Stadtbahn-Kollision in Stuttgart Neue Ermittlungsgruppe der Polizei soll SSB-Unglück klären

Nach den Aufräumarbeiten folgen die Ermittlungen: Warum kollidierten zwei Stadtbahnen in der Inselstraße? Foto: dpa/Christoph Schmidt

Seit Montag machen sich Sonderermittler der Verkehrspolizei auf die Suche nach den Ursachen der folgenschweren Stadtbahn-Kollision in Wangen. Das Muster des Unfalls dürfte ihnen nicht unbekannt sein.

Lokales: Wolf-Dieter Obst (wdo)

Warum hat eine Stadtbahnfahrerin einen stehenden Zug auf der Strecke nicht bemerkt? Übermüdung? Eine medizinische Ursache? Oder doch ein technischer Defekt? Hätten technische Sicherungen die Kollision überhaupt verhindern können? Die Stuttgarter Polizei hat am Montag die Ermittlungsgruppe „Tram“ gegründet, um die Ursache des Stadtbahn-Kollision mit mehreren Verletzten und Millionenschaden am vergangenen Freitag in Wangen zu klären. „Dabei soll vor allem auch der genaue Unfallhergang beleuchtet werden“, sagt der Polizeisprecher Stephan Widmann über die Sonderermittler.

 

Zu den Arbeitsaufgaben der Tram-Ermittler am Montag gehörte unter anderem der Besuch der beiden schwer bis lebensgefährlich verletzten Frauen, die nach dem Aufprall der Unglücksbahn der Linie U 4 auf eine Bahn der U 9 zwischen den Haltestellen Inselstraße und Wasenstraße ins Krankenhaus gebracht werden mussten. Neuere Informationen zum Gesundheitszustand teilten die Behörden indes nicht mit. Die Polizei hat bis zum Wochenende insgesamt 16 Verletzte registriert. Ob und was die schwer verletzte 47-jährige Stadtbahnfahrerin zum Unfallhergang berichtete, bleibt vorerst internes Wissen der Ermittlungsgruppe Tram.

Erinnerungen an das Rätsel vom Riedsee

Den Spezialisten dürfte das Muster des Unfalls jedenfalls nicht unbekannt sein – nicht zum ersten Mal hat es Stadtbahn-Kollisionen im Netz der Stuttgarter Straßenbahnen (SSB) gegeben, die sich auf den ersten Blick nicht erklären ließen. Die Auswertung der elektronischen Datenaufzeichnung dürfte hier wichtige Erkenntnisse liefern, also Geschwindigkeit, Beschleunigungswerte oder womöglich ausgebliebene Bremsaktionen vor der Kollision. Ob sich damit auch die Gründe erklären lassen, ist indes nicht sicher – wie ein tödlicher Unfall am Riedsee in Möhringen vor mehr als zehn Jahren zeigt.

An jenem 16. Februar 2012 um 11.13 Uhr werden zwei Gleisbauarbeiter auf kerzengerader Strecke zwischen Sonnenberg und Riedsee von einer Stadtbahn der Linie U 6 erfasst und getötet. Die damals 50-jährige Stadtbahnfahrerin hatte die Arbeiter, die eine Schiene schleifen wollten, auf der 500 Meter langen, schnurgeraden Strecke nicht gesehen. Und die Arbeiter hatten ihrerseits den Zug nicht bemerkt. Die Fahrerin rauscht mindestens 20 Sekunden reaktionslos auf die Baustelle zu, erfasst die Arbeiter mit knapp 60 Kilometer pro Stunde, bremst erst 1,5 Sekunden nach der Kollision.

Eine Haftstrafe auf Bewährung

Eine Erklärung dafür findet sich nicht, auch nicht im Prozess im Stuttgarter Amtsgericht, in dem sich die Stadtbahnfahrerin wegen fahrlässiger Tötung verantworten musste. Sie könne sich nicht an die Fahrt kurz vor dem Unfall erinnern, sagte die Fahrerin aus. Für das Gericht war der „Mangel an Konzentration“ der SSB-Mitarbeiterin, immerhin mit 20 Jahren Erfahrung auf der Strecke, ebenfalls unerklärbar.

Der Verdacht einer Übermüdung konnte jedenfalls nicht erhärtet werden. Zwar hatte sie ihre Schicht um 4.15 Uhr angetreten, also sieben Stunden vor dem Unfall. Doch unmittelbar vor der verhängnisvollen Fahrt hatte sie am Charlottenplatz eine Pause eingelegt. Ob die ausreichend war, blieb offen. Die traumatisierte Fahrerin wurde letztlich zu 15 Monaten Haft verurteilt, die zur Bewährung ausgesetzt wurden.

Warum stand die andere Bahn im Weg?

In einem anderen Fall wurde ein 40-jähriger Stadtbahnfahrer, der im August 2008 in Ostfildern-Ruit auf der Linie U 8 einen Vorarbeiter bei Mäharbeiten übersehen hatte, vom Amtsgericht Esslingen zu einer Geldstrafe verurteilt. Er habe gedacht, die Arbeiter hätten gerade Pause, und deshalb beschleunigt.

Warum im aktuellen Fall die Fahrerin nach der Abfahrt von der Haltestelle Inselstraße den Fahrhebel nicht rechtzeitig zur Bremsung nach hinten zog, als vor ihr der stehende gelbe Zug der Linie U 9 auftauchte, bleibt vorerst ein Rätsel. Weniger rätselhaft dürfte dagegen sein, warum die 39-jährige U-9-Fahrerin überhaupt auf freier Strecke angehalten hatte. Wie es heißt, habe ein Gleisbauzug die Bahn kurzzeitig aufgehalten. Aber auch diesen Umstand wird die Ermittlungsgruppe Tram noch abzuklären haben.

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