Sparkurs bei Daimler Strom, Schweiß und Tränen

Daimler-Chef Ola Källenius scheut den Konflikt nicht. Foto: dpa

Die Klimawende zwingt Daimler auf einen rigorosen Sparkurs – ein Fanal, meint Matthias Schmidt.

Automobilwirtschaft/Maschinenbau: Matthias Schmidt (mas)

Stuttgart - Vor ein paar Tagen hat Mercedes angekündigt, auch die G-Klasse künftig mit Elektromotor zu bauen. Wahrscheinlich ist Ola Källenius der erste Daimlerchef, der das kastenförmige Offroad-Gefährt wirklich braucht. Zumindest im übertragenen Sinn. Der Konzern mit seinen 300 000 Mitarbeitern befindet sich in schwierigstem Gelände. Beim Auftritt vor Investoren hat Källenius jetzt eine Blut-Schweiß-und-Tränen-Rede gehalten. In Kurzversion: die nächsten Jahre werden brutal, das Sparprogramm wird es auch. Ohne Zweifel ist das ein Fanal für die wichtigste Industrie Deutschlands.

 

Die Daimlerchefs der vergangenen Dekaden hatten alle ihre Mission: Edzard Reuters integrierter Technologiekonzern mit AEG und Dornier kam und ging ebenso dahin wie Jürgen Schrempps Welt AG mit Chrysler und Mitsubishi. Dieter Zetsche holte die Spitzenposition im Premiumsegment zurück. Die schicken kleinen und die teuren schweren Wagen liefen gut, samt ihrer Emissionen. Echten Ehrgeiz, alternative Antriebe auf den Markt zu bringen, überließ man Toyota, Hyundai, Tesla und Neulingen aus China.

Die Disruption des eigenen Geschäfts

Das rächt sich jetzt. Durch die verschärften CO2-Vorgaben der EU bleibt dem Schweden Källenius nur eine Mission: Er muss den größten Umbruch der Konzerngeschichte managen. Sein Leitmotiv heißt „nachhaltiger moderner Luxus“. In drei Jahren soll die Produktion klimaneutral werden, die Fahrzeuge selbst in 20 Jahren. Das ist mehr als eine Aufholjagd. Es ist in weiten Teilen die Disruption des eigenen Geschäfts.

Der Aufbruch hin zu Batterie-Autos, Hybriden, Brennstoffzellen, Autopiloten und Mobilitätsdiensten kostet viel Geld und viele Arbeitsplätze. Man braucht bedeutend weniger Personal, um batteriebetriebene Autos zu bauen, die zudem den Kundenmarkt erst noch erobern müssen. Genau wie die Mobilitätsdienste a la ShareNow (bisher Car2Go), mit denen bisher kein Geld verdient wird.

In der Rolle des Change Managers setzt Ola Källenius auf ein rigoroses Effizienzprogramm. Allein bei Mercedes-Benz sollen auf die Schnelle fast acht Prozent der Personalkosten gespart werden. Strukturelle Maßnahmen hingegen, etwa die Ausdünnung der Modellpalette und der technischen Plattformen, sind erst ab 2024 avisiert. Insgesamt soll der Personalbereich im Gesamtkonzern um 1,4 Milliarden Euro bis Ende 2022 gekürzt werden.

Die Kosten für die Abfindung sind offen

Ob es gelingt, die Renditen der Investoren zu sichern, ohne Teamgeist und Leistungswillen der eigenen Belegschaft zu ersticken, ist offen. Es wird eine Zerreißprobe, das Klima gleich zweimal retten zu müssen – beim CO2 und im eigenen Betrieb. Der Betriebsrat hat seinen Widerstand gegen Pläne, die Löhne einzufrieren, schon angekündigt. Immerhin gilt für weite Teile der Belegschaft: bis 2029 kann nicht betriebsbedingt gekündigt werden. Es wird deshalb Abfindungen geben müssen. Die Kosten dafür hat der Vorstand wohlweislich öffentlich nicht beziffert.

Der Verteilungskampf zwischen den Daimler-Werken mit hohen und niedrigen Produktionskosten wird nun erst richtig losgehen. Dass Källenius bei der Produktion von E-Antrieben große Sympathie fürs Auslagern zeigt, verschärft den Ernst der Lage in der Innensicht. Volkswirtschaftlich gesehen wäre der Verlust von Arbeitsplätzen bei Zulieferern, der mit dem rasanten Abschied vom Diesel einhergeht, genauso dramatisch.

Kürzlich hat Ola Källenius mit einem Bonmot für Schmunzeln gesorgt: Daimler habe schon einmal überlegt, die G-Klasse abzuschaffen, sagte er, „aber so, wie ich es heute sehe, wird der letzte Mercedes, der gebaut wird, eine G-Klasse sein“. Bei all dem, was an der Autobranche hängt: Man kann nur hoffen, dass die Wende gelingt und wir das nicht erleben müssen.

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