InterviewHaustiere „Je näher Tiere bei Herrchen sind desto besser“

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Gehören Haustiere ins Bett? Wenn weder eine Allergie noch ein leichter Schlaf dagegen sprechen – auf jeden Fall, sagt die Tier-Therapeutin Anette Bull. Die Nähe tut Mensch und Tier gleichermaßen gut.

Sozialpädagogin Anette Bull mit ihren Therapie-Hunden. Foto: Anette Bull
Sozialpädagogin Anette Bull mit ihren Therapie-Hunden. Foto: Anette Bull

Hannover/Stuttgart - Alle lieben Hunde und/oder Katzen! Alle? Nicht alle, aber sehr, sehr viele! Bei rund 13,4 Millionen Katzen und 8,6 Millionen Hunden, die unter deutschen Dächern leben, kann man ohne Übertreibung sagen: Deutschland ist ein Paradies für Haus- und Heimtiere.

Ebenfalls sehr viele der geliebten Vierbeiner dürfen nachts zu Herrchen und Frauchen ins Bett schlüpfen. Katzen und Hunde haben ihre Schlafdecke und ihr Körbchen, wo sie es sich nachts gemütlich machen können. Doch der schönste Platz ist immer noch bei den vertrauten Zweibeinern in deren Schlafzimmer.

Wir sprachen mit der Sozialpädagogin und Tier-Therapeutin Anette Bull über Formen und Auswüchse der Mensch-Tier-Beziehung:

Lesen Sie auch unsere große Multimedia-Reportage zu Haus- und Heimtieren.

Für Tiere ist der Kontakt zu anderen eminent wichtig

Frau Bull, wohin gehören in der Nacht Hunde und Katzen? Ins eigene Körbchen oder in das Bett von Herrchen und Frauchen?
Hunde und Katzen lieben den Kontakt zu ihrem Herrchen und Frauchen und von klein auf das Kontakt-Liegen. Sie suchen sich Plätze, wo sie sich wohlfühlen. Das kann auch das heimische Bett sein. Dort ist eine sichere Basis. Im Verhalten der Tiere ist der Kontakt zu anderen eminent wichtig. Für Hunde sowieso. Je näher bei Herrchen und Frauchen desto besser. Katzen können sich durchaus zu Einzelgängern entwickeln, eventuell gehen sie dann etwas auf Abstand. Sie zeigen dann schon, was sie lieber mögen.
Wieso ist dieses Verhalten bei Hunden so ausgeprägt?
Hunde sind Rudeltiere, die in engen sozialen Gefügen leben. Es gibt wenige Hunde, die die Nähe zum Menschen nicht mögen. Allerdings haben auch Hunde Phasen, wo sie mehr Abstand brauchen, manchmal schlichtweg, weil es ihnen zu warm wird. Aber normalerweise sind sie gerne in der Gruppe – und das auch nachts.
Was spricht gegen Tiere im Bett?
Wenn Tierhalter auch sonst mit ihren Tieren zusammenleben können und keine Allergien oder kein Asthma haben, gibt es keinen Grund Hund oder Katze nicht zu sich ins Bett zu lassen. Wenn ich auf der Coach neben meiner Katze liege und das problemlos vertrage, dann vertrage ich das auch nachts im Bett.

