Spaziergang durch Wendlingen Die Geschichte einer Integration
Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg kamen die ersten Vertriebenen aus dem Egerland nach Wendlingen. Trotz Hunger und beengter Wohnverhältnisse fühlten sie sich dort schnell heimisch.
Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg kamen die ersten Vertriebenen aus dem Egerland nach Wendlingen. Trotz Hunger und beengter Wohnverhältnisse fühlten sie sich dort schnell heimisch.
Wendlingen - Was ist eigentlich Heimat? Der Ort an dem wir geboren sind? Oder der Ort an dem wir leben? Oder einfach nur ein gutes Gefühl – der Duft von frischgebackenen Brezeln, die man sich auf dem Schulweg vom Bäcker für damals 35 Pfennig geholt hat, oder der Anblick des alten knorrigen Baumes, unter dem man seine erste Liebe gefunden oder wieder verloren hat? Zweifelsohne ist Heimat aber auch die Familie oder andere Menschen – die dieselbe Vergangenheit haben, die gleiche Sprache sprechen und mit denselben Traditionen und Bräuchen aufgewachsen sind. Menschen, die einen ohne große Worte verstehen. Eine Spurensuche in Wendlingen.
„Heimat ist für mich der Ort an dem man aufgewachsen ist. Wo man seine Wurzeln hat und sich verbunden fühlt. Wendlingen ist meine Heimat“, sagt Mathias Rödl. Er ist seit 2016 der 1. Vorstand des Egerländer Gmoi Wendlingen, 39 Jahre alt und in der Unternehmensberatung tätig. „Gmoi“ heißt „Gemeinde“ - sehen sich die Egerländer denn als eigenes „Dorf“ in der Kommune? Als Staat im Staat? Weit gefehlt, zumindest heutzutage: „Nach dem Krieg haben die Vertriebenen etwas gesucht, was ihnen Halt gibt. Auch weil sie sich anfangs noch nicht in der neuen Heimat zuhause gefühlt haben“, meint Mathias Rödl. „Aber ein Gmoi ist auch ein sozialer Zusammenschluss, heute wäre es einfach ein Verein.“
Rückblickend ist die Geschichte der Heimatvertriebenen, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus den ehemals deutschen Gebieten der damaligen Tschechoslowakei kamen, die Geschichte einer gelungenen Integration. Mathias Rödl gehört zur zweiten Generation – sein Vater Horst, mittlerweile 82 Jahre alt, kam im Frühjahr 1946 nach Wendlingen. Wenige Wochen zuvor war er als Achtjähriger, zusammen mit Mutter, Oma und Schwester, aus der elterlichen Wohnung in Neudeck im Egerland von den Tschechen vertrieben worden. Sein Vater Anton Rödl – vor dem Krieg als Kraftwerksmeister im egerländischen Neudeck ein angesehener Mann – war aus der Kriegsgefangenschaft nach Esslingen entlassen worden. „Es war alles auseinander gerissen“, erinnert sich Horst Rödl. Die Familie hatte Glück: „Der Vater hat uns gefunden und nach Wendlingen geholt.“ An die Zugfahrt nach Wendlingen erinnert sich Horst Rödl nur verschwommen, dafür sind die Erinnerungen an die ersten Unterkünfte in der Stadt umso präsenter. „Zuerst wurden wir der Familie Zaiser in der Schwenkgasse zugewiesen. Das waren gute Menschen, die haben gerne geteilt.“ Viel zu teilen gab es allerdings nicht: Die Platzverhältnisse waren so beengt, dass die Oma und die Schwester aushäusig schlafen mussten. Nach etwa einem Jahr kamen die Rödls in der Schillerstraße unter. „Da hatten wir wenigstens zwei Zimmer, das ging zu fünft.“
Fleißig waren sie aber die Egerländer, viele von ihnen halfen das Fundament des deutschen Wirtschaftswunders zu setzen. Das wurde gerne gesehen. In Wendlingen bot die Stadt „ihren“ Heimatvertriebenen einige Grundstücke günstig zum Kauf an. Die Straßennamen jenseits der Bahnschienen in Unterboihingen wie Siedler-, Sudeten-, Egerland- oder Böhmerwaldstraße erinnern daran.
