Stresstest zu Stuttgart 21 Am Ende bleibt es eine Glaubensfrage

Von StZ 

Boris Palmer und Volker Kefer sind die Protagonisten im letzten Schlichtungsakt - so lange bis Heiner Geißler die Hauptrolle spielt.

Mit einem Banner demonstrieren S-21-Gegner gegen den Vermittler im Streit um das Bahnprojekt Stuttgart 21. Foto: dpa 7 Bilder
Mit einem Banner demonstrieren S-21-Gegner gegen den Vermittler im Streit um das Bahnprojekt Stuttgart 21. Foto: dpa

Stuttgart - Die Geschichte von damals sagt viel über die Zeit von heute. Es war ein unscheinbarer Sommertag im Parlament am Schlossgarten. Ein junger Abgeordneter der Grünen, gewandet in ein grellbuntes Tour-de-France-Trikot, stieg vor dem Landtag von seinem Rad und marschierte geradewegs aufs Parkett, vorbei an entsetzten Anzugträgern des hohen Hauses. Umgehend rüffelte der Landtagspräsident den Verstoß gegen die Kleiderordnung. Der Störenfried wurde des Saals verwiesen. "Den kann man doch nicht ernst nehmen", tönte es von der christdemokratischen Regierungsbank.

Acht Jahre später trägt der Störenfried unter dem feinen Dreiteiler ein schäfchenwolkenweißes Hemd. Er stört noch immer, wenn auch sonst vieles anders ist. Seine Partei regiert jetzt das Land, und auf den Feuerkopf, der einst im Radlerhemd das Establishment aufschreckte, schaut keiner mehr herunter. Der Mann ist jetzt Oberbürgermeister, Hoffnungsträger und wortgewaltiger Kritiker von Stuttgart 21. "Den muss man ernst nehmen", heißt es.

Es ist Freitagvormittag im Stuttgarter Rathaus. Draußen pfeift der Widerstand, drinnen schlichtet Heiner Geißler. Es geht um den Stresstest für den neuen Bahnhof, so steht es jedenfalls auf der Tagesordnung. Den ganzen Vormittag dreht man sich am Runden Tisch im Kreis. Das Aktionsbündnis startet grundsätzlich. Es geht um frühere Werbesprüche, um Frischluftschneisen, vereinbarte Absprachen, um den alten Kopfbahnhof und darum, wie viele Züge er bewältigen kann.

Boris Palmer stellt die seinen in den Schatten

Geißler lässt es laufen. Auf den Zuschauerbänken gähnt ein Kameramann. Boris Palmer tippt Botschaften in sein Handy. Kurz vor zwölf streift er sich sein Jackett über. Eigentlich ist er erst am Nachmittag dran. Zeit für den ersten Nadelstich. Wenn der Tübinger sich zu Wort meldet, richtet sich auf der anderen Seite Volker Kefer auf. Der Technikvorstand der Bahn und ranghöchste Abgesandte des Konzerns wirkt wie ein Turner bei der Bodenkür: ziemlich angespannt. Palmer doziert über Hürden, die von der Bahn herabgesetzt wurden, damit sie beim Stresstest den großen Sprung schafft. Nebenbei lässt er fallen, dass die Schweizer Gutachter, deren Testat auf den Tischen liegt, sich gerade um einen Auftrag der Bahn bemühten. Auf dem Marktplatz klatschen die Zaungäste vor der Leinwand.

Boris Palmer stellt die seinen in den Schatten, auch den Verkehrsminister Winfried Hermann. Der lässt Pressemitteilungen seines Ministeriums unter den Journalisten verteilen, während der Koalitionspartner in Gestalt des Staatssekretärs Ingo Rust von der SPD gute Miene zum seltsamen Spiel macht. "Nach Ansicht des grünen Teils der Koalition ...", heißt es in Hermanns Papier. Palmer ficht das nicht an. Sein Gegner ist der Mann auf der anderen Seite, der stets nett lächelt, aber weniger nett ist, wenn es um die Sache geht.

Volker Kefer ist am Morgen von Berlin eingeschwebt. Am Vortag war Bilanzpressekonferenz der Bahn. Die Zahlen sind gut. In Stuttgart sind viele Zahlen umstritten. Kefer ist urlaubsreif. Er will am Wochenende in den Urlaub. In der ersten Woche steht Wandern in Österreich auf dem Programm. Bevor es so weit ist, wandert der Bahn-Manager durch die Fiktion eines umstrittenen Großprojekts, das zum Prüfstein für seine Karriere wird.