Stiftsbad in Weinstadt wird wieder geöffnet Schwimmer kritisieren Bädersterben

Immer weniger Kinder sind sichere Schwimmer, schuld daran sei auch das Bädersterben, sagt die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG). Foto: dpa
Immer weniger Kinder sind sichere Schwimmer, schuld daran sei auch das Bädersterben, sagt die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG). Foto: dpa

Das Stiftsbad in Weinstadt ist geschlossen, es wurde saniert und wird nach den Ferien wieder geöffnet. Fachleute geben dem Bad noch zwei bis drei Jahre. Doch was passiert dann? Schon jetzt sind 60 Prozent aller Zehnjährigen in Deutschland keine sicheren Schwimmer.

Rems-Murr/ Ludwigsburg: Martin Tschepe (art)
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Weinstadt - Das Stiftsbad in Weinstadt-Beutelsbach ist nur eins von vielen Hallenbädern im Land, die auf der Kippe stehen. Viele Schwimmtempel in Deutschland wurden in den 1960er- und 1970er-Jahren gebaut, die Kommunen haben zu wenig Geld für die Sanierungen ausgegeben, nun drohen Schließungen. Überall in der Republik schlagen die Schwimmvereine, die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) und die Schulen Alarm.

Das Beutelsbacher Stiftsbad, das seit Ende Oktober geschlossen ist, wurde von Fachleuten unter die Lupe genommen, speziell die Dachkonstruktion wurde genau inspiziert. Die Reparaturarbeiten sind abgeschlossen. Laut Auskunft der Stadt wird das Stiftsbad – das einzige vollwertige Hallenbad in der Großen Kreisstadt – jetzt wiedereröffnet. Die Schul- und Vereinsvertreter atmen auf. Ende Oktober stand noch zu befürchten, dass das Bad womöglich gar nicht mehr zu retten sein könnte. Jetzt wurde die Decke im Inneren der Schwimmhalle mit einem Netz abgehängt, sicher ist sicher. Die Experten haben erklärt, dass das Bad noch zwei bis drei weitere Jahre genutzt werden könnte, wenn keine weiteren Schäden auftreten. Es sei aber klar: „Das Stiftsbad ist endlich“, sagt Holger Niederberger, der Sprecher der Stadt. Verwaltung und Gemeinderat machten sich Gedanken über diese Frage: Wo wäre ein Neubau sinnvoll? Eine Antwort gebe es noch nicht.

Cabrio-Bad ist seit fast zehn Jahren geschlossen

Tanja Faderl, die Leiterin der Schwimmabteilung der SG Weinstadt, hat die Nachricht von der Wiedereröffnung des Stiftsbads mit Freude zur Kenntnis genommen. Während der vergangenen Wochen haben die Sportler in andere Bäder ausweichen müssen, einige haben im Freibecken des Wunnebads in Winnenden trainiert. Faderl, Mutter einer Leistungsschwimmerin, sagt aber auch: Das kleine Stiftsbad mit lediglich vier 20-Meter-Bahnen reiche eigentlich nicht aus für Weinstadt. Das legendäre Cabrio-Bad im Stadtteil Endersbach ist seit fast zehn Jahren geschlossen. Im Jahr 2010 stimmte der Gemeinderat knapp für den Neubau eines Hallenbads, der Beschluss wurde dann aber durch einen Bürgerentscheid gekippt.

Die SG Weinstadt könnte deutlich mehr Angebote machen, etwa Babyschwimmen und mehr Kurse für Kinder, sagen Tanja Faderl und Martina Bremer, die bei der Geschäftsstelle des Vereins als Minijobberin arbeitet. Auch für das Schulschwimmen gebe es nicht genügend sogenannte Wasserzeiten. Abiturienten, die Schwimmen als Prüfungsfach belegen, müssen eigentlich alle vier Schwimmlagen beherrschen. Das sei in Weinstadt nicht möglich.

DLRG-Kampagne „Rettet die Bäder

Die DLRG hat bundesweit die Kampagne „Rettet die Bäder“ gestartet und fordert einen Masterplan. Laut Einschätzung des Vereins sind für die Bädersanierung etwa 14 Milliarden Euro erforderlich, die Summe sollte je zur Hälfte vom Bund sowie von den Ländern und Kommunen getragen werden. Denn nur in Schwimmbädern könnten Kinder schwimmen lernen. Weil Jahr für Jahr Bäder geschlossen würden, gebe es immer mehr Nichtschwimmer, so die DLRG. In den ersten acht Monaten des Jahres 2018 seien „mindestens 445 Menschen ertrunken“. Nahezu 60 Prozent aller zehnjährigen Kinder in Deutschland seien keine sicheren Schwimmer, das habe eine von der DLRG in Auftrag gegebene repräsentative Forsa-Umfrage 2017 ergeben. Ein Viertel aller Grundschulen hat keinen Zugang zu einem Bad, eine Schwimmausbildung werde deshalb oft unmöglich. Wer im Geld schwimmt, sollte seinen Bürgern das Schwimmen im Wasser nicht versagen – mit diesen Worten kann man einen Haushaltsantrag der SPD im Landtag auf den Punkt bringen. Doch die 30 Millionen Euro schwere Finanzspritze für die Städte und Gemeinden zur Sanierung von Schwimmbädern werde es nicht geben, kritisiert der sportpolitische Sprecher der Sozialdemokraten im Landtag, der Backnanger Abgeordnete Gernot Gruber. Die Landesregierung habe den Antrag nämlich abgelehnt. Obgleich akut Handlungsbedarf bestehe. In den vergangenen zehn Jahren seien allein im Land knapp 60 kommunale Schwimmbäder geschlossen worden.




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