Stolperstein für Säugling in Stuttgart Als Zwangsarbeiterkind „unerwünscht“

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Nadja Jakimenko ist nur wenige Monate alt geworden. Die Nazis haben ihren Tod bewusst in Kauf genommen. Nun wird ein Stolperstein für das Mädchen verlegt. Der Fall zeigt auch: das Thema Zwangsarbeit in Stuttgart ist längst nicht auserzählt.

Sowjetische Zwangsarbeiter laden an der Universität Stuttgart Bücher auf einen Wagen. Gunter Demnig verlegt Stolpersteine für Zwangsarbeiterkinder in Möhringen (Bild oben),  Stolperstein  für die Zwangsarbeiterin Katharina Karanowa. Foto:  
Sowjetische Zwangsarbeiter laden an der Universität Stuttgart Bücher auf einen Wagen. Gunter Demnig verlegt Stolpersteine für Zwangsarbeiterkinder in Möhringen (Bild oben), Stolperstein für die Zwangsarbeiterin Katharina Karanowa. Foto:  

Stuttgart - Wjatscheslaw Iwanowitsch Wysokopojas hat seine Tante nie kennengelernt. Sie ist im Alter von gerade einmal sieben Monaten gestorben. Am 11. Juli wird der 46-Jährige, der aus einem Dorf in der Nähe der ukrainischen Stadt Poltawa stammt, in Möhringen sein und dann mehr über seine Tante Nadja Jakimenko erfahren, als all die Jahre zuvor. Möglich gemacht hat dies Karl-Horst Marquart von der Stolperstein-Initiative Stuttgart-Vaihingen. Die Initiative hat bereits einige Stolpersteine verlegen lassen, die an die Opfer der NS-Diktatur erinnern.

Bei seinen Recherchen stieß Marquart im sogenannten Leichenregister auf die Namen Olga Tschetirbok, Lydia Martschenko und eben Nadja Jakimenko. Drei Säuglinge, die nur wenige Monate alt wurden. Die Spur führte schließlich zur Hansa-Metallwerke AG in Möhringen. Dort, wo heute eine grüne Wiese ist, standen einst zehn Baracken, in denen 370 sowjetische Zwangsarbeiterfamilien in den Jahren 1942 bis 1945 interniert waren. Die Männer und Frauen, die mit Gewalt nach Deutschland verschleppt worden waren, mussten Zünder für Handgranaten herstellen: „Die Bedingungen waren unmenschlich, denen ging es dreckig“, sagt Marquart. Kinder seien „unerwünscht“ gewesen, schließlich galten die sogenannten Ostarbeiter bei den Nazis als „rassisch minderwertig“. Nadjas Leben endete am 7. September 1944. „Die Kinder wurden bewusst unterversorgt“, sagt Marquart. Was die wenigsten wissen: alle Zwangsarbeiter mussten von den Firmen bei der AOK krankenversichert werden. „Getan wurde aber nichts“, ergänzt Marquart.

Auch nach der Rückkehr geht der Leidensweg weiter

Doch die Geschichte ist an diesem Punkt der Recherche noch nicht zu Ende. Poltawa ist nämlich die Partnerstadt Leinfelden-Echterdingens. Als er noch als Arzt beim Stuttgarter Gesundheitsamt tätig war, war auch schon eine Delegation aus der Ukraine bei ihm zu Gast. Der Kontakt ist schnell geknüpft. Das Kulturamt der Filderkommune ist gern behilflich und im Fall Nadja Jakimenko wird es ein Volltreffer. Als ein Ärzteaustausch ansteht, fährt Marquart im Mai mit in die Ukraine – und wird von Nadjas Familie mit offenen Armen empfangen: „Es war fast so als würde man sich schon lange kennen. Sie waren hochinteressiert.“ Wenig ist über das Schicksal Nadjas bekannt, die Mutter ist im Jahr 1994 gestorben: „Sie hat nicht darüber gesprochen“, sagt Marquart. Wohl auch, weil nach der Rückkehr der Leidensweg von Nadjas Mutter noch nicht zu Ende war. Den Rückkehrern wurde Landesverrat vorgeworfen, sie kamen in sogenannte Filtrationslager.

Insgesamt gab es in Stuttgart während der NS-Zeit mehr als 30 000 Zwangsarbeiter und 120 Lager. Bei Kriegsende waren es allein 22 000 sowjetische Zwangsarbeiter. „Da ist vieles noch nicht erforscht“, sagt Marquart. Das weiß auch Stadtarchivar Roland Müller, der 1988 in seinem Werk „Stuttgart zur Zeit des Nationalsozialismus“ dem Thema Zwangsarbeit ein Kapitel widmete: „Doch die Quellenlage ist mittlerweile eine andere.“ Als er seine umfassende Arbeit veröffentlichte, waren zum Beispiel die Spruchkammerakten noch geschlossen. Müller sieht vordringlichen Handlungsbedarf für Stuttgart bei den NS-Themenfeldern: „Arisierung und Rückerstattung“ sowie „Kriegswirtschaft und Zwangsarbeit.“ Während für ersteres der Gemeinderat schon die Finanzierung eines Stipendiums bewilligt hat, muss er dies beim zweiten Komplex noch tun. Auch wenn beispielsweise Daimler oder die Universität Stuttgart ihre Zwangsarbeiterhistorie haben aufarbeiten lassen, ist bei dem Thema noch viel Luft nach oben.

Auch Hansa kommt zur Verlegung

Während es dabei um die größeren Zusammenhänge geht, verspricht sich Arne Lang, Lehrer am Königin-Charlotte-Gymnasium, einen Langzeiteffekt von den drei Stolpersteinen, die neben der Schule verlegt werden: „Das ist ja direkt vor unserer Haustür.“ Er erhofft sich davon, dass die Schulgemeinschaft das Thema aufgreift: „Einzelschicksale lassen Geschichte lebendig werden. Das Interesse ist groß.“ Einige Schüler der neunten Klassen werden bei der Verlegung mitmachen. Dabei sein werden auch die Geschäftsleitung und Betriebsräte der Firma Hansa Armaturen, die mittlerweile Teil der finnischen Oras Group ist. Auch mit einer Spende will man sich beteiligen, teilt eine Unternehmenssprecherin mit. Die Unterstützung ist groß, sagt Marquart. So haben drei Möhringer Bürger die Kosten für die Verlegung übernommen, der Bezirksbeirat die Reisekosten für Nadjas Neffen. Für Wjatscheslaw Iwanowitsch Wysokopojas wird es die erste große Reise seines Lebens sein. Es wird eine ganz besondere werden.

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