Severin Köhler kandidiert in Ditzingen AfD-Funktionär ist weltweit unterwegs für die extreme Rechte

Der Ditzinger Severin Köhler bekleidete bereits viele AfD-Ämter, dennoch ist er recht unbekannt und voller Widersprüche. Foto: Simon Granville

Severin Köhler kandidiert bei der Gemeinderatswahl für die AfD. Der Ditzinger ist Sprecher der Jungen Alternativen, nimmt die Identitäre Bewegung in Schutz und hat in der Landespartei das wohl beste Netzwerk in die weltweit rechte Szene.

Ludwigsburg : Emanuel Hege (ehe)

Severin Köhler hat einen festen Händedruck und ein breites Lächeln. Er ist freundlich, aber auch kontrolliert – er nimmt sich Zeit zum Nachdenken, bevor er auf Fragen antwortet. Ansonsten ist der Sprecher der Jungen Alternativen Baden-Württemberg aber vor allem eines: unauffällig. Szene-Beobachter kennen ihn, wissen aber wenig. Auf Social Media ist er nicht zu finden, „damit ich nicht in Fettnäpfchen trete“, sagt er selbst. Und doch ist ein genauerer Blick auf den 28-Jährigen angebracht, der im Sommer für den Gemeinderat in Ditzingen kandidiert.

 

Denn im Gegensatz zu seiner unauffälligen Art, hat Severin Köhler ein großes Netzwerk in die internationale, teils extremistische rechte Szene. Er besucht regelmäßig Gleichgesinnte in Frankreich, Italien, Panama und den USA. Seit kurzem ist er Deutschland-Sprecher des weltweiten Patriots Network. Wer ist dieser Mann, der für Rechtsaußen um die Erde fliegt, Björn Höckes offiziell aufgelösten „Flügel“ nahesteht und sich mehr Zusammenarbeit mit der Identitäre Bewegung wünscht?

Schnelle Karriere in den Gremien der AfD

Köhler wächst in Ditzingen auf, macht das Abitur an der Ludwigsburger Karl-Schäfer-Schule, studiert an der Hochschule der Medien Stuttgart und interessiert sich früh für Politik. Es ist 2019, als er in die AfD und deren Jugendorganisation Junge Alternative (JA) eintritt und sich direkt engagiert. Die Gründe für den Eintritt seien die Europaskepsis der Partei und Jörg Meuthens Reden gewesen, in beidem hätte er sich wiedergefunden.

Schnell folgen die ersten Ämter: Zwischen 2022 und Februar 2024 ist er Teil des zerstrittenen AfD-Landesvorstands. Seit Ende 2022 ist Köhler Vorsitzender des AfD-Ortsverbandes Ditzingen/Gerlingen. Mitte des vergangenen Jahres wird Köhler zudem Sprecher der JA im Land. Die wird vom Landesverfassungsschutz als rechtsextremistischer Verdachtsfall bearbeitet. Die Bundes-JA, für dessen Vorstand Köhler 2021 vergeblich kandidierte, ist derweil gesichert rechtsextrem.

Besonders beachtenswert sind aber nicht seine Ämter, sondern sein Netzwerk in die internationale, teils extremistische Szene. 2019 ist er das erste Mal auf politischer Auslandsreise bei einer Veranstaltung im französischen Fessenheim. Marine Le Pen, Vorsitzende der rechtsextremen Partei Rassemblement National (RN), wettert dort laut Medienberichten gegen die Schließung eines Atomkraftwerkes, und gegen Migranten.

Köhler macht dort erste Bekanntschaften mit Gleichgesinnten aus Frankreich und der Schweiz. Er lädt sie laut eigener Aussage zu einem Sommerfest nach Ditzingen ein, viele kommen. In den darauffolgenden Jahren beteiligt sich Köhler bei einer Plakataktion des RN in Arles, unterstützt bei einer Kundgebung Matteo Salvinis in Sizilien und trifft in Belgien junge Entscheider der separatistischen Regionalpartei Vlaams Belang. Im Sommer 2020 fliegt Köhler auf die griechische Insel Lesbos und schreibt daraufhin einen Gastbeitrag über das Flüchtlingslager Moria für den verfassungsfeindlich eingestuften Ein-Prozent-Blog.

