Sebastian Herkner, auf seinem für die dänische Traditionsfirma Fritz Hansen entworfenen Sessel, ist Juror auf der Blickfang Designmesse Stuttgart. Foto: Gaby Gerster/Studio Sebastian Herkner
Der in Bad Mergentheim geborene Sebastian Herkner ist ein gefragter Gestalter von Möbeln und Accessoires – und jetzt Juror bei der Designmesse Blickfang in Stuttgart. Er sagt, worauf es bei gutem Design ankommt und wie man junge Talente erkennt.
Eine ältere Dame streicht andächtig über den flauschig wollweißen Stoff eines Sessels, ihr Begleiter begutachtet einen Tisch, bei dem die Materialien vertauscht scheinen – der Fuß ist aus Glas und die Platte aus Messing. Ein Grüppchen jüngerer Frauen bewundert einen bauchigen Blumenübertopf, der auf winzigen Füßen steht. Eine Szene an einem frühen Abend in Stuttgart in einem Geschäft, das hochwertige Möbel und Accessoires verschiedener Hersteller anbietet. An diesem Abend sind allerdings alle ausgestellten Entwürfe von einem Designer, Sebastian Herkner, 1981 geboren am nördlichen Rande Baden-Württembergs, in Bad Mergentheim.
Junge Designer müssen geduldig sein
Der jugendlich wirkende Gestalter spricht mit den Angestellten und den kaufkräftigen Kunden über seine Entwürfe, seine Pläne. Wie es auf den Messen in Mailand und Paris war, was ihn inspiriert auf seinen Reisen nach Osteuropa, Asien, Mittelamerika. Und der Zeitungsredakteurin versichert er glaubhaft, derlei Termine seien für ihn eine Freude. „Das ist wichtig, denn es sind die Menschen im Geschäft, die die Geschichte eines Produktes kennen müssen, um sie den Kunden zu vermitteln. Und es ist spannend, direktes Feedback zu bekommen. Trotz der vielen Onlineplattformen ist der Einzelhandel essenziell, gerade bei hochwertigen Produkten, die muss ich erfühlen, ersitzen, begreifen. Das kann ich im Internet nicht.“
Der Designer verlässt sich nicht auf seinen guten Namen, er ist präsent. Auch auf Möbelmessen in Mailand, Paris und Köln ist er zuverlässig an den Ständen zu erleben, in Interviews, im Gespräch mit potenziellen Kunden. „Wichtig finde ich das Zusammentreffen von Gestaltern und Herstellern. Am Anfang muss man auf Firmen zugehen, die Präsenz auf Messen ist entscheidend, man muss Kontakte pflegen“, sagt der Gestalter. „Man muss von seiner Arbeit überzeugt sein und leidenschaftlich dranbleiben, für die Sache brennen und auch bei Niederlagen weitermachen.“
Inzwischen ist Herkner auch als Juror für den Nachwuchs gefragt, bei der Internationalen Möbelmesse in Köln etwa und jetzt bei den Blickfang-Designmessen in verschiedenen Städten – an diesem Wochenende in Stuttgart. Doch wie erkennt man Talent? „Man sucht nach einer eigenen Sprache des Designers, versucht einen Ansatz zu finden, der aus der Masse heraussticht“, sagt er. „Wichtig ist mir auch die Persönlichkeit des Designers und wie er sein Produkt kommuniziert.“
Längst reicht Talent allein nicht, die Vermittlung, neudeutsch „Narration“, eines Objekts ist wichtig, selbst wenn seine Funktion klar ist – ein Stuhl ist immer noch ein Stuhl und er sollte als solcher auch erkennbar sein. In medial geprägten Zeiten allerdings ist nicht nur der Entwurf wichtig, „sondern die Kommunikation, Bilder, Kontext und Inszenierung. Es sind viele Faktoren entscheidend, ob ein Produkt verstanden wird.“
Mit dem „Bell Table“ für ClassiCon wurde Sebastian Herkner international bekannt“ Foto: ClassiCon GmbH
Und das ist umso bedeutsamer, als gerade in finanziell schwierigen Zeiten Firmen oft lieber auf Sicherheit setzen und mit etablierten Gestaltern zusammenarbeiten. Herkner: „Ich finde es schade, dass der Mut zuweilen fehlt, in etwas neue Sichtweisen zu investieren.“ Sie lancieren lieber eine leicht veränderte Neuauflage eines Klassikers, als ein neues Produkt auf den Markt zu bringen.
