Stephen King: „Billy Summers“ Der Altmeister des Horrors so politisch wie nie

Stephen King hat mit „Billy Summers“ einen Variante des Hardboiled-Detektiv-Krimis mit geschrieben. Foto: Lukas Jenkner

In seinem neuesten Roman „Billy Summers“ verzichtet Stephen King auf übersinnliche Elemente. Zumindest fast – in der Geschichte eines Auftragskillers mit Herz kommt ein Hotel vor, welches King-Fans gut kennen dürften.

Nachrichtenzentrale : Lukas Jenkner (loj)

Stuttgart - Ein Horrorautor, der ganz ohne Grusel auskommt? Bei Stephen King, dem US-amerikanischen Altmeister des Horror-Genres, passiert das in letzter Zeit häufiger. King, 73 Jahre alt, liefert bis heute verlässlich im Jahrestakt Schmöker auf Beststellerniveau – der neue Roman „Billy Summers“ bildet da keine Ausnahme. Auf 717 Seiten breitet King die Geschichte eines psychisch deformierten Auftragskillers mit dem Herzen am rechten Fleck aus. Das Ende – so viel sei verraten – rührt zu Tränen. Dass muss ein Autor nach Jahrzehnten des Schreibens und Dutzenden Veröffentlichungen erst einmal hinbekommen.

 

Billy Summers hat eine brutal-trostlose Kindheit hinter sich und sein Heil in der US-Army gesucht. Das hat nur bedingt geklappt: In der Armee lernt Summers das Schießen, an der Front im Irak die Gräuel des Krieges kennen. Zurück in den Staaten verdingt er sich als Auftragskiller. Kings Roman setzt ein, als sich Summers zu seinem letzten Auftrag aufmacht. Der soll zwei Millionen US-Dollar bringen, mit denen der Irak-Veteran sich sein restliches Leben finanzieren will.

Psychologische Studie, Thriller und Liebesgeschichte in einem

Doch dann muss Summers feststellen, dass die Hintermänner seines Auftraggebers nie geplant hatten, dass der Killer nach dem Auftragsmord mit dem Leben davonkommt. Zugleich hat Summers die junge Alice im Schlepptau, die er von der Straße aufgelesen hat, nachdem sie das Opfer einer Gruppenvergewaltigung geworden war. Gemeinsam flüchten sie und versuchen, die Hintermänner des „letzten Auftrags“ zu stellen.

„Billy Summers“ sind gleich mehrere Geschichten in einer: Die psychologische Studie eines von Gewalt geprägten Charakters, der seine Lebensgeschichte aufschreibt und aufarbeitet, ein klassischer Hardboiled-Thriller, in dem zynisch-coole Gangster einander das Lebenslicht auspusten wollen, und schließlich eine zarte, unerfüllte Liebesgeschichte, die sich auf einem Roadtrip entfaltet.

Der späte Stephen King wird immer politischer

Das alles verbrämt Stephen King mit einer Hintergrundgeschichte, die so politisch ist wie kaum zuvor in seinen Werken. Dass der überzeugte Demokrat seit vielen Jahren am tiefen Riss in der US-amerikanischen Gesellschaft leidet und als Schuldige extreme Republikaner, die Tea Party und Donald Trump ausgemacht hat, ist nicht neu. Auch in seinem neuesten Roman lässt er kaum eine Gelegenheit aus, die Fehlentwicklungen in der Gesellschaft der USA aufs Korn zu nehmen: Angefangen vom sinnlosen Krieg im Irak über im Turbokapitalismus heruntergekommene Städte bis hin (Achtung Spoiler!) zu perversen Superreichen, die sich mit ihrem Geld alles kaufen können – die Analogien zum Skandal um Jeffrey Epstein sind in „Billy Summers“ offensichtlich.

Das alles schildert King ohne übernatürlichen Einschlag. Lediglich einen kleinen Schlenker kann sich der Altmeister nicht verkneifen – und stellt eine Verbindung zu einem Spukhotel her, das King-Fans zweifellos wiedererkennen werden.

Stephen King: Billy Summers. Roman. Heyne Verlag München 2021. Gebunden mit Schutzumschlag, 26 Euro.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Horror Literatur