Söhrenbergweg Waiblingen-Neustadt Hoch umstrittenes Baugebiet
In Waiblingen fehlt Wohnraum, doch auch Flächenversiegelung ist ein Problem. Die Ali-Fraktion bestärkt Eigentümer darin, ihre Grundstücke am Söhrenbergweg nicht zu verkaufen.
In Waiblingen fehlt Wohnraum, doch auch Flächenversiegelung ist ein Problem. Die Ali-Fraktion bestärkt Eigentümer darin, ihre Grundstücke am Söhrenbergweg nicht zu verkaufen.
Ruth Albeck redet nicht drumherum. „Ich verkaufe nicht“, sagt die Waiblingerin – nicht zum ersten Mal. Sie hat es zum Beispiel schon öffentlich in der Bürgerfragestunde des Gemeinderats kundgetan. Jetzt steht sie vor der Gärtnerei, die sie zusammen mit ihrem Mann Gustav Gutmann am Söhrenbergweg im Teilort Neustadt betreibt, und bekräftigt ihre Absage ein weiteres Mal. Sie wird das rund 1,3 Hektar große Gelände, auf dem ihr Wohnhaus – einst das Elternhaus ihres Vaters – eine Garage und mehrere Gewächshäuser stehen, nicht an die Stadt Waiblingen verkaufen.
Das Haus der Eheleute gehört zu den letzten Gebäuden an dem schmalen Weg ohne Bürgersteig. Dieser führt unterhalb des Friedhofs ins Grüne, in ein Landschaftsschutzgebiet mit Streuobstwiesen und Weinbergen. An dessen Rand, auf einem fast fünf Hektar großen Gebiet zwischen Söhrenbergweg, Bühlweg und Seestraße, will die Stadt Waiblingen ein neues, klimaneutrales Wohnquartier entwickeln. Laut Verwaltung sollen unterschiedliche Wohnformen – Einfamilien- und Doppelhäuser, Mehrfamilienhäuser sowie kostengünstige Mietwohnungen – entstehen. Die Stadt will bei dem Gebiet wie schon anderswo das Waiblinger Baulandmodell anwenden. Das bedeutet, dass der Bebauungsplan erst umgesetzt wird, wenn alle Grundstücke des künftigen Baugebiets ihr gehören. So will die Verwaltung unter anderem Baulücken und Grundstücksspekulationen verhindern.
Doch das Projekt ist sehr umstritten, hat sowohl in der Bürgerschaft als auch im Gemeinderat Befürworter und strikte Gegner. Deshalb hatte die Stadt für das geplante Baugebiet ein Bürgerbeteiligungsverfahren gestartet und der Gemeinderat daraufhin Ende April 2021 beschlossen, die Verwaltung solle während dieses laufenden Verfahrens darauf verzichten, Grundstücksverhandlungen im Gebiet Söhrenbergweg zu führen.
„Die meisten, die hier wohnen, sind gegen das Baugebiet“, sagt Ruth Albeck, die sich auf die Zucht von Sukkulenten spezialisiert hat, während ihr Mann vor allem Tomaten anbaut. Sie beide seien aber auch schon angefeindet worden wegen ihrer ablehnenden Haltung. Andererseits gebe es noch einige andere Eigentümer, für die ein Verkauf nicht in Frage komme.
Auch innerhalb der einzelnen Gemeinderatsfraktionen gibt es sehr unterschiedliche Sichtweisen zum Projekt Söhrenbergweg. Die dreiköpfige Fraktion Alternative Liste (Ali) allerdings ist sich einig, dass das Gebiet keinesfalls bebaut werden sollte und kritisiert die damit einhergehende weitere Versiegelung von Grünflächen. Nun hat die Fraktion beantragt, dass die Stadtverwaltung zunächst mit Grundstückseigentümern wie Ruth Albeck abklärt, ob sie grundsätzlich bereit sind, ihr Land zu verkaufen. Falls einzelne Grundstücksbesitzer nicht damit einverstanden sind, „wird das Vorhaben nicht weiterverfolgt und alle Aktivitäten dafür werden aufgegeben“, heißt es in dem Ali-Antrag, über den der Ausschuss für Wirtschaft, Kultur und Sport an diesem Donnerstag debattieren und abstimmen soll.
„Wir wussten zu Beginn des Bürgerbeteiligungsverfahrens nicht, dass einige Leute nicht verkaufen wollen“, begründet der Fraktionsvorsitzende Alfonso Fazio den Antrag zum jetzigen Zeitpunkt. Sollte das weiter so bleiben, dann würde das heißen, dass das Gebiet nicht nach dem Waiblinger Baulandmodell entwickelt werden kann.
Das Bürgerbeteiligungsverfahren, an dem zunächst jeder teilnehmen konnte, läuft inzwischen in einer neuen Form: Auf Anraten von externen Moderatoren wurde eine kleinere Arbeitsgruppe, die Spurgruppe, gebildet. Sie besteht aus Bürgerinnen und Bürgern, Fachleuten, den Moderatoren und soll, so heißt es, „konkrete Vorgaben für den Söhrenbergweg auf die Spur bringen“. Für Oktober und November sind weitere Treffen der Gruppe geplant.
In den Augen von Ruth Albeck ist der Vorschlag der Ali-Fraktion, erst die Eigentümer zu befragen, ein guter Ansatz: „Es kostet ja jede Menge Geld, wenn sie jetzt planen, und dann verkauft jemand sein Land nicht.“ Für den Fraktionsvorsitzenden Alfonso Fazio wiederum sind Menschen wie Ruth Albeck die große Hoffnung: „Wir hoffen, dass die Leute, die nicht verkaufen wollen, standhaft bleiben. Nur so kann das Gebiet unserer Ansicht nach verhindert werden.“