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Streit in der Kosmologie Physiker im Zwielicht

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Hat der Urknall die Raumzeit in Schwingung versetzt? Physiker wollen das gemessen haben – es wäre eine nobelpreisverdächtige Entdeckung. Doch sie sind früh an die Öffentlichkeit gegangen, so dass nun auch die Debatte darüber auf offener Bühne ausgetragen wird.

Ein Schneemobil liefert flüssiges Helium an, um die Messgeräte zu kühlen. Der Trichter rechts ist das BICEP2-Teleskop, links im Hintergrund ist das South Pole Telescope. Foto: Robert Schwarz
Ein Schneemobil liefert flüssiges Helium an, um die Messgeräte zu kühlen. Der Trichter rechts ist das BICEP2-Teleskop, links im Hintergrund ist das South Pole Telescope. Foto: Robert Schwarz

Stuttgart - Nachdem die Öffentlichkeit jahrelang gefordert hat, dass die Wissenschaft aus ihrem Elfenbeinturm treten möge, sollte niemand überrascht sein, dass die Wissenschaft genau das tut. Gefordert wird vor allem, dass Forscher ihren Beitrag zu gesellschaftlichen Projekten leisten. Aber es schwingt auch mit, dass Forscher ihre – öffentlich finanzierte – Arbeit rechtfertigen. Diese neue Offenheit hat eine Folge, auf die Soziologen schon seit einiger Zeit hinweisen: die Wissenschaft büßt den Teil ihrer Autorität ein, den sie bisher aus ihrer Unnahbarkeit schöpfte. Ein Forscher zum Anfassen ist eben auch ein Mensch wie du und ich. Vielen Forschern gefällt das nicht: Sie möchten die Kontrolle über ihre Ergebnisse behalten. Sie erläutern zwar ihre Arbeit beim Tag der offenen Tür ihres Instituts, doch es soll ein Belehren bleiben und kein Diskutieren werden. Zur Kritik sind nur die ausgewiesenen Fachkollegen berechtigt. Die Kontrolle zu behalten, dürfte nach meiner Einschätzung aber schwieriger werden.

Nach dieser abstrakten Vorrede komme ich zum konkreten Beispiel: Die Kritik nimmt zu, dass die Forscher des BICEP2-Teams ihre Ergebnisse über die Gravitationswellen des Urknalls im März zu früh öffentlich präsentiert haben. Sie hätten die fachinterne Diskussion abwarten sollen. Der „Scientific American“ bietet einen Überblick der Argumente (hier in deutscher Übersetzung). Einer der zentralen Kritikpunkte, der nun auch – wie das Fachmagazin „Nature“ berichtet – durch zwei weitere Analysen nahegelegt wird: Die Variationen in der kosmischen Hintergrundstrahlung, die das Forscherteam mit einem Teleskop am Südpol gemessen hatte, könnten auch von Staubwolken in der Milchstraße verursacht worden sein. Sie wären dann nicht schon kurz nach dem Urknall entstanden, sondern erst sehr viel später. (Die physikalischen Begriffe erläutere ich in einem Glossar auf der 2. Seite.)

Ich hatte mit Kritik am Vorpreschen der Physiker gerechnet und war überrascht, dass sie nach der Präsentation der Ergebnisse zunächst ausblieb. Der erste, bei dem ich sie deutlich formuliert fand, war Georg Wolschin von der Universität Heidelberg: Er schrieb im Mai-Heft „Spektrum der Wissenschaft“ von einem „Medienhype“. Auf Anfrage präzisiert er: „Auch im eigenen Interesse hätte das BICEP2-Team gut daran getan, die begutachtete Veröffentlichung seiner Arbeit in einer Fachzeitschrift oder berechtigte Kritik abzuwarten, bevor eine groß angelegte Pressekonferenz für die Medien mit weltweiter Resonanz veranstaltet wird.“ Mit anderen Worten: wie peinlich wäre es, wenn andere Forscherteams die Ergebnisse demnächst widerlegen! Die ganze Welt würde es mitbekommen. Schon im Oktober wird ein anderes Team Messungen des Satelliten Planck vorstellen.

