Lernkurve nennt Kerstin Claus mit einem höflich-wertschätzenden Wort das, was die Gesellschaft ihrer Meinung nach durchlaufen muss. Sie sagt nicht, dass sie das Gefühl habe, im falschen Film zu sitzen und „Täglich grüßt das Murmeltier“ zu schauen. Jenen Film, in dem dieselbe Geschichte immer wieder von vorne anfängt. Denn schon 2011 war im Abschlussbericht des Runden Tisches Sexueller Kindesmissbrauch von notwendigen Präventionskonzepten für Kinder und Jugendliche gegen sexuellen Missbrauch die Rede. Die großen Missbrauchsskandale am Berliner Canisius-Kolleg, an der Odenwaldschule und im Kloster Ettal sind dem vorausgegangen und damit eine große gesellschaftliche Erschütterung. Das ist jetzt über ein Jahrzehnt her.
Wahrscheinlich kann nur jemand mit einer Vita wie Kerstin Claus sagen: „Wir müssen von der Hilflosigkeit und der Über-Emotionalisierung wegkommen.“ Denn es ist oft immer noch so, dass bei jedem aufgedeckten Missbrauchsfall das Entsetzen und die Betroffenheit groß sind, wie der Nachbar oder der Kollege zum Täter werden konnte. Die 54-Jährige saß über mehrere Jahre ehrenamtlich im Betroffenenrat beim Unabhängigen Beauftragten der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindermissbrauchs. Seit 1. April 2022 bekleidet sie selbst das Amt der Missbrauchsbeauftragten. Ihre Vorgänger waren die ehemalige SPD-Familienministerin Christine Bergmann und der Jurist Johannes-Wilhelm Rörig. Und nun Kerstin Claus, die sehr genau weiß, wovon Betroffene erzählen und was sie dabei bewegt, auch wenn sie in eigener Sache mit Äußerungen sehr zurückhaltend ist. Weil sie nicht will, dass ihre „Biografie das Amt überlagert“. Nur so viel vielleicht: „Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass Betroffene an viele Türen klopfen. Es kann sehr mühsam sein, Akzeptanz und Unterstützung zu finden.“
Weg von der Hilflosigkeit
Und aus ihrer langjährigen fachlichen Beschäftigung mit dem Thema weiß Claus außerdem, „dass sexuelle Gewalt nicht zufällig, nicht aus Überforderung und nicht aus Impulsivität heraus geschieht, sondern dass sie eine sehr manipulative strategische Gewaltform ist. Und die richtet sich nicht nur an Kinder, sondern manipuliert auch das erwachsene Umfeld der Kinder.“ Deshalb zielt der Satz von der Hilflosigkeit und Über-Emotionalisierung in Richtung Gesellschaft, die sich mit dem Gestus der allzu großen Bestürzung oft in Untätigkeit flüchtet. Das soll sich ändern. An ihrer Parteilichkeit für die von sexuellem Kindesmissbrauch Betroffenen lässt Kerstin Claus also keinen Zweifel – und setzt weiter auf die Lernkurve und ihre Kommunikationsfähigkeiten. Claus hatte lange als Journalistin gearbeitet und ist systemische Organisationsberaterin. Sie ist eine Frau, die Menschen miteinander ins Gespräch bringen kann.
Ein Amt, das ein Gesetz bekommen soll
Ortstermin in Berlin. Die Unabhängige Beauftragte der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, wie der korrekte Titel ihres Jobs lautet, hat ihr Büro fünf Minuten vom Hauptbahnhof im Haus des Bundesforschungsministeriums. Claus will produktiv sein, will hier etwas bewegen. Das merkt man schon daran, dass sie in einer Stunde so viel Themen unterbringt wie andere vielleicht in der doppelten Zeit. Fokussiert könnte man dieses Art, die Themen anzugehen, auch nennen.
Kerstin Claus sagt, ihr Amt sei ein Amt, „das ich nicht ablehnen konnte und wofür ich das Pendeln in Kauf nehme“. Sechs Stunden hin, sechs Stunden zurück. Die Nähe zum Bahnhof ist praktisch. „Aber wir sind hier nur eingemietet und müssen bald umziehen“, sagt die Hausherrin. Der bevorstehende Umzug heißt jedoch nicht, dass das, was sie tut, für sie auch nur annähernd den Charakter des Vorübergehenden hat. Das Amt müsse verstetigt werden und brauche ein Gesetz, das seine Aufgaben definiere. Daran arbeiten sie und das Amt gerade.
