Stuttgart - Als Meldungen über die neue European League of Football (ELF) durch die Medien wanderten, registrierte Fabian Weigel die Kunde mit einer ordentlichen Portion Skepsis. Eine europaweite Liga, professionell geführt, mit Spielen, die im Fernsehen übertragen werden – das erinnerte ihn an die NFL Europe, mit der die milliardenschwere National Football League (NFL) aus Nordamerika zwischen 1991 und 2007 die amerikanischste aller Sportarten in Europa salonfähig machen und zu einem Spitzenprodukt entwickeln sollte. Fabian Weigel, damals bei den Stuttgart Scorpions, war skeptisch. „Ich fand, das sieht ja alles gut aus“, erzählt der 33 Jahre alte Stuttgarter, „aber ich fragte mich schon, ob das auch alles so schön kommen würde.“
Wenn die ELF an diesem Wochenende mit acht Mannschaften in ihre Premierensaison startet, ist Fabian Weigel mit dabei. Der Ballfänger (Wide Receiver) hat sich von den Scorpions verabschiedet, schweren Herzens und im guten Einvernehmen zwar, denn er hielt für den Club elf Jahre lang seinen Körper hin und galt als ein Urgestein. Doch sein Pioniergeist und die Abenteuerlust waren größer als die Verbundenheit und Skepsis, der Angreifer schloss sich im April dem neuen ELF-Club Stuttgart Surge an. „Ich wollte die Chance, bei etwas Neuem dabei zu sein, nicht vorbeigehen lassen“, sagt Weigel, „ich wollte es am eigenen Leib erleben.“
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Die Entscheidung, sich dem Stadtrivalen anzuschließen, wurde dem Sillenbucher ein wenig erleichtert, weil er nicht der Einzige war – mit dem 33-Jährigen wechselte nahezu das gesamte Trainerteam um Chefcoach Martin Hanselmann sowie zahlreiche Mitspieler in die Stuttgarter ELF-Filiale. „Das ist natürlich ein großer Vorteil“, betont Weigel, „wenn du die Handschrift des Cheftrainers kennst und dazu auch noch einen Teil der Teamkollegen.“ An diesem Samstag beginnt das Abenteuer für Weigel in Barcelona, wenn es um 18 Uhr (Livestream auf Ran.de) gegen die Dragons geht.
Auch das hat den Stuttgarter gereizt, für Surge Bälle zu fangen – ein Auswärtsspiel im Ausland. Freitag per Flugzeug nach Barcelona, Hotel, Spieltag, wieder Hotel, dann am Sonntag der Rückflug. „Das ist schon richtig cool“, sagt der Angreifer, „die Vorfreude ist riesig.“ Und vielleicht ein kleiner Trost für die unerfüllte Karriere als deutscher Nationalspieler. Nur ein Länderspiel hat Weigel bestritten, 2014 im April in Tokio, es endete 0:38 gegen Japan, und Weigel blieb ohne gefangenen Ball. Bei der folgenden EM ist er als Letzter aus dem Kader aussortiert worden, dann gewann das deutsche Team in Wien den Titel. Und 2016 brach er sich zwei Wochen vor den World Games das Schlüsselbein und war wieder zum Zuschauen verdammt. „Ich will mich trotzdem nicht beschweren, ich habe viel Schönes erlebt im Football“, sagt Weigel, „ich kann mit meiner Vergangenheit leben.“
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Nun beginnt die Zukunft mit Stuttgart Surge. Zu erahnen, wo die hinführt, ist für den Footballspieler in etwa so vage zu beantworten wie die Frage, ob Star-Quarterback Tom Brady von den Tampa Bay Buccaneers in der nächsten NFL-Saison seinen achten Ring gewinnen wird. Die Barcelona Dragons kennt er so gut wie das chinesische Alphabet, bei den übrigen Gegnern der Liga hat Weigel in den Kadern jeweils kaum eine Handvoll bekannter Namen ausgemacht. Lediglich die Frankfurt Galaxy vermag er einzuschätzen, weil Stuttgart ein gemeinsames Trainingscamp mit dem hessischen Club veranstaltet hat. „Ich hoffe“, sagt er, „dass die Liga einigermaßen ausgeglichen ist und es spannende Spiele gibt.“
Wie die Jungfernfahrt von Stuttgart Surge mit Weigel an Bord enden wird, da will sich der Passempfänger nicht festlegen. Es hängt davon ab, ob er eine gute Saison spielt und die Stuttgarter ihm auch für 2022 einen Saisonvertrag anbieten. Und schließlich, ob sein Familie ihm die Freigabe erteilt – als junger Vater von zwei Kindern weiß er, dass er mehr Verantwortung besitzt, als lediglich einen Ball zu fangen und ihn so weit wie möglich nach vorne zu tragen. Nach der Saison will er sich mit seiner Frau beraten, ob er noch ein Jahr bei Stuttgart Surge dranhängen wird. Noch ist nichts spruchreif, denn bezüglich der ELF ist Fabian Weigel noch immer skeptisch. Auch wenn längst nicht mehr so sehr wie noch vor drei Monaten.