Studie der Uni Hohenheim Sind Obstwiesen bis 2050 ganz verschwunden?

Streuobstwiesen, wie hier unter der Burg Teck bei Owen, gehören zur schwäbischen Landschaft – und Seele – dazu. Foto: Wilhelm Mierendorf
Streuobstwiesen, wie hier unter der Burg Teck bei Owen, gehören zur schwäbischen Landschaft – und Seele – dazu. Foto: Wilhelm Mierendorf

Eine neue Studie zeichnet ein düsteres Bild von der Zukunft dieser Landschaftsform, die so typisch für den Südwesten ist. Aber es gibt auch Hoffnung: Viele Initiativen verzeichnen wieder regen Zulauf – in Mössingen etwa sind die meisten Wiesen verpachtet

Politik/ Baden-Württemberg: Thomas Faltin (fal)

Stuttgart/Mössingen - Bitterer könnte die Botschaft kaum sein: Wenn sich der Verlust an Streuobstwiesen so fortsetze wie bisher, sagt Klaus Schmieder vom Institut für Landschafts- und Pflanzenökologie der Universität Hohenheim, „dann ist im Jahr 2050 mit kaum noch nennenswerten Streuobstbeständen in Baden-Württemberg zu rechnen.“ Sprich, in 30 Jahren wäre dieses schwäbische Kulturgut, ökologische Paradies und landschaftsprägende Element des Südwestens für immer verschwunden. Klaus Schmieder weiß, wovon er redet. Denn er hat im Auftrag der Landesanstalt für Umwelt in einem extra entwickelten halbautomatisierten Verfahren der Fernerkundung die Obstbäume im Land gezählt, jetzt liegt seine Studie vor. Er kam auf 7,1 Millionen Hochstämme.

Das Ernüchternde daran: 1965 waren es noch 18 Millionen Bäume, und seither scheinen jedes Jahrzehnt, fast streng linear, zwei Millionen Bäume verloren gegangen zu sein. Haben also alle Fördergelder, Vermarkterinitiativen und Streuobstbörsen nichts gebracht? Nein, sagt Schmieder und relativiert seine Zahlen. Zum einen sei die letzte Zählung 2008 ungenauer gewesen und zum anderen lägen auch in der aktuellen Unschärfen – es sei also gut möglich, dass der Rückgang zuletzt nicht ganz so dramatisch war. Auch Markus Rösler, Streuobstexperte des Nabu und grüner Landtagsabgeordneter, sagt, er habe subjektiv den Eindruck, dass sich der Verlust verlangsamt habe: „Ich sehe dank vieler neuer Initiativen nicht ganz so schwarz“, meint Rösler.

Früher waren Baugebiete die Hauptgefahr für die Wiesen

Jedenfalls haben sich die Gründe für den Rückgang in den letzten Jahrzehnten gewandelt. Nach dem Krieg gab es sogar Umbruchprämien, weil man die Obstwiesen los werden wollte. In den 1960er bis 1980er Jahre fraßen sich die Baugebiete in den Obstgürtel um die Orte. Das sei weniger geworden, meint Rösler, auch wenn der Flächenverbrauch weiter relevant sei. Der Hauptgrund heute ist laut Klaus Schmieder dagegen der schleichende Tod vieler Bäume: Niemand schneidet sie, viele Bäume werden von Misteln befallen, zuletzt kam die Trockenheit dazu. Daneben habe die Energiewende durchaus eine Schattenseite: Trotz Umbruchverbots würden Wiesen in Äcker verwandelt, um Mais für Biogasanlagen anzubauen.

