Stefan Kaufmann zieht Bilanz „Die Landes-CDU hat sich verzwergt“

„Die Südwest CDU ist kein Powerhouse mehr“, kritisiert der scheidende Stuttgarter CDU-Kreischef Stefan Kaufmann. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Zehn Jahre lang stand Stefan Kaufmann an der Spitze der Stuttgarter CDU. Jetzt folgt der Umbruch: Nach dem Verlust des Bundestagsmandats tritt der 51-Jährige nicht erneut als CDU-Kreisvorsitzender an. Was bewegt ihn?

Stadtleben/Stadtkultur: Jan Sellner (jse)

Stuttgart - Das war’s. Stefan Kaufmann wird bei der CDU-Kreisvorsitzenden-Wahl am 5. November nicht noch einmal antreten. Nachfolger soll der 29-jährige Thrasivoulos Malliaras werden, Referent von OB Frank Nopper. Im Abschiedsinterview zeigt Kaufmann sich „aufgeräumt“, manche Verletzungen sind jedoch geblieben.

 

Herr Kaufmann, sind Sie gedrängt worden, den CDU-Kreisvorsitz abzugeben?

Nein, ich hab keinen Druck gespürt. Ganz im Gegenteil: Viele haben mich gedrängt, weiter zu machen. Zehn Jahre als Kreisvorsitzender sind ein guter Zeitpunkt, den Staffelstab weiterzugeben. Dass wir engagierte Nachwuchskräfte haben, war mir immer ein Anliegen. Max Mörseburg und Thrasivoulos Malliaras sind dafür zwei Beispiele, die jetzt mehr Verantwortung übernehmen.

Fällt ihnen der Rückzug schwer?

Ich habe in meiner Heimatstadt gerne Verantwortung übernommen. Der Kreisvorsitz ist allerdings auch ein Knochenjob. Deshalb freuen mein Mann und ich uns auf mehr Freiraum und Privatsphäre.

Kritiker halten die CDU Stuttgart für „leer“ und „personell am Ende“. Haben sie recht?

Bei Kritik kommt es auch darauf an, wer sie übt – es gibt sachliche und es gibt Schmähkritik. Ich bin für Sachlichkeit. Klar ist: Wir haben unsere Mitglieder organisatorisch und inhaltlich zuletzt immer stärker mit einbezogen. Ein berechtigter Kritikpunkt ist die fehlende Profilierung der Partei gegenüber der Gemeinderatsfraktion – etwa beim Thema Stadtentwicklung. Das haben wir zu stark der Fraktion überlassen.

Was ist aus dem Anspruch der CDU geworden, Großstadtpartei zu sein?

Wir haben in Stuttgart vieles richtig gemacht, aber auch herbe Rückschläge einstecken müssen – zuletzt bei der Gemeinderatswahl. Da hatten wir ein gutes Angebot an Kandidatinnen und Kandidaten quer durch die Bevölkerung. Trotzdem sind sie nicht gewählt worden. Das liegt auch an der Kommunikation. Mit der bisherigen Ansprache erreichen wir viele Leute nicht mehr.

Wie viele Mitglieder haben Sie zuletzt verloren?

Den größten Dämpfer gab es in Zusammenhang mit der Entscheidung über die Kanzlerkandidatur. Das sind innerhalb von zwei Wochen 50 Leute ausgetreten.

Wie viele Mitglieder sind es noch?

Etwa 2500. Als ich vor zehn Jahren Kreisvorsitzender wurde, lagen wir bei rund 3000, da waren allerdings viele Karteileichen dabei. Die 2500 sind eine ehrliche Zahl.

Wie sehr schmerzt Ihre Niederlage bei der Bundestagswahl noch?

Ich hatte seit längerem mit dem Verlust des Mandats gerechnet. Der bundespolitische Trend lief klar gegen die CDU. Was mich allerdings schon sehr schmerzt, ist die Höhe der Niederlage (16,5 Prozentpunkte hinter Cem Özdemir, d. Red.). Mir ist bewusst, dass Wahlkreisarbeit nicht direkt honoriert wird. Ich hätte mir gewünscht, dass sich mein Einsatz stärker ausgezahlt hätte.

Woran lag’s?

Bei der Bundestagswahl geht es primär um Bundespolitik. Der Rückhalt für Armin Laschet in der Bevölkerung war schon zu Beginn des Wahlkampfs schwach, und er wurde dann noch schwächer. Es hat auch die Unterstützung aus der Partei gefehlt und der Gegenwind aus Bayern hat ebenfalls geschadet. Rückblickend war es ein großer Fehler, einen Kandidaten gegen den erklärten Willen der Basis durchzusetzen. Daraus werden wir als Partei für die Zukunft lernen müssen.

