Esslingen - Sobald der Begriff „vegan“ fällt, sprudeln die Worte nur so aus ihm heraus. Dann plaudert Tim Bengel über Kochtipps und Küchengeheimnisse, über fleischlose Geschmacksvariationen und grüne Gastro-Kreationen, über raffinierte Herdtricks und die „Power der Pflanzen“. Für Kochprofis und Herdjunkies sind seine Sätze ein Eldorado, Kochmuffel können ihm nicht so ganz folgen, werden aber von seiner Begeisterung mitgerissen. Denn der Esslinger Kunst-Shooting-Star bindet als überzeugter Veganer diese Form der Ernährung in einen umfassenden philosophischen Kosmos ein und glaubt, dass die kulinarische Revolution mit Messern und Gabeln die Welt ein Stück besser machen kann.
Veganes Erweckungserlebnis
Das Spielverderber- und Spaßbremsen-Image, das Nicht-Veganer Veganern gerne anheften, ist gegessen, meint Tim Bengel. Denn er möchte solche Vorurteile mit der Macht der Fantasie hinwegfegen. Im Corona-bedingten Telefoninterview zeichnet er wortgewaltig vegane Gerichtskombinationen, die allein durch ihre Schmackhaftigkeit überzeugen sollen. Das sind seine Mittel im Kampf um eine bessere Welt. Nicht mit der Gewalt der Waffen möchte er überzeugen, sondern mit der Gewalt des guten Geschmacks. „Mit vorbildlichem Beispiel ohne Dogmatismus und erhobenen Zeigefinger vorangehen“, lautet sein Credo. Er weiß, wovon er spricht. Denn der 29-Jährige hatte sein eigenes kulinarisches Erweckungserlebnis vor fünf Jahren. Während eines Familienurlaubs in Ägypten, so erzähltTim Bengel, hatte er sich den Magen verdorben und musste drei Tage das Bett hüten. Die erzwungene freie Zeit vertrieb er sich mit Videos von Tierschutzorganisationen, deren erschreckende Bilder ihn im tiefsten Inneren erschütterten. Er beschloss, aus praktischen wie aus ethischen Gründen zumindest während des Urlaubs auf Fleisch zu verzichten. Ein Entschluss, den er auch zu Hause beibehielt. Doch das neue „Veggie-Leben“ hatte schwergewichtige Folgen: Als noch nicht ganz so eingefleischter Vegetarier-Newcomer ersetzte er Fleisch durch Käse. Der hohe Fettgehalt führte zu zehn zusätzlichen, überflüssigen Kilos. Erst die Bekanntschaft mit Christian Weber, damals Inhaber einer veganen Kochschule in Stuttgart, brachte Tim Bengel ernährungstechnisch auf die für ihn passende Spur.
Veggie-Burger untergeschoben
Vom Vegetarier zum Veganer. Doch freudlose Stunden bei Tisch mit Soja und Tofu waren laut Tim Bengel nicht die Folge seiner kulinarischen Wandlung. Vegan könne durchaus geschmacklich freudvoll sein, meint er. Und er kann das mit einem Beispiel untermauern. Der Freund seiner Schwester bekam als überzeugter Fleisch-Fan unwissentlich einen Veggie-Burger untergeschoben: „Das ist das beste Fleisch, das ich je gegessen habe“, lautete das Fazit des Ahnungslosen. Für Tim Bengel mehr als nur eine Familienstory. Er ist von der veganen Vision überzeugt – denn sie erzeuge nur Gewinner. Er sei als Jugendlicher oft gesundheitlich angeschlagen gewesen, nun fühle er sich fit, gesund und pudelwohl. Und er setze ein Zeichen gegen die „industrielle Massentierhaltung“, Handlungen gegen das Tierwohl, Missstände in der Nahrungsbranche. „Was du nicht willst, dass man dir tu, das füge auch keinem andern zu“, zitiert er einen ethischen Grundsatz und betont einmal mehr, dass kein fühlendes Wesen wegen der Ausnutzung durch Andere solle leiden müssen. Auch darum habe er seine Ernährung umgestellt. Auch darum trage erk eine Klamotten, für die jemand sterben musste. Auch darum wolle er im Frühjahr ein veganes Restaurant in Stuttgarteröffnen. Das Know-how für seine Lebenseinstellung schöpft Tim Bengel auch aus seiner Ausbildung: Er hat Ernährungswissenschaften, aber auch Philosophie studiert.
Vegane Vorbilder
So setzt er auf die Revolution des veganen Geschmacks. Könnte sie nicht mangels Mitessern scheitern? Nein, Tim Bengelist überzeugt davon, dass diese grüne Revolution entgegen dem Georg-Büchner-Zitat nicht ihre eigenen Kinder fressen wird. Er verweist auf Formel-1-Crack Lewis Hamilton, auf Edel-Kicker Lionel Messi, auf Skandal-Musik-Oldie Billy Idol oder Football-Wunder Tom Brady. Sie alle lebten vegetarisch und vegan und würden damit beweisen, dass sich fleischlose Ernährung und Leistungsfähigkeit nicht ausschließen würden. Die meisten Menschen würden sich nur aus Angst vor ihrer Peer-Group, vor den Reaktionen ihres sozialen Umfelds, gegen eine vegane Lebensweise entscheiden. Doch hier hofft Tim Bengel, durch sein eigenes Beispiel, seine Vorreiterfunktion, seine veganen Geschmacksvariationen und vor allem durch Argumente überzeugen zu können. Die Ausbeutung von Tier und Natur könne so nicht weitergehen, meint der studierte Philosoph: „Daran glauben immer mehr“. Die Menschheit und ihre Kultur hätten sich von Anbeginn an ständig verändert. Auch die Abschaffung der Sklaverei sei in früheren Zeiten undenkbar gewesen, ebenso die Emanzipation der Frauen. „Keine Entwicklungen, keine Gewohnheit, kein Status quo ist für alle Zeiten in Stein gemeißelt“, meint er: „Längerfristig wird dieses System so nicht mehr laufen.“
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