November 2022. Schwester Marie-Pasquale Reuver hatte sich gar nicht selbst angemeldet und zudem um ein Haar auch noch den Termin verpasst. Zwei Tage vor dem Poetry-Slam-Wettbewerb an der Uni Stuttgart-Hohenheim realisierte sie gerade noch rechtzeitig, dass sie sich jetzt endlich ans Schreiben machen sollte. Wenig später stand die Ordensfrau, weißes Krägelchen, grau-schwarzes Gewand, in festem Schuhwerk, ein hölzernes Franziskuskreuz um den Hals neben all den Poetry-Slam-Größen auf der Bühne und las ihren Text: „Das Damals wird zum Jetzt, der Körper reagiert wie das kleine ohnmächtige Mädchen und will nur noch wegrennen, sich vor Angst verkriechen, einfach nur nicht sein, starr hält sie aus – ihre Seele ist längst schon emigriert, in ein fernes Land, in dem nichts gefühlt wird.“
Die heute 39-Jährige sprach zum ersten Mal nicht nur im Freundeskreis über eigene Erfahrungen sexualisierter Gewalt. Sie tat es öffentlich. Heute sitzt sie am Esstisch in der Wohnung im Birkacher Pallotti-Quartier, wohin die Gemeinschaft der Franziskanerinnen von Siessen sie als Quartiersmanagerin entsandt hat, und lacht herzlich, wenn sie von dem Abend erzählt. Sollte sie auch nur eine Sekunde gezweifelt haben, mit ihrem Bekenntnis zu weit gegangen zu sein, lehrte sie der Verlauf des Abends beim Schlangestehen an der Toilette eines Besseren. Sechs Betroffene sprachen sie an und erzählten.
Die Hochschulseelsorgerin hatte einen für ihre Kirche sehr unkonventionellen Weg beschritten, Missbrauch zu thematisieren. Nicht abstrakt, sondern sehr persönlich – und sehr authentisch. Das Eingeständnis der eigenen Verletzlichkeit brach das Schweigen. Aber es zeigt in ihrer Person auch, wie kraftvoll Betroffene mit dem Erlebten umgehen können, produktiv für andere. Betroffene sind mehr als ihre Missbrauchserfahrung. Sie sind Studierende, Postbeamte oder Poetry-Slamerin.
All das hat die Ordensfrau geahnt, ja eigentlich bereits gewusst. Denn so erlebte sie es in ihrer Zeit als Seelsorgerin in einer psychosomatischen Klinik. So beobachtet sie es aktuell in ihrer Arbeit als Hochschulseelsorgerin in Hohenheim. Wenn sie erwähnt, sie promoviere über „Glaube bei Missbrauchserfahrungen“, hat das ähnliche Wirkung wie ihr Poetry-Slam-Auftritt oder ihre Instagram-Posts. Und weil sie findet, dass Kirchengemeinden bei diesem Thema eine ganz besondere Verantwortung tragen, hat sie ihre Erfahrungen und Empfehlungen aufgeschrieben. „Missbrauchsbetroffenen in Kirche und Gemeinde sensibel begegnen“ heißt das Bändchen.
Hört man ihr zu, begreift man schnell: Sie konnte gar nicht anders. „Ich kann im meiner Arbeit in dieser Kirche gerade nur gut sein, wenn ich aktiv daran beteiligt bin, einen anderen Umgang zu leben.“ Ihr gehe es darum, „Menschen mit Würde zu begegnen, besonders denen, von denen ich weiß, ihre Würde wurde mit Füßen getreten“. Die eigene Geschichte schwingt dabei dezent mit, steht aber nie im Vordergrund. Doch ohne die Erfahrung, schiebt sie nach, „hätte ich das Buch nicht geschrieben“.
Missbrauch zerstört auch den Glauben
Die große MHG-Studie zum Missbrauch in der römisch-katholischen Kirche in Deutschland von 2018 und die jüngst veröffentliche Forum-Studie der evangelischen Kirche könnten nur der Anfang sein. Denn in den Gemeinden treffen mit großer Wahrscheinlichkeit Betroffene und Täter aufeinander. Neben Priestern sind das auch Väter, Onkel und Brüder, die außerhalb kirchlicher Zusammenhänge in der Familie sexualisierte Gewalt ausgeübt haben oder ausüben. Aber es sind eben auch Priester, die zu Tätern wurden. Wer ihnen hilflos ausgeliefert war, kann mit dem Vertrauen in die Institution Kirche auch seinen Glauben verlieren.
Wie aber begegnet man den Betroffenen in der Kirchengemeinde? Als einfaches Gemeindemitglied, als Seelsorger, Pastoralreferentin oder Hausmeister. Als Mensch.
Wie Laien helfen können
Die Aufgabe kann einem riesengroß vorkommen. Doch Schwester Marie-Pasquale beruhigt: „Das gehört in die Hände von ausgebildeten Therapeut:innen.“ Doch den Weg zu Hilfe und Beratung aufzuzeigen, das können Laien schon. Meist tasten die Betroffenen ohnehin ab, ob sie ihrem Gegenüber vertrauen können, hören sich einen Gottesdienst an oder suchen ein unverfängliches Gespräch – bei der Chorprobe etwa. Oft sind es ganz unspektakuläre Reaktionen, die eine zugewandte Haltung signalisieren und vertrauensbildend wirken. Nicht zu verstummen, nicht zu schweigen, sondern zuzuhören, wenn nötig auch die eigene Unsicherheit zuzugeben, sind einige der Kernbotschaften Schwester Marie-Pasquales. Oft hat sie erlebt, dass Menschen nach einem Gottesdienst sitzen bleiben. In solchen Situationen können Gespräche beginnen. Ganz leise.
„Alles, was die Angst nimmt und das Thema enttabuisiert, kann helfen. Wenn Täter nicht mehr damit rechnen können, dass Taten verschwiegen werden, ist das der beste Schutz vor weiteren Taten.“ Was nicht heiße, dass man detaillierte Schilderungen des Missbrauchs erfragen soll. Wohl aber, dass man den Menschen signalisiere, ihnen zu glauben. Ein Satz wie „Dir ist Unrecht geschehen“ bringe das zum Ausdruck und ist manchmal das, worauf manche seit Jahrzehnten warten.
Als ein Betroffener sagte, die Farbe Schwarz triggere ihn, erschien sie in Jeans und T-Shirt zum Gespräch. Und der Frau, die nach Jahrzehnten ehelicher Gewalt ihren Ehemann beerdigen musste und nicht wusste in welchem Rahmen, bot sie an, das nur in Gegenwart der Witwe und deren Schwester zu tun. Ohne große Trauergemeinde, als Abschluss eines schmerzvollen Lebensabschnitts. Die Entscheidung hat die Frau selbst getroffen. Genauso war es gut für sie.
Infos
Person
Schwester Marie-Pasquale gehört zur Gemeinschaft der Franziskanerinnen von Siessen. Sie ist Logotherapeutin und hat Theologie studiert. Als Pastoralreferentin ist sie Hochschulseelsorgerin der Ökumenischen Hochschulgemeinde Hohenheim und Quartiersmanagerin im Pallotti-Viertel in Birkach.
Buch
Schwester Marie-Pasquale Reuver: Missbrauchsbetroffenen in Kirche und Gemeinde sensibel begegnen. Patmos-Verlag, 20 Euro.
Termin
Die Autorin stellt ihr Buch am 14. April, 19 Uhr im Gemeindezentrum Padua St. Antonius, Wollgrasweg 11, Hohenheim vor.