Stadtentwicklung in Herrenberg Seeländer soll auch die Altstadt beleben

Von Florian Dürr 

Nun hat das Seeländer in Herrenberg eröffnet. Oberbürgermeister Thomas Sprißler erhofft sich neue Kundschaft. Die Leute sind begeistert, haben aber auch ihre Bedenken – und äußern zum Teil Kritik.

Schon zur Eröffnung am Dienstag zog es viele Kunden aus Herrenberg und Umgebung zum neuen Einkaufszentrum Seeländer. Foto: factum/Simon Granville 6 Bilder
Schon zur Eröffnung am Dienstag zog es viele Kunden aus Herrenberg und Umgebung zum neuen Einkaufszentrum Seeländer. Foto: factum/Simon Granville

Herrenberg - Jana Vellinger hat endlich einen Bioladen vor der Haustür, sie wohnt gleich gegenüber, nur ein paar Schritte entfernt. Trotz Maske ist die Freude in ihrem Gesicht nicht zu übersehen. Die Studentin steht mit ihrem Einkaufskorb um den Arm in Denn’s Biomarkt, einem der fünf Läden im am Dienstag eröffneten Herrenberger Einkaufszentrum Seeländer. Sie ist eine von vielen Kunden, die schon am Vormittag für reges Treiben in und um die Läden sorgen. Jana Vellinger ernährt sich vegan, sie achtet darauf, wo die Lebensmittel herkommen.

Um dieser Überzeugung gerecht zu werden, musste die Herrenbergerin sonst immer bis ins 15 Kilometer entfernte Nagold fahren. Dort gab es schon eine Filiale von Denn’s Biomarkt. „Das hat in Herrenberg gefehlt“, sagt sie und ist deshalb umso glücklicher, dass jetzt nur noch ein paar Schritte nötig sind, um in einem Bioladen einkaufen zu gehen.

Gibt es bald einen Biergarten mit Ausblick auf dem Dach?

Am Dienstag haben der Herrenberger Oberbürgermeister Thomas Sprißler und Verantwortliche des Bauunternehmens Geiger das Einkaufszentrum auf dem Seeländer-Areal offiziell eröffnet. „Liebe Herrenberger, nutzen Sie das Seeländer, um danach weiter in der Altstadt einkaufen zu gehen“, rief Sprißler, bevor er das blaue Band zur offiziellen Eröffnung mit der Schere durchtrennte.

Anschließend machte er sich zusammen mit den Verantwortlichen von Geiger bei einem Rundgang ein Bild von den Geschäften. Insgesamt fünf belegen das Erdgeschoss des Gebäudes: der Discounter Lidl, der Drogeriemarkt Rossmann, das Schuhgeschäft Deichmann, der Textilmarkt Madison und Denn’s Biomarkt. Im ersten Obergeschoss können die Kunden auf mehr als 200 Parkplätzen ihre Autos abstellen – und in drei weiteren Baukörpern des Obergeschosses befinden sich 14 Wohnungen, Flächen für Büros und eine Kita. Dazu soll auf dem Dach des Gebäudes bald ein Gastronomie-Betrieb mit Biergarten einziehen, herrlicher Ausblick auf die Herrenberger Altstadt inklusive.

Der Bau lief unter der Beobachtung des Ehepaars Hartwig

Die Vision für dieses Zentrum entstand 2013 – damals war das Gelände nur als Brachfläche am Rande der Altstadt bekannt. Vier Jahre lang, von 2014 bis 2018, dauerte das Bebauungsplanverfahren – bis im September vor zwei Jahren der Spatenstich für den Bau folgte. Insgesamt rund 30 Millionen Euro kostete das Projekt.

Das Rentner-Ehepaar Dieter und Bärbel Hartwig aus dem Herrenberger Stadtteil Affstätt beobachtete die Entwicklung ganz genau: „Wir sind ein bisschen neugierig und immer mal wieder zur Baustelle gefahren.“ Mit dem Fahrrad machen sie sich oft auf den Weg in die Innenstadt, so auch am Dienstag zur Eröffnung des Seeländers. „Wir sind positiv überrascht, das alles ist sehr ansprechend“, lobt Dieter Hartwig und ergänzt: „Sehr gut, dass der Kontakt zur Altstadt geblieben ist.“

Mit Kindern lieber nach Sindelfingen fahren

Denn eine kleine Brücke über den Aischbach führt hinüber zur Seestraße, die kürzlich wieder eröffnet wurde und mit neuem Konzept Fußgängern den Weg in die Altstadt erleichtern soll. „Die Frage ist nur, ob die Leute dann nicht schon gesättigt sind – und noch in die Altstadt gehen“, sagt Dieter Hartwig. Oberbürgermeister Sprißler zeigt sich dahingehend optimistisch: „In der Altstadt gibt es ja komplett andere Angebote. Hier bekomme ich das, was ich in der Altstadt nicht bekomme.“ Das Seeländer-Areal biete nur eine Ergänzung – und die bringe automatisch neue Kundschaft. Gutachten hätten beispielsweise gezeigt, dass Herrenberg einen Biomarkt und ein Damenmodegeschäft nötig hätte, um die Kaufkraft zu steigern. Beides gibt es nun im Seeländer.

Für Petra Weber aus Gäufelden ist das zu wenig, sie vermisst etwas für ihre Kinder: „Ich hätte mir ein Bekleidungsgeschäft für Teenager gewünscht. So etwas fehlt in Herrenberg komplett.“ Ihren Kindern zuliebe fährt sie weiterhin zum Breuningerland nach Sindelfingen. Es kann eben nicht jeder wie Vellinger mit dem Biomarkt das Lieblingsgeschäft vor der Haustür haben. Aber, das gibt die Mutter zu: „Der Seeländer ist mal ein Anfang.“




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