Stammzellenspender aus Filderstadt Er hat womöglich einen Menschen gerettet
Lucas Osterauer, ehemals Stadtrat in Filderstadt, hat über die DKMS Stammzellen gespendet. Er will anderen die Angst vor dem Eingriff nehmen und erzählt seine Geschichte.
Lucas Osterauer, ehemals Stadtrat in Filderstadt, hat über die DKMS Stammzellen gespendet. Er will anderen die Angst vor dem Eingriff nehmen und erzählt seine Geschichte.
Der Anruf kam viel, viel schneller als gedacht. Kurz nach seinem 20. Geburtstag registriert sich Lucas Osterauer bei der DKMS, der Deutschen Knochenmarkspenderdatei, als Stammzellen-Spender, und keine drei Monate später erhält er den Anruf, dass es eine Übereinstimmung gibt. Dass da eine kranke Person ist, deren genetische Informationen zu den seinen passen.
Zwei Jahre ist das her. Dass seine Geschichte nun erst öffentlich wird, hat Datenschutzgründe. Durch die Verzögerung soll vermieden werden, dass Rückschlüsse gezogen werden können, wer die kranke Person war. Heute aber redet Lucas Osterauer gern darüber, wie das war mit der Stammzellenspende 2020. Für den ehemaligen Filderstädter Stadtrat steht fest: Er würde es jederzeit wieder tun, und „ich würde es jedem empfehlen“. Sämtliche Kosten würden von der DKMS übernommen. Auch die Registrierung sei kostenlos, „und man hat immer die Möglichkeit zu sagen: Ich bin doch nicht bereit“.
Lucas Osterauer war sehr wohl bereit. Beim Hausarzt musste der ehemalige Plattenhardter noch mal Blut abnehmen lassen, dann ging es an die Terminplanung im Robert-Bosch-Krankenhaus in Stuttgart. „Die erste Überlegung war eine operative Stammzellenspende“, erzählt er. Hierzu werden Zellen seitlich aus dem Beckenknochen entnommen. Für Lucas Osterauer hätte das eine OP unter Vollnarkose und einige Nächte im Krankenhaus bedeutet, kurzfristig wurde aber auf eine Spende über eine Blutentnahme umgestellt. Der Grund: Covid-19. Er erklärt: Der Empfänger wird auf die Spende mit einer starken Chemotherapie vorbereitet, dann muss es zügig gehen. Hätte aber Lucas Osterauer wegen einer Corona-Infektion nicht spenden können, wäre es problematisch für den Empfänger geworden, daher wurde ein Verfahren gewählt, bei dem die Zellen eingefroren werden können, bis die kranke Person tatsächlich bereit ist. „Dann hat man einen Puffer.“
2021 hat die DKMS global rund 7700 Spenden vermittelt, mehr als 5500 aus Deutschland, sagt die Sprecherin Julia Ducardus. Weltweit hat die DKMS seit ihrer Gründung 1991 mehr als 100 000 Patienten und Spender zusammengebracht, davon stammten mehr als 82 000 Registrierte aus dem Bundesgebiet. Die Zahl derer, die sich die Liste potenzieller Spender aufnehmen lässt, sinkt jedoch. „Seit Beginn des Krieges in der Ukraine und den daraus resultierenden Folgen und wirtschaftlichen Auswirkungen in Deutschland verzeichnen wir einen signifikanten Rückgang bei den Neuregistrierungen“, sagt sie und fügt hinzu: „Eine Entwicklung, die wir mit großer Sorge sehen.“
Seine Spende bezeichnet Lucas Osterauer als halb so wild. 2,5 Stunden hat die Prozedur demnach gedauert. Ihm wurde im Krankenhaus aus einem Arm Blut abgezapft und in ein Gerät geleitet, wo es in seine Bestandteile zerlegt wurde. Was nicht gebraucht wurde, wurde ihm schließlich über den zweiten Arm wieder zugeführt. „So wurden lediglich 50 Milliliter entnommen“, sagt er. Körperlich habe er nach der Spende nichts gespürt – lediglich Glücksgefühle. Der Gedanke, einem Menschen womöglich das Leben gerettet zu haben, „das ist schon Gold wert“, sagt Lucas Osterauer. Und zu wissen, dass er irgendwo auf der Welt einen genetischen Zwilling habe, „das ist schon cool“.
Lucas Osterauer lebt mittlerweile in Reutlingen, hat dort ein Studium im Fach International Management begonnen. An die Person, die seine Stammzellen bekommen hat, denkt er auch zwei Jahre später immer wieder. Der heute 22-Jährige weiß nicht, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelte, nur, dass die Spende nach Frankreich ging. Dort ist ein Kontakt zwischen Spender und Empfänger grundsätzlich nicht vorgesehen. „Das finde ich schade“, sagt Lucas Osterauer. Er würde zumindest gern erfahren, wie es dem Menschen geht. Und ob die Spende erfolgreich war.
Registrierung
Bei der DKMS Deutschland sind aktuell mehr als sieben Millionen Registrierte verzeichnet, weltweit sind es mehr als elf Millionen. Aber nur etwa ein Prozent kommt jemals als passender Spender in Frage. „Zudem scheiden jedes Jahr alleine bei uns in Deutschland rund 100 000 Menschen aus Alters- und Krankheitsgründen aus der Datei aus“, erklärt eine Sprecherin. Grundsätzlich kann jeder gesunde Mensch zwischen 17 und 55 Jahren Stammzellen spenden. Über www.dkms.de und ein Online-Formular kann man sich kostenlos ein Registrierungsset nach Hause schicken lassen. Gesucht wird dauerhaft, denn laut der DKMS erhält in Deutschland alle zwölf Minuten jemand die Diagnose Blutkrebs. Aktuell wartet etwa Nicole aus Fellbach auf einen Spender. Sie ist an einer akuten myeloischen Leukämie erkrankt. car