Gut, wenn man selbst einen Klassiker geschaffen hat wie Sebastian Herkner. Schon eine seiner ersten Arbeiten brachte nicht nur Auszeichnungen – die Firma Classicon, die Arbeiten von Designgrößen wie Eileen Gray und Konstantin Grcic im Programm hat, produzierte den „Bell Table“ – jenen Tisch mit den verschiedenfarbigen Glasfüßen und den Messingplatten. Zu dem Beistelltisch, den man in Architektenhäusern, Casinos, Hotels findet, hat sich inzwischen auch schon eine Esstisch-Variante hinzugesellt. Von seinem Stuhl für die Traditionsmanufaktur Thonet durfte er jüngst noch ein Modell mit Lehne entwerfen. Die Menschen sitzen heute auch mit Gästen meist länger am Esstisch als auf der Couch, da hat man es gern bequem.
Arbeiten mit kleinen Manufakturen
Wer für derlei Traditionsmarken arbeitet, könnte sich zurücklehnen. Inzwischen ist sein Name aber so bekannt, dass er es sich leistet, selbst ein Wagnis einzugehen und mit weniger bekannten Marken zu arbeiten – handwerklich feine Paravents von Zanat aus Bosnien werden dann auch in Glamourzeitschriften besprochen. Zanat heißt übersetzt: Handwerk.
Handwerk, das betont der Gestalter, fasziniere ihn: „Ich arbeite sehr gern mit guten Handwerkern und kann bei meiner Arbeit immer wieder hinter die Kulissen schauen. Das Tolle ist, n o c h haben wir Manufakturen und Hersteller auch in Deutschland, aber die werden leider weniger. Wichtig wäre eine politische Haltung, das Handwerk zu stützen, in Fragen der Energiekosten etwa.“
Handwerk freilich hat seinen Preis, günstig sind die Produkte nicht, dafür nachhaltig, weil sie so gut gemacht sind, dass man sie sicher nicht beim nächsten Umzug vor dem Haus stehen lässt mit einem „Zu Verschenken“-Schild. Längst sind auch ökologische Anforderungen in der Designwelt ein Thema. „Ich glaube, das ist eine wirkliche Bewegung, dass ein neues Bewusstsein für Qualität und Material entsteht, für die Entstehung und wie auch die Geschichte dahinter. Konsum ist schlimmes Wort“, sagt Sebastian Herkner. „Produkte kann und sollte man nicht konsumieren. Sie sollen Begleiter werden, oder Schätze, auf die man auch sparen muss.“
Objekte soll man zu schätzen wissen, weiter vererben oder sie weiterverkaufen, wenn kein Platz mehr für sie vorhanden ist. „Dinge in niedriger Qualität gibt man nicht weiter, sondern wirft man weg“, sagt Herkner. „Wichtig ist, Anreize zu setzen, dass Produkte nicht weggeworfen werden müssen – allein schon das Gesetz, dass Akkus in Geräten austauschbar sein müssen, ist hilfreich.“
Nicht nur Möbel und Leuchten, die einen im Leben begleiten sollen, entwirft er, auch Farben, Geschirr, Teppiche und sogar Kacheln. In Lörrach im Süden Baden-Württembergs im Wirtshaus Mättle lassen sich seine Entwürfe, als innenarchitektonisches Gesamtkunstwerk inszeniert, in aller Ruhe bei einem guten Essen bestaunen.