1949 bauten die Rödls ihr Häuschen in der Siedlerstraße, im Volksmund wurde der neue Stadtteil damals oft „Flüchtlingssiedlung“ genannt. „Wir waren aber keine Flüchtlinge sondern Heimatvertriebene“, betont Horst Rödl. Er besuchte die Wendlinger Gartenschule. Anfangs waren Hänseleien wegen seines vermeintlichen Status als Flüchtling an der Tagesordnung. Dem schob der kleine Horst aber einen Riegel vor: „Man musste sich Respekt verschaffen. Wenn es sein musste, mit den Fäusten.“ Die Taktik funktionierte und die ersten Freundschaften mit „eingeborenen“ Wendlinger Kindern wurden geschlossen. Nur der Hunger blieb. „Die anderen hatten immer dicke Wurstbrote im Schulranzen und ich hatte nichts.“ Sein Sohn Mathias Rödl verbindet heute viele positive Dinge mit dem Haus in der Siedlerstraße: „Da wohnte der Opa und der riesige Garten war ein echtes Paradies für uns Kinder.“
Und der Opa war zeit seines Lebens umtriebig. „Er war ein Kämpfer für die Heimat und das Brauchtum“, erinnert sich Mathias Mutter Gaby Rödl an ihren Schwiegervater. Nur zurück wollte Anton Rödl nicht. Zumindest nicht unter den politischen Bedingungen in der damaligen Tschechoslowakei. So ging es vielen. Mit einigen von ihnen gründete Anton Rödl am 24. Juli 1949 das Egerländer Gmoi Wendlingen im Gasthaus Löwen in Unterboihingen und übernahm gleich die Vorstandschaft. Am 14. Mai 1950 fand mit der ersten Maibaumfeier im Hof der Gartenschule das erste eigene Fest statt. Im Vorfeld gingen die Egerländer erstmals auf die einheimischen Vereine zu und luden sie ein, an der Feier mitzuwirken. Der Schwäbische Albverein, der Handharmonika-Klub und der Musikverein waren sofort Feuer und Flamme. Später sagte Anton Rödl, wie der Historiker Gerhard Hergenröder in der Festschrift zum 50-jährigen Bestehen des Wendlinger Gmoi (1999) zitiert: „Erstmalig... haben wir den einheimischen Bürgern gezeigt, welches Kulturgut wir in unseren Herzen mit in die neue Heimat brachten.“ Bemerkenswert: Wendlingen war schon nach vier Jahren zur neuen Heimat geworden.
Das sind die Ursprünge des Vinzenzifests in Wendlingen, das zum ersten Mal 1952 gefeiert wurde. Mittlerweile haben viele der Gmoi-Mitglieder keine Wurzeln mehr im Egerland. „Es sind viele Schwaben dabei, wir waren immer offen für alle. Es musste nie ein Egerländer sein, der die Tracht anhat“, sagt Horst Rödl. „Die wahren Egerländer sterben aus“, ergänzt Mathias Rödl. Im Prinzip könne sowieso jeder mitmachen, der Freude an Tracht, Tanz und der Gemeinschaft hat.
Die Egerländer Gmoi Wendlingen zählen heute 59 Mitglieder, inklusive Jugendgruppe, die die traditionellen Tänze einstudiert. Horst und seine Frau Gaby laufen bis heute bei den Umzügen mit – wenn sie stattfinden dürfen. Auch wenn die Füße in den engen Schuhen schmerzen und die Tracht hier und da ein bisschen weiter gemacht werden musste. Gaby Rödl – seit 1980 mit Horst verheiratet – ist übrigens eine waschechte Esslingerin und hatte bis zu ihrer Ehe mit Brauchtum nicht viel am Hut. „Ich war bis Ende der 70er Jahre in den Stuttgarter Diskotheken unterwegs“, erinnert sich die heute 74-Jährige. Die drei Kinder hat sie aber der Egerländer Tradition entsprechend erzogen. Und irgendwann hat sich Gaby Rödl eine eigene Tracht machen lassen, denn immer nur bei den Umzügen zuzuschauen war ihr zu fad. „Und für mich ist sie bis heute in ihrer Tracht die schönste Frau der Welt“, schmunzelt Horst Rödl, „Obwohl, nicht nur in der Tracht, eigentlich immer.“