Seit fast genau einem Jahr ist die gebürtige Bayerin im Amt. Im März 2022 berufen von der damaligen Bundesfamilienministerin Anne Spiegel (Grüne), die wenig später von ihrem Amt zurücktreten musste. Auch Kerstin Claus ist Mitglied der Grünen, hat im Wahlkreis Mainz-Bingen bei der Landtagswahl 2020 kandidiert. Knapp 20 Stellen stark ist ihr Team. Unabhängig und parteiübergreifend, wie Kerstin Claus betont. Wenn auch finanziell angedockt am Etat der Bundesfamilienministerin Lisa Paus (Grüne).
Schutz darf nicht vom Zufall abhängen
Manche nennen ihre Aufgabe das wichtigste Amt oder auch das schwerste in der Bundesregierung. Oder sagen: „Das könnte ich nie machen.“ Für Claus schwingt da Überforderung mit dem Thema mit, aber auch Erleichterung, alles, was mit sexuellem Missbrauch zu tun hat, „gesellschaftlich an mich wegdelegieren zu können“. Und deshalb erklärt sie immer wieder mit großer Geduld, wie sie sich eine Gesellschaft mit Schutzkonzepten vorstellt, in der jeder Einzelne die Kompetenz hat, Situationen zu erkennen, in denen Kinder gefährdet sind. In der der Schutz von Kindern und Jugendlichen nicht mehr vom Zufall abhängt.
Denn auch Kinder, die sexuellen Missbrauch in der Familie erleben, „sind viele Stunden des Tages in der Schule und zeigen vielleicht Auffälligkeiten“. Überall, wo Kinder und Jugendliche gefährdet sein können, brauche es Handlungskompetenz und Beschwerdestellen, die es möglich machen, über das Thema sexueller Missbrauch zu sprechen. „Kinder und Jugendliche müssen wissen, was sexueller Missbrauch ist, damit sie wissen, was ihnen womöglich gerade geschieht, und ermutigt werden, sich Hilfe zu holen“, sagt Kerstin Claus.
Die Worte, die sie selbst damals für den sie missbrauchenden Pfarrer und auch Lehrer gefunden hatte, waren: „Ja, er hilft mir sehr. Aber er fordert auch Gegenleistungen dafür.“ Deuten konnte das offenbar niemand. Mit dieser Erfahrung war sie nicht alleine. Man geht davon aus, dass Kinder bis zu fünf Erwachsene ansprechen, bis sie Hilfe bekommen. Aber auch diese Zahlen will Claus mit einer Studie von der Schätzung in wissenschaftlich fundiertes Wissen überführen und das Dunkelfeld ausleuchten.
Claus fordert verbindlich verankerte Schutzkonzepte in Sport- und Musikvereinen und Schulen, an welche die finanzielle Förderung gekoppelt ist. Und in die Ausbildung in den sozialen Berufen müsse das Thema sexueller Missbrauch und wie man gegen ihn angeht, ebenfalls Eingang finden. Und wer schon im Job steht, soll nachgeschult werden. Kurz: „Wir brauchen einen Verhaltenskodex, wie wir miteinander umgehen.“ All das soll in das neue Gesetz, das – wenn alles gut geht – im nächsten Frühjahr verabschiedet werden soll.
Macht darf nicht bei den Tätern bleiben
Ginge es nach Kerstin Claus, stünde in dem Gesetz für Betroffene auch das zeitlich nicht begrenzte Recht auf Aufarbeitung. Dazu gehören Akteneinsicht bei Institutionen wie Schulen, Kirchengemeinden oder in Heimen, das Recht auf Begleitung bei diesem Prozess, auf Gespräche auf Augenhöhe und das Recht auf Sichtbarmachung. „Wenn damals keiner hinsehen konnte oder wollte, muss es heute geschehen“, sagt Claus. Das sei das Mindeste, was geschehen müsse, wenn die Gesellschaft über Jahrzehnte nicht hinschauen wollte. „Betroffene haben das Recht auf diesen Teil ihrer Biografie. Verweigert man ihnen dieses Recht, bleibt die Macht weiter bei den Tätern und Täterinnen.“ Für manche Institutionen könnte das eine ziemlich steile Lernkurve werden.
Info
Hilfetelefon
Das Hilfe-Telefon Sexueller Missbrauch (0800 22 55 530) ist die Anlaufstelle für Betroffene von sexueller Gewalt in Kindheit und Jugend, für Angehörige sowie Personen aus dem sozialen Umfeld von Kindern, für Fachkräfte und für alle Interessierten. Die Berater:innen am Telefon unterstützen bei allen Fragen zum Thema, anonym und kostenfrei, wenn gewünscht auch online.