„Stranger Things: The First Shadow“ in London Was taugt „Stranger Things“ als Theaterstück?

Hawkins in den 1950er Jahren: Joyce Byers, Bob Newby und Chief Hopper als Teenager: Isabella Pappas, Christopher Buckley und Oscar Lloyd (von links) Foto: ATG/Manuel Harlan

Eine Netflix-Fantasyserie als Theaterstück? Das kann doch nicht gut gehen! Oh, doch! „Stranger Things – The First Shadow“ am Londoner West End ist ein Ereignis – auch Dank der Unterstützung vom „The Crown“-Regisseur.

Freizeit & Unterhaltung : Gunther Reinhardt (gun)

Blitze zucken durch fahlblauen Nebel. Kreischen zerhackt das Rauschen eines Radios. Ein Junge führt einen verzweifelten Kampf mit sich selbst, saugt all die Nebelschwaden um ihn herum in sich ein, gibt sich dem Monster in sich geschlagen. Durch das Theater dröhnen das Geräusch von brechenden Knochen, verzweifelte Schreie und diese triste Synthesizermelodie, die jeder „Stranger Things“-Fan kennt.

 

Demogorgons im Phoenix Theatre in London

Willkommen in Hawkins! In großen Buchstaben steht das vor dem Eingang des Phoenix Theatre am Londoner West End. Nebenan werden Klassiker wie „Cabaret“ oder „Mamma Mia!“ gespielt, nebenan wird gesungen, getanzt, gelacht. Doch in dem Traditionshaus, bei dessen Eröffnung im Jahr 1930 Laurence Olivier auf der Bühne stand, lauern Monster: Demogorgons, gesichtslose Kreaturen, die eigentlich in eine Parallelwelt namens Upside Down gehören, aber durch einen Riss zwischen den Welten die Kleinstadt Hawkins, Indiana, heimsuchen. Bisher gab es die nur in der Netflix-Erfolgsserie „Stranger Things“, doch nun sorgen die Monster auch in einem Theater in London für Angst und Schrecken.

„Stranger Things“ als Bühnenstück

Die Serie spielt in den 1980er Jahren und erzählt von einer Gruppe Jugendlicher, die es zusammen mit dem aus den Hawkins Labs geflohenen Mädchen Eleven mit den Upside-Down-Monstern aufnehmen – und den Menschen, die diese erschaffen haben. Das Theaterstück „Stranger Things – The First Shadow“ von Kate Trefry reist dagegen zurück ins Jahr 1959, also in die Zeit, in der die Eltern von Will, Dustin, Lukas, Mike, Nancy und Steve selbst Jugendliche waren.

Fantasy, Mystery, Horror und Verschwörungstheorien

In dem Stück sind James (Oscar Lloyd), der in der Serie Hawkins’ Polizeichef Hopper sein wird, oder Joyce (Isabella Pappas), die Mutter von Will, dem Jungen, der zu Beginn der Serie verschwindet, selbst noch pubertierende Highschool-Teenies. Und man lernt auch den jungen Henry Creel (Louis McCartney) kennen, der sich – Achtung, Spoiler! – in der vierten „Stranger Things“-Staffel als der telepathisch begabte Mensch erweisen wird, der Dr. Brenners erstes Versuchskaninchen war und zu dem Übermonster Vecna wird. „Hör auf, deinen Schatten zu jagen, Henry, du bist der Schatten“, wird ihm Brenner (Patrick Vaill) in dem Stück nun sagen, als es längst zu spät ist.

Auf dem Weg nach Upside Down: Louis McCartney als Henry Creel Foto: ATG/Manuel Harlan

Das die „Stranger Things“-Vorgeschichte erzählende Theaterstück bereichert den aus der Serie bekannten Mix aus Fantasy, Mystery und Horror im Stil Stephen Kings noch um die eine oder andere Verschwörungstheorie. So wird etwa ein Zusammenhang hergestellt zwischen der Upside-Down-Schattenwelt und der Legende um das Philadelphia-Experiment, bei dem das Militärschiff USS Eldridge während des Zweiten Weltkriegs unsichtbar gemacht worden sein soll.

James Dean und die Popkultur der 1950er Jahre

Und während die Blaupause für die „Stranger Things“-Serie Filme wie „E. T.“, „Die Goonies“ oder „Es“ und die Popkultur der 1980er Jahre sind, tobt sich „The First Shadow“ ähnlich virtuos zwischen den Moden und Trends der 1950er Jahre und Filmen wie dem James-Dean-Streifen „Denn sie wissen nicht, was sie tun“ aus. All die jugendlichen Protagonisten in dem Stück sind auf ihre Art Rebellen, alle träumen irgendwie davon, es raus aus dieser Kleinstadt namens Hawkins zu schaffen.

Joyce (Isabella Pappas) sagt ihren Mitschülerinnen und Mitschülern, wo es lang geht. Foto: ATG/Manuel Harlan

Das Stück trifft damit nicht nur bei einem wunderbar jungen Theaterpublikum einen Nerv. Bevor der Geruch von Trockeneisnebel alles überdeckt, riecht es im Saal zwar nach Popcorn, und die Inszenierung ahmt gerne eine filmische Ästhetik nach, die den Sehgewohnheiten all jener entgegenkommt, die mit Netflix sozialisiert wurden. Doch „The First Shadow“ vernachlässigt trotz all der spektakulären Effekte, die hier aufgefahren werden, die Story und die Charakterentwicklung nicht.

Ein Ereignis nicht nur für „Stranger Things“-Fans

Louis McCartney (links als Henry Creel und Patrick Vaill als Dr. Brenner Foto: ATG/Manuel Harlan

Denjenigen, die sich bereits bestens im „Stranger Things“-Universum auskennen, werden zahllose Anspielungen geboten. Aber auch allen, die die Serie noch nicht gesehen haben, wird eine großartig erzählte Geschichte, ein unbedingt sehenswertes Bühnenstück geboten. Dafür, dass dieser gut dreistündige Theaterabend zu einem Ereignis wird, haben nicht nur die Serienerfinder Matt und Ross Duffer gesorgt, die das Stück am West End produziert haben, sondern auch der Regisseur Stephen Daldry. Den kennt man bisher als den Mann hinter einer Netflix-Serie, die so ganz anders ist als „Stranger Things“: „The Crown“.

Der Netflix-Hit „Stranger Things“ als Serie und als Bühnenstück

Serie
 Die Fantasyserie „Stranger Things“ haben sich die Brüder Matt und Ross Duffer ausgedacht. Seit 2016 sind bei Netflix vier Staffeln veröffentlicht worden. Zurzeit laufen die Dreharbeiten für die fünfte und letzte Staffel. Keine Netflix-Serie wurde von mehr Menschen gesehen als „Stranger Things“. Innerhalb eines Monats haben 64 Millionen Haushalte die dritte Staffel gesehen.

Stück
 „Stranger Things – The First Shadow“ von Kate Trefry hat am 14. Dezember 2023 im Phoenix Theatre am Londoner West End Premiere gefeiert. Die Duffer-Brüder haben das Stück produziert, Stephen Daldry („The Crown“) hat Regie geführt. Vorstellungen finden täglich außer montags statt. Bisher können Tickets für Aufführungen bis zum 25. August 2024 erworben werden, diese kosten zwischen 20 und 165 Pfund (zwischen 23 und 190 Euro).

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