Bei einem USA-Trip trifft Köhler den Rechtspopulisten Steve Bannon

Für ihn stehe der Spaß am Netzwerken im Vordergrund, sagt Köhler. Für seine Karriere erhoffe er sich davon nichts. Doch sein Engagement fällt auf, vor allem den extremistischen Kräften in der AfD. Köhler bestreitet nicht, dass er enge Kontakte zum völkischen Flügel der Partei pflegt. Jedoch nicht vordergründig wegen der politischen Übereinstimmung, betont er – sondern weil es mit diesen Parteikollegen menschlich passe.

Es folgen zwei Ritterschläge. Der erste 2022, damals wird er vom Flügel-Anhänger und Europawahl-Spitzenkandidaten Maximilian Krah auf eine USA-Reise eingeladen. Die beiden treffen Steve Bannon, ehemaliger Berater Donald Trumps, Ex-Leiter der „far right“ Webseite Breitbart News und Influencer der extremen Rechten. Der zweite Ritterschlag folgt Ende 2023, Köhler wird zum Deutschland-Sprecher des neu gegründeten Patriots Network – ein Zusammenschluss von Jugendorganisationen populistischer bis rechtsextremer Parteien.

Bislang ist wenig über die Organisation bekannt, auf Social-Media präsentiert das Netzwerk seine Mitglieder beim Golfspielen und auf einem Empfang. Ein genauer Blick zeigt die politische Ausrichtung des Netzwerks. Da ist beispielsweise der Franzose Enzo Allias, der online mehrfach nicht weiße Franzosen als Abschaum bezeichnet. Der Österreicher Alessandro Kopeter fordert offen die sogenannte Remigration und der Amerikaner Will Donahue präsentiert sich als höriger Trump-Fanatiker. Was viele Patriots-Sprecher eint: Sie verbreiten auf Social Media Angst und Vorurteile gegen Migranten. Darauf angesprochen winkt Severin Köhler ab, als ob man diese Posts nicht zu ernst nehmen müsste. Mehrfach distanziert sich Köhler im Gespräch inhaltlich von Ausländerhass und verfassungsfeindlicher Politik. Aber nicht von den Menschen, die genau dies verkörpern.

Keine Berührungsängste zu extremistischen Organisationen

Er wisse selbst, dass das von außen betrachtet widersprüchlich wirken kann, sagt Köhler. Er hat laut eigener Aussage nichts dagegen, dass Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland leben. Remigration sei für ihn ein „utopisches Gedankenexperiment“, über das es sich nicht lohne zu streiten, sagt Köhler. Trotzdem arbeitet er mit Rechtsextremen zusammen, die die sogenannte Remigration und massenhafte Abschiebung fordern. Und sein eigener Landesverband postete im Januar auf Instagram: „Remigration? Kein Geheimplan, sondern unser Versprechen.“

Köhler pflegt ein kontrolliertes Auftreten, rassistische Entgleisungen anderer AfD-Politiker auf Demos oder auf Social-Media würden ihm wohl nicht passieren. Gleichzeitig zeigt er keine Berührungsängste zu extremistischen Organisationen der Neuen Rechten, die sich dadurch auszeichnen, Minderheiten zu diskriminieren. Eine politische Partei brauche ein aktivistisches Umfeld, sagt Köhler. Aus seinen Kontakten zur Identitären Bewegung und deren Abspaltungen macht er kein Geheimnis, für ihn könnte die Zusammenarbeit sogar noch intensiver werden. Die Mutterpartei sollte den Mut haben, die Verbindungen in die Neue Rechte zu stärken, sagt der 28-Jährige.

Wer ist Severin Köhler? Er ist ein internationaler Netzwerker der extremen Rechten und kandidiert gleichzeitig für den Gemeinderat Ditzingen. Er präsentiert sich als gemäßigter AfD-Politiker, umgibt sich jedoch mit der völkisch-nationalen Parteielite. Er gibt sich politisch moderat, als Vorbild nennt er Helmut Schmidt, und fordert gleichzeitig mehr Nähe zum modernen Rechtsextremismus. Schwimmt er mit, will er Karriere machen oder hat er sich in Widersprüchen verloren? Die Frage kann er wohl nur selbst beantworten.

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