Start-up Third Picture aus Stuttgart Filmgeschichten statt künstlicher Realitäten

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Das Start-up Third Picture aus Stuttgart glaubt in einer Zeit der Simulationen an die Kraft des filmischen Erzählens – auch in Werbung und Marketing.

Für einen Werbefilm hat man  die Geschichte vom Ei des Kolumbus neu interpretiert. Foto: Third Picture
Für einen Werbefilm hat man die Geschichte vom Ei des Kolumbus neu interpretiert. Foto: Third Picture

Stuttgart - Sind das nun echte Aufnahmen oder Simulationen aus dem Computer? Die schwarz-weiße Inszenierung einer avantgardistischen Modemarke lässt beim Betrachter diese Frage offen. Zwei männliche Models im weißen und schwarzen Trenchcoat flanieren entlang einer Reihe von Betonsäulen. Keine Farben, minimalistische grafische Effekte. Erst im Abspann wird klar, dass dies alles echte Bilder waren, gefilmt in Paris, im Landschaftskunstwerk „Axe Majeur“ des Künstlers Dani Karavanwo. Der Imagefilm für die avantgardistische Mode soll die „Ästhetik von fließenden wie auch brutalistischen Elementen“ kombinieren, wie es in der Beschreibung heißt.

In dem seit Frühjahr 2018 aktiven Stuttgarter Start-up Third Picture haben sich vier Absolventen der Filmakademie Stuttgart zusammengefunden, die zeigen, wie sich Kunst und Marketing verbinden. „Wir wollen Geschichten erzählen“, sagt Mitgründerin Laura Mahlberg auf die Frage, was den eigenen Ansatz unter den inzwischen vor allem im Internet massenhaft verbreiteten Image- und Werbevideos präge. Ja, man agiere ganz bewusst zwischen den Stühlen, sagt Mitgründerin Alexandra Rilli: „Unser Angebot reicht von Modefilmen, Musikvideos, Imagefilmen bis zu klassischer Werbung. Andererseits produzieren wir Spiel- und Dokumentarfilme für Filmfestivals, Kino und Fernsehen.“ Zudem plane man Formate fürs Internet wie beispielsweise Webserien. Stilistisch sieht man sich zwischen Kunstfilm und Unterhaltungs­kino.

Das Herz gehört dem Film – und dem Erzählen

„Wir sind vor allem Filmemacher“, sagt der Kameramann David Münch als Begründung, warum man beispielsweise aufwendige Aufnahmen in Paris dem virtuellen Bilderentwerfen vorgezogen hat. Natürlich gehöre Bildbearbeitung heute dazu. Aber die Zuschauer seien heute oft mit Effekten, schnellen Bildschnitten, knalligen Simulationen und lauter Musik überfrachtet: „Zu viel ist da unangenehm und bedeutet eine Überreizung. Uns ist wichtig, mit dem Zuschauer in Beziehung zu treten und ihn ernst zu nehmen“, sagt Mitgründer Vincent von Tiedemann. Der Härtetest sind hier die meist nur wenige Sekunden dauernden Videosequenzen, mit denen etwa auf Youtube der Zuschauer in den Beitrag gelockt werden muss, noch bevor er „Überspringen“ klickt.

Das sei durchaus Erfolg versprechend, sagt von Tiedemann. „Man darf halt nicht gleich ans Verkaufen denken.“ Er sei beispielsweise beim gut gemachten Weihnachtsvideo eines Discounters hängen geblieben. Wenn die Aufmerksamkeit erst einmal gefesselt sei, finde man auch für längere Beiträge seine Zuschauer: „Wenn es nicht funktionieren würde, dann würde man auch nicht so viel Geld dafür ausgeben. Da ist der Markt eiskalt.“

Gewinner im Landeswettbewerb „Ideenstark“

Die laut Selbstbeschreibung „spielerische Bandbreite“ von ungewöhnlicher Erzählweise und experimentellen Videos hat Third Picture als einen der Gewinner des Landeswettbewerbs „Ideenstark“ hervorgehen lassen. Hier würdigt die Förderagentur MFG des Landes zusammen mit dem Wirtschafts- und dem Wissenschaftsministerium unternehmerisches Potenzial in der Kreativbranche. Ein Jahr lang erhalten die Gewinner ein Trainingsprogramm. Dass sie einmal ein Start-up gründen wollten, war allerdings schon früh klar, als sich das Gründerteam im Studium für erste Projekte zusammenfand.

„Welteroberungspläne“, wie es Alexandra Rilli halb scherzhaft nennt, hegen die bislang vor allem regional tätigen Gründer durchaus. So plant man, wie es sich für ein Start-up fast schon gehört, eine App, die es möglich macht, an realen Standorten Filmsequenzen zu erleben. Wenn das Smartphone sich an einem bestimmten Platz in der Stadt lokalisiert, lässt sich das mit einem Video synchronisieren, das exakt an diesem Ort gedreht wurde. Eine Kombination von virtuellen Inhalten mit realen Orten bietet beispielsweise auch das Karlsruher Start-up Map­star an. Wäre das vielleicht etwas für die Touristenwerbung, die über den Smartphone-Bildschirm einen Eindruck von historischen Szenen geben könnte? Noch ist hier kein Geschäftsmodell detailliert ausgearbeitet. Im Team dominieren die Kreativen, einen reinen Marketingspezialisten gibt es (noch) nicht.

Erst einmal ist unter dem Titel „Offline“ ein Filmprojekt im Visier, das eine kreative Story mit der Reflexion zu den Schattenseiten der digitalen Vernetzung verbindet. Es geht um Menschen, die im Schatten von Windrädern leben, welche für sie individuell die Energieversorgung für ihre diversen elektrischen und elektronischen Geräte übernehmen. Drohnen beliefern, beschützen und überwachen die Protagonisten, so dass sie sich in ihrem Alltag um nichts kümmern müssen – bis dann ein Eindringling zu heftigen Konflikten führt.