheren und weiteren Umgebung dieses Hauses, die allerdings etwas Eintritt bezahlen müssen. Diese Abende, dieses Theater, ja, das ganze Generationenhaus, wollen so das Miteinander von Behinderten und Nichtbehinderten fördern.

Kulturelle Höhepunkte erleben

Seit 20 Jahren leitet die Künstlerin Gudrun Kohlruss das Amsel Theater. „Die Bäckerei Hafendörfer beliefert uns zu den Veranstaltungen mit frischem Gebäck und Kuchen. Von der Blumenhandlung Schanbacher kommen Blumengestecke. Die Pausen in den Veranstaltungen sind fast so wichtig wie das Programm selbst. Wenn hier die Behinderten etwas Unterstützung erfahren beim Essen oder Trinken, bekommt die Krankheit für alle ein menschliches Gesicht. Dazu bietet das Generationenhaus einen idealen familiären und geschützten Rahmen.“

Carola Haegele vom Sozialamt der Stadt Stuttgart ist die Koordinatorin des Gebrüder Schmid Zentrums im Generationenhaus, in dem das Amsel Theater spielt. Etwa 3000 Veranstaltungen zählt sie jährlich in diesem Zentrum, angefangen mit Beratungen. Für diese Vielfalt an Veranstaltungen sorgen insgesamt 60 Initiativen, Gruppen und Vereine. Das Amsel Theater ist da ein wichtiges Standbein.

„Für die Bewohner ist das oft nur noch die einzige Möglichkeit, solch kulturelle Höhepunkte zu erleben“, so Haegele, die seit 2005 in dieser Funktion in Heslach tätig ist. „Viele befinden sich schon in einem fortgeschrittenen Stadium dieser Krankheit, das sind zum Teil sehr grausame Einzelschicksale. Aber wir erleben auch immer wieder, dass Angehörige auch nach dem Tod unserer Bewohner immer noch zu unseren Veranstaltungen kommen, um dabei zu sein, um ehrenamtlich tätig zu sein. Zum Teil nehmen sie auch weitere Anfahrtswege auf sich. Hier hat sich schon ein ganz besonderer Personenkreis gebildet.“

Seit zwei Jahren werden Fahrten in andere Städte des Landes angeboten, etwa zum Staatstheater Karlsruhe, zum Stadttheater Ulm oder zum Festspielhaus Baden-Baden. Vier solcher Fahrten bietet das Amsel-Theater mittlerweile jährlich an, vier weitere Aufführungen finden jährlich in dem Generationenhaus statt. Und in diesem Jahr, wenn das Amsel Theater sein 35-jähriges Bestehen feiert, hat der Wortkünstler und Dichter Timo Brunke seinen Auftritt im Generationenhaus zugesagt. Am 16. Juni kommt er nach Heslach.

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