Bei der Suche nach einem neuen Bundesvorsitzenden soll die Basis stärker beteiligt werden – am Personaltableau hat sich jedoch nicht viel geändert: fünf Männer aus Nordrhein-Westfalen, keine Frau, kein anderer Landesverband.

Das müsste einem zu denken geben. Speziell auch dem CDU-Landesverband in Baden-Württemberg.

Was ist los in der Landes-CDU?

Sie spielt seit vielen Jahren bundespolitisch keine Rolle mehr. Der Landesverband hat sich verzwergt, und offensichtlich hat uns die Koalition mit den Grünen nicht gutgetan.

Wodurch verzwergt?

Begonnen hat diese Entwicklung schon unter Stefan Mappus. Seitdem ging es bergab. Die Südwest-CDU muss den Anspruch haben, ein Powerhouse innerhalb der Gesamtpartei zu sein. Diesem Anspruch werden wir seit Jahren nicht gerecht. Alle Verantwortlichen in Bund und Land sollten zudem selbstkritisch ihre Performance in den letzten Jahren betrachten und ehrlich prüfen, was sie zu einer Erneuerung der Partei beitragen können.

Wie sehen Sie die Rolle des aktuellen Landesvorsitzenden Thomas Strobl?

Die Probleme liegen tiefer als nur in der Person des Landesvorsitzenden. Man muss ihm zugutehalten, dass er den Landesverband nach der herben Niederlage bei der Landtagswahl zusammengehalten hat.

Wo liegen die Probleme?

In der Gesamtanmutung der Partei, in einer mangelhaften Kommunikation. Die CDU hat sich vom Lebensgefühl in den Städten weit entfernt. Und die Landtagswahl hat gezeigt, dass unsere Bindungskraft auch im ländlichen Raum nachgelassen hat, auch wenn wir bei der Bundestagswahl nur in den Städten verloren haben. Dort treten unsere Schwächen besonders stark zutage.

In der jüngsten Umfrage von Stuttgarter Zeitung und Südwestrundfunk ist die Landes-CDU auf 17 Prozent abgestürzt.

Das ist eine Momentaufnahme, die sich aus der aktuellen Begeisterung für die Ampel als neuem Projekt speist. Viele halten das Ampelmodell gerade für attraktiv. Das würde ich nicht überbewerten.

Demnächst sind Sie aus dem Politikbetrieb raus. Wie geht’s beruflich weiter?

Ich habe verschiedene Optionen. Aller Voraussicht nach werde ich mich außerhalb der Politik weiterhin mit dem Thema Wasserstoff beschäftigen – ein absolutes Zukunftsthema. Als Wasserstoffbeauftragter der Bundesregierung habe ich viel Expertise erworben. Das Thema ist für mich auch eine Herzensangelegenheit geworden. Eine Entscheidung ist noch nicht gefallen.

Noch ein Blick zurück: einer der seltenen CDU-Erfolge in letzter Zeit war die Stuttgarter OB-Wahl? Bereuen Sie, dass Sie nicht selbst angetreten sind?

Nein. Ich hatte nach reiflicher Überlegung entschieden, nicht anzutreten. Aber die Tatsache, dass sich der eine oder andere Parteifreund nicht vorstellen konnte, dass ein Schwuler OB werden könnte, ist vielleicht ein Teil des CDU-Problems.

Ohne solche Stimmen hätten Sie’s gemacht?

Wahrscheinlich nicht. Stuttgart ist meine Heimatstadt und liegt mir sehr am Herzen. Obwohl ich wusste, dass es bei der Bundestagswahl schwierig werden würde, habe ich meine Zukunft in der Bundespolitik gesehen. Selbstkritisch stelle ich fest, dass es mir als Kreisvorsitzender nicht gelungen ist, die CDU Stuttgart so progressiv aufzustellen, wie ich mir das gewünscht habe.

Zur Person

Werdegang
Stefan Kaufmann, Jahrgang 1969, ist in Stuttgart geboren. Er studierte Jura in Tübingen. Er promovierte und ließ sich später als Rechtsanwalt nieder. 1996 trat er in die CDU ein, für die er seit 2009 im Bundestag sitzt. In drei Bundestagswahlkämpfen gewann er im Wahlkreis Süd gegen Cem Özdemir von den Grünen. Diesmal unterlag er klar. Seit 2011 ist Kaufmann als Nachfolger von Michael Föll Kreisvorsitzender der Stuttgarter CDU. In dieser Funktion unterstütze er bei der OB-Wahl 2012 den von ihm favorisierten CDU-Kandidaten Sebastian Turner – allerdings erfolglos. Kaufmann ist mit Rolf Pfander verpartnert. Seine sexuelle Identität machte er bewusst zum Thema, um, wie beim Christopher Street Day, für ein liberales Klima zu werben. 

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