Gewagte Proportionen
Sebastian Herkners Entwürfe haben einen Hang zur großen Geste, sie sind von Poesie und Leichtigkeit geprägt. Von einem Überraschungseffekt oft, als würde man Türmchen aus Kieselsteinen bauen und als Tischfuß verwenden wie bei den Tischen „Gem“ für La Manufacture. Gewagte Proportionen beeindrucken bei der gepolsterten Sitzbank „Rest“ für Wendelbo.
„Ästhetik ist wichtig“, sagt denn auch der Designer, „ein Produkt muss gefallen, aber nicht in erster Linie. Es darf auch irritieren und anders sein. Persönlich wichtig für unsere Haltung finde ich die Balance von Handwerk und Technologie.“
Ein Vielkönner
Heute führt Herkner ein großes Büro in Offenbach am Main. Neben Möbeln entwirft er Teppiche, Brillen, Kacheln, Farben. Die vielerlei Betätigungsfelder wähle er bewusst: „das sind spannende Herausforderungen, bei denen wir viel lernen, auch in Sachen Materialität, ob das ein Ofen ist, eine Brille, Sanitärobjekte, das ist bereichernd fürs ganzes Team.“ Anders als für viele seiner Kollegen stand ein Umzug seines Büros in die Hauptstadt nicht zur Debatte: „ich kann von Frankfurt aus mit öffentlichen Verkehrsmitteln jeden Ort der Welt erreichen. Und die Familie und Freunde sind hier und das ist mir wichtig.“
Auch wenn sein Name die Produkte ziert, arbeitet er im Team. „Oft kommt die erste Idee, die erste Skizze von mir und wird von meinem Team weiterentwickelt, aber die Kommunikation, die Präsentation, Gesprächsrunden und Jurytätigkeiten übernehme ich selbst.“ Und er nimmt sich Zeit für inspirierende Reisen.
Geld in Entwürfe investieren
Zu Beginn seiner Arbeit als Designer sah das anders aus: „Die ersten Jahre habe ich auf Urlaub verzichtet und war viel auf Messen unterwegs. Mein Geld habe ich in Prototypen neuer Entwürfe gesteckt. Am Anfang muss man auf Firmen zugehen, die Präsenz auf Messen ist entscheidend, man muss Kontakte pflegen, oft dauert es fünf, sechs Jahre, bis man Fuß gefasst hat. Die Anfänge gleichen einer Achterbahnfahrt mit Erfolgen und Rückschlägen. Man muss von seiner Arbeit überzeugt sein und leidenschaftlich dran bleiben, für die Sache brennen und auch bei Niederlagen weitermachen.“
Wenngleich das gewisse Etwas, das einen Gestalter herausragend macht, nicht zu erlernen ist, wird er solch eine Erfahrung dem Nachwuchs in Stuttgart und anderswo mit auf den Weg geben.
Info
Designer Sebastian Herkner hat seit seinem Designstudium an der HfG Offenbach als frei schaffender Gestalter viele Auszeichnungen erhalten, darunter den German Design Award und den Designpreis der Bundesrepublik Deutschland. 2006 gründet er sein Designstudio Sebastian Herkner.
Messe Die Designmesse Blickfang findet am 22. (12 bis 20 Uhr), am 23. (12 bis 19 Uhr) und an 24. März (11 bis 18 Uhr) in der Liederhalle Stuttgart statt. Rund 250 Designfirmen aus der Region Stuttgart und aus ganz Europa sind auf der Messe vertreten. Sebastian Herkner ist als Kurator für die Blickfang engagiert und Juror für den Designpreis in den Kategorien Möbel & Produktdesign sowie Mode & Schmuck bei der Messe, neben der Architektin Shirin Brückner von Atelier Brückner aus Stuttgart und Joachim Aisenbrey, Geschäftsführung Breuninger Stuttgart. https://blickfang.com/designmesse/blickfang-stuttgart/