Über Risiken informiert sein

Manche haben Angst vor Krankheiten, Parasiten und sonstigen Ungeziefer.
Jeder muss für sich klären, ob und welche er Risiken auf sich nehmen will. Wenn Hund und Katze medizinisch so gut behandelt sind, dass sie keine Parasiten tragen, ist das kein Problem. Aber: Die Parasiten siedeln sich in der Matratze genauso an wie auf dem Teppich oder im Sessel.
Was macht man, wenn die Tiere älter und krank werden, schlecht riechen oder schnarchen? Soll man sie dann vor die Tür setzen?
Domestizierte Tiere gewöhnen sich schnell an das Schlafen beim Menschen. Sie haben damit ihre Gewohnheiten und Ressourcen. Will man ihnen diese wieder nehmen – nun, dann gibt es „Diskussionen“. Gut informierte Tierhalter wissen, wie sie diese ausfechten. Konsequenz ist dann der einzige Weg, nicht mal hier ja und dann wieder nein. Und: Ist es fair, einen Lebensbegleiter auszuschließen, weil er alt und laut und unangenehm wird? Wollen wir nur die „Schokoladenseite“? Nein! Deswegen wäre es meiner Meinung nach fairer, sich von Anfang an zu entscheiden und zu fragen, was man die nächsten 15 bis 20 Jahre haben möchte.
Wie und wo schlafen Hunde und Katzen am liebsten?
Für viele Tierarten ist es natürlicher im Rudel oder in der Nähe der Gruppe zu schlafen als alleine – gerade für junge Hunde und Katzen. Meine drei Pudel schlafen zu dritt, sie sind nie allein. Wir ersetzen den Rudeltieren das Rudel beziehungsweise bilden eine neue Gruppe mit ihnen, wenn wir sie alleine halten. Darüber sollte man sich Gedanken machen. Wie groß ist der Schreck bei einem Welpen, weit weg von den Geschwistern und der Hundemutter, – und dann muss er gleich alleine schlafen.
Wie beugt man dem vor?
Gleich am Anfang neben dem Bett eine Box stellen und diese nach und nach ein Stück weiter vom Bett wegschieben. Solange bis man in dem Raum angelangt ist, der als Schlafplatz vorgesehen ist.

Enge Bindungsbeziehung zu Tieren

Wie reagiert das Tier im Bett auf Herrchen und Frauchen? Und umgekehrt: Wie reagiert der Mensch auf das Tier neben sich?
Es kommt immer darauf an, was ich mit dem Tier will. Ich vertrete grundsätzlich eine enge Bindungsbeziehung zu Tieren. Eine auf die Natur der jeweiligen Art abgestimmte aber vertrauensvolle und empathische Bindung ist das Wichtigste für die Interaktion zwischen Mensch und Tier – zumindest im Heimtierbereich. Wenn Tiere den Schlafplatz im Schlafzimmer haben, macht das die Beziehung rund. Aber man sollte auf sein Bauchgefühl hören. Wenn man gerne mit seinem Tier zusammen ist, ist es auch völlig in Ordnung es ins Schlafzimmer mitzunehmen.
Und wo sind die Grenzen?
Der Mensch muss Grenzen setzen, nicht das Tier. Wenn sich beispielsweise mein Dobermann zwischen mir und meinem Partner legt und ich meinen Partner nicht mehr streicheln kann, weil „Dobi“ etwas dagegen hat, dann stimmt etwas nicht. Das Tier darf den Menschen nicht dominieren. Es reicht völlig aus, wenn der Dobermann seinen Korb neben dem Bett hat.
Wird die Mensch-Tier-Beziehung durch die enge Bindung zu sehr vermenschlicht?
Es hat nichts mit Vermenschlichung zu tun, wenn Tiere einen schönen Schlafplatz suchen. Man muss sie ja nicht auf ein Kopfkissen betten und zudecken. Der Mensch bietet ihnen einen Schlafplatz in dem sozialen Gefüge an, in dem sie auch sonst leben. Sie werden nicht gezwungen, mit ins Bett zu gehen. Mit Anthropomorphisierung hat das gar nichts zu tun.
Ist die Größe des Tieres ein Argument gegen das Bett als Schlafplatz?
Man kann sich auch ein größeres Bett anschaffen. Wenn man Kinder hat, macht man das ja auch.

Zur Person: Anette Bull

1966 geboren im Saarland

1995-2001 Studium der Sozialpädagogik an der TU Berlin, Schwerpunkt: Tiergestützte Pädagogik und Therapie

Seitdem therapeutische und pädagogische Arbeit mit Tieren

Dozentin am Freiburger Institut für tiergestützte Therapie in Sasbachwalden

Tiergestützte Therapeutin in einer Pflegeeinrichtung in Luxemburg




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