Can Dostlar bedeutet übersetzt so viel wie beste Freunde. Can Dostlar ist auch der Name des türkischen Cafés, in dem die Handlung der neuen Inszenierung des Sindelfinger Ensembles Teatro Cosmokult spielt. „Kitchen Stories“ heißt dieses Stück, das im Rahmen der Biennale Sindelfingen ab Freitag im Pavillon gezeigt wird. Neben dem eigentlichen Ensemble spielen hier auch Geflüchtete mit, die über eine Kooperation mit dem AK Asyl erste Theatererfahrungen sammeln. Für ein anderes Ensemblemitglied soll dies dagegen wohl der endgültige Abschied von der Bühne werden.
Hauptfigur ist die junge Leyla (Selin Öztürk), die das türkische Café ihrer Großeltern zusammen mit einem Haufen Schulden, Kakerlaken und vieler weiterer Probleme übernommen hat. Es herrscht Krisenstimmung, weswegen Leyla und ihre Familienmitglieder, die den Laden mit ihr betreiben, regelmäßig wegen allen möglichen Themen leidenschaftlich aneinander hochgehen. Mit derselben Leidenschaft kümmert sich das Team aber auch um seine Gäste, weswegen sich hier alle wie ein Teil einer Großfamilie fühlen – und sich mit vereinten Kräften dafür einsetzen, das Café vor dem Untergang zu retten.
Der Schwerpunkt liegt auf interkultureller Begegnung
„Es ist eine kleine Utopie“, sagt Annette von der Mülbe. Gemeinsam mit Anke Marx führt sie Regie bei diesem aus dem Ensemble Teatro Cosmokult selbst heraus entwickelten Stück. Die beiden Theaterpädagoginnen arbeiten schon seit rund 15 Jahren zusammen und haben mehr als zehn Jahre lang in Kooperation mit dem Sindelfinger Partnerstadtverein ISPAS und gefördert von EU-Geldern den internationalen Theater-Workshop „Jugend in Aktion“ geleitet. Die Themen interkulturelle Begegnung, Migration, Flucht und Integration bestimmten auch weiterhin ihre gemeinsame Arbeit.
Die Wurzeln des 2022 als Teatro Cosmokult gegründeten Vereins reichen weit zurück. Vor fünf Jahren nannte sich das Ensemble noch Club Esperanto und 2012 wirkten bereits einige Mitglieder bei „Alte Koffer – Neue Träume“ mit, dem preisgekrönten Theaterprojekt der Bürgerstiftung Sindelfingen über deutsch-türkische Biografien.
Nach der in einem Logistikzentrum angesiedelten Produktion „Alles ausgeliefert“, mit der das Teatro Cosmokult erst im November warmherzig, klug und humorvoll das Unmenschliche der modernen Konsum- und Wegwerfgesellschaft thematisiert hat, präsentiert der Verein jetzt mit „Kitchen Stories“ erneut ein Stück, das Menschen vom vermeintlichen Rande der Gesellschaft in den Fokus rückt. Wobei Annette von der Mülbe hier deutlich widersprechen würde: „Sie sind nicht der Rand der Gesellschaft, sondern absolut die Mitte“, verweist sie auf ihr Ensemble, das von der Erzieherin über die alleinerziehende Mutter bis hin zur Kriminalhauptkommissarin einen repräsentativen Querschnitt der Gesellschaft abbilde.
Die Regisseurin spricht deshalb auch eher von den „Heimatlosen der Gesellschaft“. Dazu zählen viele der Geflüchteten, die sich jeden Donnerstag im Café International treffen, das der AK Asyl seit 2015 in Sindelfingen betreibt. In der Vorbereitung für das Stück hatte Annette von der Mülbe das Café regelmäßig besucht und niederschwellige Theaterworkshops angeboten.
Nach einiger Zeit hatte sie eine kleine Schauspieltruppe mit Menschen aus Afghanistan, Somalia, China und der Ukraine zusammen. „Die sind nach dem Proben immer ganz befreit und mit einem Lächeln rausgekommen“, berichtet Andrea Frommherz, die Vorsitzende des Fördervereins AK Asyl. In dem Stück werden sie sich selbst spielen und als Café-Gäste ganz persönliche Geschichten und Erinnerungen über einen Ort erzählen, der alle Menschen zusammenbringt und an dem alle willkommen sind: die Küche.
Während der Auftritt im Pavillon für einige das allererste Bühnenerlebnis überhaupt sein wird, will Annettes Vater, Uli von der Mülbe, sich mit diesem Stück vom Theaterpublikum verabschieden. Der ehemalige Lehrer, der am Sindelfinger Goldberg-Gymnasium die Theater AG begründet und das Sindelfinger Bühnenleben geprägt hat wie kaum ein anderer, wird in zwei Wochen 80 Jahre alt. Aber bevor für ihn der letzte Vorhang fällt, will er als „König der Kakerlaken“ noch einmal so richtig die Bühne rocken.
Premiere im Pavillon der IG Kultur ist am Freitag, 30. Juni, um 19.30 Uhr. Weitere Vorstellungen sind am 1., 2., 14., 15. und 16. Juli. Karten unter Telefon 0 70 31 / 94 325 beim i-Punkt.