Sharon Anderson – das doppelte Lottchen Skurrile Hobby-Kombination: Eishockey und Basketball

Sharon Anderson (re.) im Trikot der Black Panthers Bad Liebenzell – im Basketball trägt sie den Dress des TSV Malmsheim. Foto: /Andreas Koeberle

Sharon Anderson besitzt zwei Staatsbürgerschaften, die Familie lebt auf zwei Kontinenten und sie betreibt zwei sehr verschiedene Sportarten – Eishockey im Männer-Team und Basketball mit den Frauen.

Sport: Jürgen Kemmner (jük)

Manchmal hat man so ein Gefühl, das sich nicht rational erklären lässt. Etwas treibt einen an, etwas ganz Bestimmtes zu tun. Unerbittlich. Gnadenlos. Für Sharon Anderson war es die Pflicht, ihre Eishockey-Ausrüstung einzupacken, als sie sich vor acht Jahren mit einem Rucksack und zwei Koffern von Kanada nach Deutschland aufmachte – obwohl sie eigentlich nicht mehr aufs Eis gehen und einer Scheibe nachjagen wollte. Und obwohl für Schützer, Schläger und Schlittschuhe ordentlich was fürs Übergepäck fällig wurde. „Ich hatte so was wie eine Eingebung“, sagt die 30-Jährige.

 

Es war eine Reise zurück in ihr Geburtsland. In Calw war sie zur Welt gekommen. Bis sie fünf war, lebte die kleine Sharon mit ihrer deutschen Mutter und ihrem kanadischen Vater im Nordschwarzwald, bevor die Familie in die Heimat des Vaters nach Winnipeg übersiedelte. Dort wurde sie größer, genau wie ihr Wunsch, die gleiche Sportart auszuüben wie Dad. „Ich wollte wie er im Eishockey ins Tor“, erzählt Sharon Anderson, „doch das hat er nicht zugelassen.“ Also wurde sie eben Feldspielerin, eine Verteidigerin, weil der Drang ihn ihr stärker war, Tore zu verhindern anstatt welche zu schießen. Ihre Schwester Michelle wurde Stürmerin.

Und Miss Anderson war ziemlich talentiert im Umgang mit der kleinen Hartgummischeibe und dem Schläger, sodass sie für die University of Manitoba ihre Knochen hinhalten durfte. „Wir haben in der damals höchsten kanadischen Frauen-Liga gespielt“, erzählt die Rückkehrerin.

Mit 22 Jahren wollte sie ein Sabbatjahr im Eishockey einlegen, die Studentin der Sportwissenschaft trug sich für ein Auslandssemester in good old Germany ein und reiste mit Sack, Pack und der Ausrüstung nach Trier. Aus dem Studiensemester wurden der Liebe wegen Jahre – auch nach dem Ende der Beziehung sah Sharon Anderson keinen Anlass, wieder ins kalte Kanada zurückzukehren. Sie blieb in Deutschland, zog nach Möttlingen in die Nähe von Calw, wo noch immer die Familie ihrer Mutter lebte, und ließ sich zur Industriekauffrau ausbilden.

Blaue Flecke in beiden Sportarten

In der neuen Wahlheimat Malmsheim sollte ihre zweite sportliche Bestimmung folgen. Freundin Elena spielt Basketball beim örtlichen TSV in der Oberliga, und weil Sharon Anderson mit ihren 1,83 Metern viele ihrer Geschlechtsgenossinnen überragt, dauerte es nicht allzu lange, bis Elena sie fragte, ob sie nicht vielleicht mal ins Basketball-Training des Clubs schauen wolle. „Ich hatte an der Uni in Kanada auch Basketball gespielt“, sagt die Deutsch-Kanadierin, „also bin ich hin und dabei geblieben.“

Sharon Anderson ist so was wie ein doppeltes Lottchen. Sie besitzt zwei Nationalitäten, ihre Familie lebt dies und jenseits des Atlantik und als Spitze dieser Zweiteilung betreibt sie zwei völlig verschiedene Sportarten – das (eigentlich) körperlose Basketball und das robuste Eishockey. „Ich kann versichern“, sagt sie, schmunzelt und fährt fort, „ich habe schon in jeder dieser Sportarten blaue Flecke kassiert.“

Manche Männer sind frustriert

Denn im Sommer 2023 hat Sharon Anderson erfahren, warum sie vor acht Jahren die Eishockey-Utensilien nach Deutschland geschleppt hat. Die Vorsehung erfüllte sich. „Ich hatte plötzlich wieder Lust auf Eishockey“, berichtet die Sportlerin. Sie kennt das Polarion in Bad Liebenzell, beim dortigen Club stand ihr Vater einst im Tor, also fragte sie an, ob die Männer eine Frau benötigen, die mit Schläger und Puck umzugehen weiß – und in dieser Saison fährt Sharon Anderson in der Hobbyliga für die Black Panthers aufs Eis. Als einzige Frau im Team. „Ich bin vom Körpergewicht her im Nachteil“, erzählt die Verteidigerin, „aber ich bin schnell und habe eine gute Stocktechnik. Da habe ich schon manchen Mann frustriert.“

Zeitknappheit macht zu schaffen

Allerdings musste die doppelte Sharon ihrer neuen, alten Liebe etwas opfern. Aus Zeitgründen, die Pendelei nach Liebenzell frisst eine halbe Stunde pro Strecke, ist es ihr nicht mehr möglich, zweimal pro Woche mit den Oberliga-Basketballerinnen des TSV zu trainieren – sie hat sich zum TSV II versetzen lassen, der in der Landesliga spielt. „Sport ist mein Leben“, sagt sie, „ich bin glücklich, dass es so funktioniert.“ Sharon Anderson bräuchte eine Zwillingsschwester mit exakt den gleichen Fähigkeiten und Neigungen ...

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