Wie beurteilen Autoanalysten den Auftritt des Daimler-Chefs?
„Nachdem Ola Källenius den Markt mit zwei Gewinnwarnungen innerhalb von drei Wochen schockieren musste, versucht er jetzt den Befreiungsschlag und verordnet Daimler ein dringend notwendiges Sparprogramm“, meint der Autoanalyst Frank Schwope von der NordLB. Schwope erwartet, dass die Hiobsbotschaften erst der Anfang waren. „Mit Blick auf die Themen autonomes Fahren und Elektromobilität wird das Sparprogramm nicht das einzige in den kommenden Jahren im Daimler-Konzern bleiben“, meint der Finanzexperte.
Sein Kollege Frank Biller von der Stuttgarter LBBW zeigt sich zwar enttäuscht von den Perspektiven, die Källenius für die nächsten Jahre aufgezeigt hat. Er halte dem Daimler-Chef aber zugute, dass er nichts schön geredet, sondern ein realistisches Bild gezeichnet habe. Es koste „richtig viel Geld“, wenn der Autokonzern die ab 2020/21 geltenden schärferen europäischen Grenzwerte für CO2 erreichen wolle. „Dafür müssen alle Hebel in Bewegung gesetzt werden“, sagt Biller.
Für Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler wird immer klarer, dass Daimler in einer ziemlich schlechten Verfassung gewesen sei, als Källenius das Ruder übernommen habe. In den letzten Jahren habe dessen Vorgänger Dieter Zetsche zu wenig bewegt. Källenius müsse nun aufräumen.
Lesen Sie hier: Das sind die Sparpläne von Ola Källenius.
Wie wird das Sparpaket beurteilt?
Auch nach dem Auftritt von Källenius bleiben viele Fragen zum Sparpaket offen. Frank Biller von der LBBW moniert, dass es keine Aussagen dazu gebe, wie viel die Elektrifizierung der Antriebstechnik und der Ausbau der Flotte von E-Autos kosten wird. Der Daimler-Chef hat auch offen gelassen, wie viel Geld insgesamt eingespart werden soll. Konkrete Zahlen wurden nur für die Personalkosten genannt. Hier sollen bis 2022 in der Autosparte, bei Lastwagen und Transportern insgesamt 1,4 Milliarden Euro eingespart werden.
Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler hält das Sparpaket bei den vorliegenden Daten nicht gerade für ambitioniert. Der Autoanalyst weist darauf hin, dass der Daimler-Wettbewerber BMW ein Programm angekündigt habe, das Einsparungen von 12 Milliarden Euro bringen soll. „BMW geht ans Eingemachte“, urteilt Pieper. Offen ist aber, in welchem Umfang die Bayern die Personalkosten senken wollen.
Darüber verhandelt die Unternehmensleitung noch mit dem Betriebsrat. Wie bereits bekannt wurde, geht es unter anderem um die Kürzung der jährlichen Erfolgsbeteiligung. In den vergangenen Jahren erhielt ein Facharbeiter mehr als 9000 Euro. Zudem soll die Arbeitszeit von Beschäftigten, die 40 Stunden in der Woche arbeiten, auf 35 Stunden zurückgefahren werden – mit entsprechenden Gehaltskürzungen. Nach einem Bericht der „Wirtschaftswoche“ könnte dies jährliche Einbußen von bis zu 14 000 Euro bringen.
Wie will Källenius die Personalkosten senken?
Der Daimler-Chef hat mit dem Hinweis auf noch laufende Verhandlungen mit dem Betriebsrat offen gelassen, wie die Personalkosten gekappt werden sollen. Forderungen nach einem Verzicht auf Lohnerhöhungen im kommenden Jahr hat der Betriebsrat strikt zurückgewiesen.
Källenius wollte auch keine Angaben dazu machen, wie viele Jobs womöglich gestrichen werden müssten, um eine Milliarde Euro in der Autosparte einzusparen. LBBW-Analyst Biller zieht dazu einen Vergleich mit dem früheren Sparprogramm Core, das eine ähnliche finanzielle Größenordnung hatte und fast 10 000 Arbeitsplätze kostete.
Weil Kündigungen nach einer Vereinbarung mit dem Betriebsrat bis Ende 2029 ausgeschlossen sind, müsse Daimler nun attraktive Abfindungsangebote machen, meint Biller. Der Betriebsrat lehnt allerdings groß angelegte Abfindungsprogramme ab. Begründet wird dies mit schlechten Erfahrungen beim Abfindungsprogramm Stream in der Lkw-Sparte. Damals sei mit jedem Mitarbeiter ein Gespräch über eine Abfindung geführt worden, was sowohl Führungskräfte als auch Mitarbeiter emotional sehr belastet habe.
Wie können die Materialkosten gesenkt werden?
Ola Källenius hat auf der Investorenkonferenz angekündigt, dass die Materialkosten den Löwenanteil der Einsparungen bringen sollen, aber keine Zahlen genannt. Bis zu 80 Prozent der Komponenten eines Autos kommen von Zulieferern. Der Daimler-Chef sagte, dass Zulieferer durchaus unter Druck gesetzt werden sollen, um Einsparungen zu erreichen.
Zudem zeigte er sich offen für weitere Kooperationen im Einkauf, wie es sie schon mit BMW gibt. Beide Autobauer bündeln Bestellungen für Komponenten, die nicht ins Auge fallen und nicht entscheidend für die Wettbewerbsposition sind. Für die größere Stückzahl erhalten sie günstigere Preise.
Gemeinsame Sache machen beide auch bereits bei Mobilitätsdienstleistungen wie etwa Carsharing und der Entwicklung von Roboterautos. Frank Schwope von der NordLB sieht hier angesichts der harten Zeiten in der Autobranche noch Luft nach oben. „Vielleicht wird es Zeit für noch engere Kooperationen oder gar ein Zusammengehen von Daimler und BMW“, so Schwope.