Boris Palmer und Volker Kefer sind die Protagonisten im letzten Schlichtungsakt - so lange bis Heiner Geißler die Hauptrolle spielt.

Stuttgart - Die Geschichte von damals sagt viel über die Zeit von heute. Es war ein unscheinbarer Sommertag im Parlament am Schlossgarten. Ein junger Abgeordneter der Grünen, gewandet in ein grellbuntes Tour-de-France-Trikot, stieg vor dem Landtag von seinem Rad und marschierte geradewegs aufs Parkett, vorbei an entsetzten Anzugträgern des hohen Hauses. Umgehend rüffelte der Landtagspräsident den Verstoß gegen die Kleiderordnung. Der Störenfried wurde des Saals verwiesen. "Den kann man doch nicht ernst nehmen", tönte es von der christdemokratischen Regierungsbank.

Acht Jahre später trägt der Störenfried unter dem feinen Dreiteiler ein schäfchenwolkenweißes Hemd. Er stört noch immer, wenn auch sonst vieles anders ist. Seine Partei regiert jetzt das Land, und auf den Feuerkopf, der einst im Radlerhemd das Establishment aufschreckte, schaut keiner mehr herunter. Der Mann ist jetzt Oberbürgermeister, Hoffnungsträger und wortgewaltiger Kritiker von Stuttgart 21. "Den muss man ernst nehmen", heißt es.

Es ist Freitagvormittag im Stuttgarter Rathaus. Draußen pfeift der Widerstand, drinnen schlichtet Heiner Geißler. Es geht um den Stresstest für den neuen Bahnhof, so steht es jedenfalls auf der Tagesordnung. Den ganzen Vormittag dreht man sich am Runden Tisch im Kreis. Das Aktionsbündnis startet grundsätzlich. Es geht um frühere Werbesprüche, um Frischluftschneisen, vereinbarte Absprachen, um den alten Kopfbahnhof und darum, wie viele Züge er bewältigen kann.

Boris Palmer stellt die seinen in den Schatten

Geißler lässt es laufen. Auf den Zuschauerbänken gähnt ein Kameramann. Boris Palmer tippt Botschaften in sein Handy. Kurz vor zwölf streift er sich sein Jackett über. Eigentlich ist er erst am Nachmittag dran. Zeit für den ersten Nadelstich. Wenn der Tübinger sich zu Wort meldet, richtet sich auf der anderen Seite Volker Kefer auf. Der Technikvorstand der Bahn und ranghöchste Abgesandte des Konzerns wirkt wie ein Turner bei der Bodenkür: ziemlich angespannt. Palmer doziert über Hürden, die von der Bahn herabgesetzt wurden, damit sie beim Stresstest den großen Sprung schafft. Nebenbei lässt er fallen, dass die Schweizer Gutachter, deren Testat auf den Tischen liegt, sich gerade um einen Auftrag der Bahn bemühten. Auf dem Marktplatz klatschen die Zaungäste vor der Leinwand.

Boris Palmer stellt die seinen in den Schatten, auch den Verkehrsminister Winfried Hermann. Der lässt Pressemitteilungen seines Ministeriums unter den Journalisten verteilen, während der Koalitionspartner in Gestalt des Staatssekretärs Ingo Rust von der SPD gute Miene zum seltsamen Spiel macht. "Nach Ansicht des grünen Teils der Koalition ...", heißt es in Hermanns Papier. Palmer ficht das nicht an. Sein Gegner ist der Mann auf der anderen Seite, der stets nett lächelt, aber weniger nett ist, wenn es um die Sache geht.

Volker Kefer ist am Morgen von Berlin eingeschwebt. Am Vortag war Bilanzpressekonferenz der Bahn. Die Zahlen sind gut. In Stuttgart sind viele Zahlen umstritten. Kefer ist urlaubsreif. Er will am Wochenende in den Urlaub. In der ersten Woche steht Wandern in Österreich auf dem Programm. Bevor es so weit ist, wandert der Bahn-Manager durch die Fiktion eines umstrittenen Großprojekts, das zum Prüfstein für seine Karriere wird.

Zwei Männer, ein Thema

55 Jahre alt ist der Ingenieur, 23 davon hat er sich bei Siemens in der Konzernsparte Verkehrstechnik bis zum obersten Lokverkäufer nach oben gearbeitet. 2006 ist Kefer gewissermaßen auf die andere Seite gewechselt: Er wurde Vorstandsvorsitzender der DB Netz AG und kümmerte sich um den fahrbaren Untergrund für die Lokomotiven, also um das rund 34.000 Kilometer lange Streckennetz. Inzwischen ist er Technikvorstand im Konzern und seitdem fast jede Woche einmal in Stuttgart.

Palmer und Kefer: zwei Männer, ein Thema. Zehn Monate zieht sich das Für und Wider von Gegnern und Befürwortern jetzt hin. Es geht um einen Bahnhof und um seine Leistungsfähigkeit, es geht um Kosten und um Politik, die sich selbst in der neuen Regierung nicht auf einen Nenner bringen lässt. Die Grünen sind dagegen, die Roten sind dafür. Langsam ist die Republik von alledem sehr genervt. "Stuttgarter Kasperltheater" kommentierte der "Spiegel" in der vorigen Woche. Der ist weit weg. Kefer und Palmer sind nah dran. Hier stehen sie und können nicht anders. Es geht nicht nur um die Deutungshoheit . Es geht um eine Glaubensfrage.

