Spielzeiteröffnung in der Stuttgarter Staatsoper Kunst, Kraut und Rüben

Als eine Art Spielertrainer des Abends, also als Moderator und Sänger, hat Peter Licht auch von der Opernbegeisterung seiner anwesenden 90-jährigen Mutter geschwärmt. Foto: Martin Sigmund

Als Einstimmung auf ihr Spielzeitmotto „Belonging together“ hat die Stuttgarter Staatsoper in ihrem Eröffnungskonzert Pop, Rap, Klassik und Sauerkraut zusammengebracht. Für Brückenschläge sorgte der Indiepopkünstler und Autor Peter Licht mit wechselndem Erfolg und Tiefgang.

Gott ist ein Schleimpilz. Das haben wir in der letzten Premiere der letzten Saison an der Staatsoper Stuttgart erfahren. Bei Olivier Messiaens Oper „Saint François d’Assise“ brachte die Regisseurin Anna-Sophie Mahler das rätselhafte Wesen Blob ins Spiel – und mit ihm die Idee von Erlösung durch Vernetzung. Die Welt ist noch zu retten, wenn wir Menschen nur wie der Blob in Netzwerken zusammenfinden. Auf der Freilichtbühne Killesberg lag deshalb damals viel Gehäkeltes herum, und am Ende formte der Chor vielstimmig und vielköpfig ein Bild des uralten intelligenten Einzellers. Diese Idee ist noch lange nicht auserzählt. Zukunftsforscher schreiben heute vom Übergang einer Ich- zu einer Wir-Gesellschaft, und die Staatsoper hat die ganze jetzt beginnende Spielzeit unter das Motto der Kollaboration gestellt. „Belonging together“ heißt das Motto. So ist auch das Eröffnungskonzert am frühen Sonntagabend übertitelt.

 

„September Song“ ist die eindrucksvollste Darbietung

Rap, Pop und Klassik in einer Veranstaltung: Das ist natürlich auch ein Versuch, der so genannten Hochkultur neues, jüngeres Publikum zuzuführen. Also Menschen über die Schwelle zu helfen, die vorher womöglich nur auf den Treppen davor abgehangen haben. Oder die noch nie drinnen waren, wie zum Beispiel der Indiepopkünstler und Autor Peter Licht. Der schwärmt als eine Art Spielertrainer des Abends, also als Moderator und Sänger, zwar von der Opernbegeisterung seiner anwesenden 90-jährigen Mutter, hält dann aber die Arie Philipps aus Verdis Oper „Don Carlo“ für ein ausschließlich politisches Stück. Dabei geht es in „Ella giammai m’amo“ auch schlicht um unerwiderte Liebe. Vielleicht hätten ein paar kurze Dramaturgen-Tipps der sachlichen Richtigkeit aufgeholfen, auch in Sachen der versteckten Nazi-Vergangenheit im Mobiliar des Opernhauses, die der Conférencier anprangerte.

Zwei Polkas Johann Strauss’ bildeten die Verpackung für mächtig viel Kritik an dem System, das die Menschen zu Einzelkämpfern gemacht hat: dem Kapitalismus. Die Sopranistin Josefin Feiler sang, pianistisch fein gestützt von Vlad Iftinca am Flügel, Kurt Weills „Ballade von der Höllen-Lili“. Und den „September Song“, die eindrucksvollste, tiefste, nuancierteste Darbietung des Abends. Der Tenor Moritz Kallenberg gab Hanns Eislers gallenbittere „Hollywood-Elegien“: Selbst Kunst, so der resignierende emigrierte Komponist, muss in den USA zu Markte getragen werden.

Multitasking-Fähigkeiten sind gefordert

John Adams’ „Shaker Loops“, Minimal Music über die Schütteltänze einer Quäker-Sekte, steht für das ekstatische gemeinschaftliche Erleben. Dazu gibt es ein Video mit Meer, Wald und tanzenden Frauen. Den ersten Teil davon hat man schon zuvor gesehen, parallel zum vierten und fünften Satz aus Beethovens „Pastorale“. Hier geht es Film und Musik gemeinsam um Natur und Klima.

Keren Kagarlitsky dirigiert das Staatsorchester, sie macht das gut. Nur der klassischen Sinfonie fehlte es an Kontur und Kante. Hätte es diese gegeben, dann wären die netten Videobilder, die auch die Idee des Blobs aufnahmen, überflüssig gewesen und das Erleben des Publikums fokussierter.

So jedoch waren Multitasking-Fähigkeiten gefordert – ganz besonders dort, wo als zweiter visueller Reiz dann noch die Übertragung einer Sauerkrautherstellung mit heimischem Spitzkohl aus dem dritten Rang hinzukam. Dort fand – Thema: Nachhaltigkeit – die Kooperation mit dem Superkraut-Festival des Stadtpalais ihren Niederschlag.

Angeregt, irritiert, begeistert

Dazwischen prangerte die deutsch-kurdische Rapperin Ebow die Unterdrückung von Kurden, den Umgang mit (zumal lesbischen) Frauen, gesellschaftlichen Konsum- und Anpassungszwang an. Dafür findet sie sehr eigene, eindrucksvolle Worte. Aber ob jeder ihren speziellen Soziolekt wirklich verstanden hat? Überhaupt wird man den Eindruck nicht los, dass hier zwar sehr unterschiedliche Künstler in einer gemeinsamen Veranstaltung zusammenfinden, jeder aber dann doch in seiner eigenen Blase bleibt.

Mit einer Ausnahme. Peter Licht singt vier seiner Songs in Arrangements, die Boris Rogowski und David Menke für das Staatsorchester geschrieben haben, und diese Bearbeitungen verstärken wirkungsvoll die Qualitäten dieser musikalisch oft fast minimalistischen, in ihren Texten bezaubernd-verwirrenden, sehr besonderen (oder doch eher sonderlichen?) Lieder. Ob das Pathos-Sahnehäubchen, für welches die drei Solisten Goran Juric, Moritz Kallenberg und Josefin Feiler mit verstärkenden Einwürfen zuständig sind, wirklich Kunst ist oder nicht doch eher Kitsch, ist wohl Geschmackssache. Nach zwei Stunden verließ das Publikum bereichert, angeregt, irritiert, befremdet, begeistert, erschöpft, erheitert und durch und durch poetisiert das Haus, das Peter Licht zuvor als Wohnzimmer, Meditationsstube, Labor, Psychiatriepraxis, Wellnesstempel, Kathedrale und Teestube der Stadt bezeichnet hatte. Man darf gespannt sein.

Info

Opernauftakt Ab diesem Freitag, 22. 9., ist Verdis „Falstaff“ wieder zu sehen. Regie: Andrea Moses, Dirigent: Cornelius Meister. Am Samstag, 23. 9., folgt „Carmen“. Regie: Sebastian Nübling, Dirigentin: Ariane Matiakh.

Konzert Die Liederabende in Kooperation mit der Hugo-Wolf-Akademie beginnen am Dienstag, 26. 9., um 19.30 Uhr in der Staatsgalerie Stuttgart. Mingjie Lei und Jan Philip Schulze präsentieren Lieder von Rachmaninow, Brahms, Purcell und Weill.

Premiere Die erste Neuproduktion dieser Saison ist am 29. Oktober Richard Strauss‘ „Frau ohne Schatten“. Regie führt David Hermann, Dirigent ist Cornelius Meister.

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