Die Motive der Physiker bleiben vorerst im Dunkeln

Wolschin vermutet, dass die BICEP2-Physiker zu aufgeregt waren, um geduldig zu bleiben. Es sind auch andere Gründe denkbar: dass sie sich nicht von der Konkurrenz überholen lassen wollten oder dass sie gute Argumente für einen Förderantrag sammelten. Ich bin bei allen diesen Motiven skeptisch. Denn eigentlich zählt innerhalb der Wissenschaft nur die Publikation in einem renommierten Fachjournal, und bei Konkurrenz entscheidet das Datum, an dem die Arbeit eingereicht wurde, darüber, wer der Erste war. Was auch immer die Motive – in jedem Fall hatten es die BICEP2-Forscher auf die öffentliche Wirkung abgesehen, und sie dürften mit den vielen positiven Berichten über ihre Arbeit vorerst ganz zufrieden sein. Ich finde, dass es niemanden überraschen sollte, dass Forscher zunehmend öffentlich für ihre Interessen eintreten, wenn sie zu mehr Offenheit gedrängt und mehr Konkurrenz und mehr politischer Steuerung unterworfen werden. Aber die Konsequenzen werden ebenfalls deutlich: Die Fachdebatte wird nun stärker in der Öffentlichkeit ausgetragen, als es manchem Physiker lieb ist. Natürlich passt die öffentlich ausgetragene Debatte über die Gravitationswellen nicht zum verbreiteten Bild der unantastbaren Physik, aber ich kann der Entwicklung auch Positives abgewinnen: Man könnte so zu einem realistischeren Bild der Wissenschaft gelangen.

In einem anderen Fall habe ich mich dafür ausgesprochen, dass Journalisten die Rolle des kritischen Wissenschaftlers einnehmen müssten, wenn die Forscher ihre sonst übliche Vorsicht und Zurückhaltung vergessen. (Es handelte sich um den Hype um ein vermeintliches „Missing Link“, das der norwegische Paläontologe Jørn Hurum präsentierte – parallel zur Veröffentlichung eines Buchs und einer TV-Dokumentation. Mein Artikel ist in dieser Ausgabe des „WPK Quarterly“ ab Seite 7 zu lesen.) Lässt sich das auch auf den Fall der Gravitationswellen übertragen? Journalisten können ja schlecht die BICEP2-Ergebnisse überprüfen, sondern sind auf Einschätzungen unabhängiger Fachleute angewiesen. Und viele Kommentare aus der Fachwelt waren recht positiv, manche sogar euphorisch. Ich finde schon, dass sich die Einschätzung übertragen lässt: Journalisten können durchaus erläutern, was es bedeutet, wenn Ergebnisse als vorläufig eingestuft werden. Nur das Wörtchen „vorläufig“ zu erwähnen, genügt da nicht. Das könnte der Häme vorbeugen, die droht, wenn sich die BICEP2-Forscher demnächst korrigieren müssten.

Derzeit fordert die Öffentlichkeit Unmögliches: Sie will Einblick in die Forschung, und sie misst die Forschungsarbeit hinter den Kulissen an ihren überzogenen Erwartungen. Wissenschaft ist aber nicht unfehlbar, sondern methodisch besonders zuverlässig. Die Öffentlichkeit muss lernen, dass auch gute Wissenschaftler wie die des BICEP2-Teams (ihre Kompetenz bestreitet niemand) fehlerhaften Messungen vertrauen können. Das gehört zur Wissenschaft dazu und sollte kein Grund sein, an ihrer Autorität zu zweifeln. Das zu verdeutlichen gehört zu einem realistischen Bild der Wissenschaft. Doch Journalisten teilen die Angst mit den Forschern, eine Sensation zu verpassen – und damit eine Gelegenheit, in der Öffentlichkeit zu punkten.