Es schlägt die Stunde des Andersdenkenden

Boris Palmer ist am Vorabend noch in Köln gewesen und am Morgen im ICE pünktlich zur Schlichtung angerauscht. Charlotte Roche hatte ihn zu einer Talkshow eingeladen. Die Kandidatenscouts der Sender listen den smarten Schwaben als gemäßigten "Rebellen". Für Palmer ist das kein Schimpfwort. Allzu weit ist er als Apfel nicht vom Stamm gefallen. Sein Vater, der schwäbische Revoluzzer und ewige Wahlkämpfer Helmut Palmer, hat nicht nur mehr als 300-mal im Lande kandidiert und allzu siegesgewissen Parteisoldaten erdrutschartige Verluste beigebracht, sondern einst auch bei der Landtagswahl 1992 in Nürtingen ausgerechnet dem Abgeordneten Winfried Kretschmann so viele Stimmen abgejagt, dass dieser für eine Wahlperiode außerplanmäßig wieder in den Schuldienst musste. Lange her. Zwanzig Jahre später ist der Remstalrebell droben im Himmel, der Kretschmann als "Minischterpräsident" nicht allzu weit drunter und der Palmer Boris als Rathauschef in Tübingen zumindest auf einem guten Weg.

Schlichtung. Nach der Mittagspause erklärt Werner Stohler, Chef der Schweizer Verkehrsgutachter, warum Stuttgart 21 den Stresstest bestanden hat. "Wirtschaftlich optimal", nennt er die neue Station. Boris Palmer wirft einen letzten Blick in ein dickes Papier. Es schlägt die Stunde des Andersdenkenden. Von einem bestandenen Test könne keine Rede sein. "Mangelhaft!", lautet sein Urteil. Der neue Bahnhof werde vor Stress schon bald Migräne bekommen.

Er begleitet ihn schon lange, diesen Bahnhof. Vor acht Jahren, als der bunte Palmer aus dem Landtag flog, war Kefer bei Siemens, und Heiner Geißler präsentierte gerade seinen Bestseller "Was würde Jesus heute sagen?" Damals gab es die Bibel schon länger und die Pläne für Stuttgart 21 schon lange. Der Bundesverkehrsminister hieß Manfred Stolpe. Er befasste sich mit dem Projekt ebenso wie seine Amtsvorgänger Kurt Bodewig, Reinhard Klimmt, Franz Müntefering und Matthias Wissmann. Nach Stolpe kamen Wolfgang Tiefensee und Peter Ramsauer. Stuttgart 21 blieb.

Der Zeitplan gerät vollkommen außer Kontrolle

Und wie! Es geht rund im Rathaus. "Verspätungen können nicht abgebaut werden", sagt Palmer. "Der Bahnhof baut Verspätungen ab", kontert Kefer. "Bei der S-Bahn droht ein Verspätungskollaps", sagt Palmer. "Das ist Wolkenkuckucksheim", sagt Kefer. "Hätten Sie nicht so viele Fehler eingebaut, müssten Sie sich das jetzt nicht anhören", sagt Palmer. "Sie stellen haufenweise falsche Behauptungen auf", sagt Kefer. Zwischendurch meldet sich Brigitte Dahlbender vom Bund für Umwelt und Naturschutz zu Wort. "Ich möchte jetzt unterbrechen", ruft sie. "Nur ich kann unterbrechen", sagt Heiner Geißler. Palmer lässt sich davon nicht aus dem Konzept bringen. Immer tiefer bohrt er sich in die Simulationen der Bahn, in denen mehr als 10.000 Ingenieurstunden stecken. Palmer glaubt es besser zu wissen. Sein Mund ist vom vielen Reden ganz trocken, man hört das über die sensiblen Mikrofone. Kaum jemand kann ihm in die Tiefe seines Vortrags noch folgen. Der Zeitplan gerät vollkommen außer Kontrolle.

Draußen schüttet es. Die protestierenden Bürger klappen ihre Schirme auf. Drinnen versucht Heiner Geißler eine Mission zu retten. Stuttgart bleibt aufgeheizt. Der Regen trägt nicht zur Kühlung bei. Nach zehn Stunden am Runden Tisch endet die Schlichtung im Rathaus. Die einen gehen in die Richtung, die andere in jene. Einen Mittelweg gibt es nicht. Boris Palmer wird am Abend mit dem Zug nach Freiburg zu seiner Schwiegermutter fahren und sich dort mit Frau und Tochter treffen. Volker Kefer denkt an den Urlaub. Nach der Wanderwoche in Österreich wird er sich ein paar Tage auf sein Motorrad schwingen und über deutsche Straßen knattern. Er weiß noch nicht, wohin die Reise führt.

Das gilt an diesem Abend einmal mehr auch für das Projekt Stuttgart 21.