Stuttgart - So, wie das Bahn- und Immobilienprojekt Stuttgart 21 die Stadt zerrissen hat, bringt auch die S-21-Skulptur Gegner und Fans hervor. Der Bildhauer Peter Lenk hätte zwar im Europaviertel einen neuen Standort für seinen schwäbischen Laokoon erhalten, aber als Rebell, der Kunst als Politik versteht, wollte er partout am Stadtpalais bleiben, was die Mehrheit ablehnt.
Im Rathaus hat der 74-Jährige nun demokratiegemäß reagiert und erklärt, er werde seinen Zehntonner „Chronik einer grotesken Entgleisung“ an den Bodensee heimholen. Das ist schade, auch wenn die Satirekunst nicht zu seinen besten Arbeiten zählt. Ein Standort in Bahnhofsnähe hätte für Ministerpräsident Kretschmann, der nackt mit ICE-Zügen kämpft, durchaus gepasst und Touristen angelockt. Und es hätte den Ort einer herausragenden Bibliothek weiter aufgewertet.
Das Stadtpalais darf nicht blockiert werden
Das Stadtpalais muss auf Dauer frei bleiben für neue, jüngere Rebellen. So, wie man Freigeister nicht einschränken darf, sollte man eine lebendige Stätte, die helfen will, aus der Vergangenheit für die demokratische Zukunft zu lernen, nicht blockieren. Lenk weiß dies als politischer Kopf. Dass er oft erwähnt, wie man dort Steaks mariniert, obwohl es bei „Stuttgart am Meer“ nicht um Schickimickis geht, ist leicht erklärt: Der Mann beherrscht die Kunst der Provokation wie kaum ein anderer. Dafür gebührt ihm Applaus! Kunst muss nicht schön sein, Kunst darf sich einmischen. Aus der Stadt getrieben hat Stuttgart den Bildhauer nicht. Vielleicht gibt’s eine Rückkehr in eine seit Rommel besonders liberale und humorvolle Stadt.