Was also müsste getan werden, um den Untergang der Streuobstwiesen aufzuhalten? In der Diskussion steht häufig eine bessere Förderung der privaten Stücklesbesitzer. Landwirte können heute schon eine „Erschwerniszulage“ für das Mähen beantragen, auch wenn diese laut Markus Rösler immer noch viel zu gering sei. Privatleute dagegen können über fünf Jahre nur zweimal 15 Euro pro Baum für den Baumschnitt erhalten. Allerdings müssen mindestens 100 Bäume auf einmal beantragt werden, sodass sich meist mehrere Stücklesbesitzer zusammen tun müssten. Das Programm ist zudem stark überbucht, es kommen beileibe nicht alle zum Zuge. Jürgen Wippel, der Sprecher des Landwirtschaftsministerium, betont aber, dass sich diese Maßnahme bewährt habe; auch Markus Rösler sieht darin einen guten Anreiz. Klaus Schmieder, hält die Gesamtfördersumme dagegen für viel zu gering: „Auf diese Weise bräuchte es 100 Jahre, bis jeder Baum geschnitten wäre.“ Und der Aufwand für den Antrag sei für viele Privatleute zu hoch; er selbst betreue annähernd 100 Bäume, habe aber die Prämie noch nie beantragt: „Und gerade die Besitzer, die nichts machen auf ihren Wiesen, erreicht man mit diesem Programm nicht.“

Neues Gesetz soll die Wiesen besser schützen

Daneben haben es die Streuobstwiesen vor kurzem in das Biodiversitätsgesetz geschafft und sollen einen besseren Schutz erfahren. Wiesen, die größer sind als 1500 Quadratmeter, dürfen nur noch aus „gewichtigen Gründen“ in Siedlungs- oder Ackerfläche verwandelt werden und selbst dann nur, wenn anderswo neue Bäume gepflanzt werden. Einzelne Bäume aber dürfen weiter gerodet werden. Es sei deshalb noch ungeklärt und in der Praxis zu erproben, ob dieses Gesetz etwas bringe, sagt Rösler, obwohl er als grüner Landtagsabgeordneter dieses Gesetz mit beschlossen hat. Was einen gewichtigen Grund darstellt, ist auch überhaupt nicht definiert.

Aber trotzdem, wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch. Es gibt mittlerweile unzählige Initiativen im Land, die sich mit für die Streuobstwiesen einsetzen. Hans G. Wener aus Mössingen etwa besitzt mehrere Wiesen, ist Gründer des Netzwerkes Streuobst Mössingen und leitet auch den örtlichen Obst- und Gartenbauverein. Der 74-Jährige, der früher als Ingenieur an der Uni Tübingen gearbeitet hat, betont: „Bei uns läuft es richtig gut.“ Daran habe die Stadt mit Oberbürgermeister Michael Bulander großen Anteil. Seit einigen Jahren bringt die Stadt die kommunalen Wiesen unterhalb des Farrenbergs selbst auf Vordermann und verpachtet sie für beinahe lächerliche acht Euro pro Jahr an Privatpersonen – auf der Homepage mystueckle.de kann man sich jede Wiese und jeden Baum im Detail anschauen, bevor man sich entscheidet. Im Moment sind 64 von 453 Obstwiesen verfügbar.

Junge Bäume gibt es in Mössingen für weniger als 20 Euro

Darum herum gibt es weitere Angebote. So vermietet das Netzwerk einen Anhänger samt Balkenmäher und Hochentaster tageweise – niemand muss sich die teuren Geräte selbst anschaffen. Die Stadt sorgt dafür, dass das Schnittgut, das die Besitzer an den Weg gelegt haben, abgeholt wird. Und der Obst- und Gartenbauverein verkauft mit Förderung des Landkreises junge Obstbäume für weniger als 20 Euro, samt Pfosten und Verbissschutz: „Das ist für jeden Schwaben brutal attraktiv“, sagt Wener. So ist er überzeugt, dass die Obstwiesen rund um Mössingen eine Zukunft haben: „Man muss den Besitzern die Arbeit erleichtern, dann läuft’s.“

Klaus Schmieder findet den Einsatz der Initiativen wunderbar, fügt aber hinzu: „Um die Bestände zu retten, bräuchte man 100 000 Leute in Baden-Württemberg, die wissen, wie man Obstwiesen pflegt – aber von dieser Zahl sind wir noch weit entfernt.“ Insofern bleiben die Streuobstwiesen im Südwesten weiter massiv bedroht.

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