Ein Auswärtsspiel bei den TSF Ditzingen ist kein Vergnügen. Das haben die Volleyballerinnen des Heidelberger TV und die Fußballer der KSV Renningen kürzlich am eigenen Leib erlebt. Duschen fühlt sich in den städtischen Sportanlagen derzeit so an wie Nacktbaden in der Glems – es ist ein zweifelhaftes Vergnügen, und man riskiert, sich heftig zu verkühlen.
„Für uns als Sportverein ist das peinlich, wenn Gäste nicht warm duschen können“, knurrt Vorstandsmitglied Ulrike Malcher von den TSF Ditzingen, „vor allem, wenn sie nach dem Wettkampf eine lange Heimreise antreten müssen.“
TSF-Vorstand hat einen Brief an die Stadt geschrieben
Der Sportclub ist machtlos, die Liegenschaften gehören der Stadt, und die hat aufgrund der Energiekrise das warme Wasser abgedreht. Der Vorstand hat vor einem knappen Monat einen Brief an die Stadt geschrieben und die „untragbaren Zustände“ angeprangert. Es ist ja nicht so, dass der Verein den Spargedanken infrage stellt, aber „es wäre wünschenswert, wenn wenigstens an den Spieltagen warmes Wasser zum Duschen zur Verfügung stünde“, bemerkt Ulrike Malcher. Immerhin belastet eine andere Sorge die Führungsriege nicht: Die exorbitant gestiegenen Energiekosten schlagen noch nicht durch – im Stromvertrag, den der Club noch vor dem Krieg in der Ukraine abgeschlossen hat, gilt eine Preisgarantie bis Ende 2024. Und der Gasvertrag läuft Ende dieses Jahres aus. „Für 2022 haben wir keine Sorgen“, sagt die Funktionärin.
Beim FC Marbach hat man derzeit auch eher weniger Sorgen, was Energie- und Heizkosten angeht. „Unsere Verträge laufen langfristig, wir sind da auch immer relativ früh dran, was die Verlängerung angeht“, sagt Lars Kohler, der zweite Vorsitzende. Das Vereinsheim, in dem sich die Mannschaften bei Fußballspielen umziehen und duschen, gehört dem Club – dort braucht es in Sachen Wassertemperatur also keine Absprachen mit der Kommune. „Wir haben die Heizungssteuerung an die Trainingszeiten angepasst“, so Kohler.
Für die Fußballplätze an sich ist der Austausch mit der Stadt allerdings sehr wohl notwendig. Das Hainbuch-Stadion ist eine städtische Liegenschaft. Und da kann der FCM froh sein, nicht im Dunkeln tappen zu müssen. „Es stand zur Debatte, die Flutlichtzeiten zu reduzieren oder die Anlage ganz auszulassen“, so Kohler. Das sei im Gemeinderat aber verworfen worden. „Sonst hätten wir gar nicht mehr trainieren können“, fügt der Vizevorsitzende hinzu. So kann er aktuell sagen, dass sein Fußballverein bisher „noch halbwegs ungeschoren“ durch die Energiekrise gekommen ist.
90 000 Sportvereine in Deutschland – ein Teil ist alarmiert
Der Blick aufs große Ganze zeigt jedoch: Die Energiethematik treibt einen Teil der rund 90 000 Sportvereine in der gesamten Republik sehr wohl um. Thomas Weikert, Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), und Bernd Neuendorf, Chef des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), haben vor einigen Wochen schon den Schulterschluss gesucht und an die Politik appelliert, sich der Sorgen der Clubs anzunehmen. Viele Vereinsfunktionäre beklagten den geringen Stellenwert des organisierten Sports, Sportstätten müssten als das anerkannt werden, was sie sind: Soziale Tankstellen des Landes, in denen die Integrationsarbeit stattfindet. Bestes Beispiel: Im dritten Entlastungspaket über 65 Milliarden Euro gab es Anfang September noch keinen einzigen Cent für Sportvereine.
TSV Heimerdingen rechnet mit 15 000 Euro Mehrbelastung
Und das, obwohl etwa beim SV Kornwestheim kurz zuvor – im August – die Furcht vor einer Verdrei- oder Vervierfachung der Preise, zum Beispiel fürs Gas, befürchtet wurde. Zahlen wurden bei einem der größten Vereine im Landkreis genannt, die Rede war von 60 000 oder 80 000 Euro statt bislang 20 000. Ähnliches war und ist beim MTV Ludwigsburg zu hören. Dessen Geschäftsführer Ralph Schanz formulierte im Spätsommer einen „Zustand der Angst“.
Auch beim TSV Heimerdingen zum Beispiel sind die Wolken überm Vereinsheim bedrohlich und dunkel. Clubchef Uwe Sippel rechnet vor, dass auf den Verein eine Mehrbelastung von etwa 15 000 Euro zukommt. Die 300-prozentige Preissteigerung beim Heizöl trifft den TSV unter die Gürtellinie, weil der Club damit heizt, beim Strom seien es „nur“ 150 Prozent. „Das sind Horrorzahlen für uns, die Hälfte des Beitrages geht für Energie drauf“, sagt Sippel, der allerdings noch einigermaßen ruhig schlafen kann. Finanziell sei der Verein solide aufgestellt, „wir kommen gut über den Winter“, betont der Clubchef, der die Beiträge stabil halten will – ohne dass er durch abendliche Kontrollgänge seine Vereinskollegen überprüfen will, ob sie sich auch an die Sparregeln halten.
Denn das Vereinsheim gehört dem TSV, und damit ist es unerheblich, dass Heimerdingen ein Stadtteil von Ditzingen ist. Die angenehme Konsequenz für alle, die unter dem Dach des TSV Heimerdingen Sport treiben: Bei diesem Verein sind die Aktiven im Gegensatz zu den TSF Ditzingen allesamt Warmduscher.