Studie für Stuttgart Klimaneutralität kostet 11 Milliarden Euro
Bisher zeigte sich die Landeshauptstadt beim Klimaschutzziel mit 2050 wenig ambitioniert. Laut einer Studie könnte es viel schneller gehen.
Bisher zeigte sich die Landeshauptstadt beim Klimaschutzziel mit 2050 wenig ambitioniert. Laut einer Studie könnte es viel schneller gehen.
Die Landeshauptstadt könnte nicht wie bisher geplant bis 2050, sondern bis 2035 nahezu klimaneutral sein und auf ihrem Gebiet dann keine Treibhausgase mehr emittieren. Das ist grundsätzlich möglich, stellt das vom Gemeinderat Ende Januar beauftragte Beratungsunternehmen McKinsey in einer umfänglichen Studie „Net-Zero“ fest. Deren Bilanz haben am Donnerstag in der Vollversammlung Jan Kohlmeyer, Leiter der Stabsstelle Klimaschutz, und Ruth Bosse von McKinsey referiert. Der Gemeinderat soll die Entscheidung über den Kurswechsel im Juli treffen. Zuvor soll im Klimaausschuss debattiert werden. OB Frank Nopper (CDU) gab die Richtung am Donnerstag vor: „Es geht um enorme Investitionen, aber die zahlen sich für den Wirtschaftsstandort aus.“
Der verschärfte Klimakurs hat seinen Preis. McKinsey spricht von 10,7 Milliarden Euro, die bis 2035 im Stadtgebiet zusätzlich investiert werden müssen, damit der Kohlendioxidausstoß 2035 nicht 3,6 Megatonnen (Mt), sondern noch 0,2 Mt erreicht, die dann durch Zertifikate kompensiert werden sollen.
Größter Brocken ist die Gebäudesanierung, die Sanierungsrate müsste von 1,5 auf vier Prozent pro Jahr steigen, das bedeutet 6,7 Milliarden Euro an Investitionen. Das Geld müssten überwiegend die Bürger (5,9 Milliarden) aufbringen. Fördermaßnahmen wurden dabei in der Summe nicht abgezogen.
Kohlmeyer setzte die Summen ins Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt in Stuttgart, der Aufwand bis 2035 entspräche 1,5 Prozent davon. Der Standort sei leistungsfähig, die Wende könne sozial gerecht gestaltet werden. Bis Mitte der 2040er Jahre soll der Aufwand insgesamt durch Einsparungen ausgeglichen werden können. Beim Umbau des Verkehrs und der Stromerzeugung ist das so, beim Thema Heizung fließen von den 6,7 Milliarden aber bis 2045 erst 3,3 zurück, die Amortisation dauert hier deutlich länger. Kritisch merkt McKinsey die bisherige Aufstellung der Stadtverwaltung beim Thema Klimaschutz an. Wenn die Aufgabe angegangen werde, müsse eine „geeignete Querschnittsorganisation für das zentrale Management der Umsetzung“ aufgebaut werden. Um dem Thema Gewicht zu geben, pocht das Linksbündnis im Rat nach wie vor auf die Bestellung eines Klimabürgermeisters. Bis jetzt ist es bei Baubürgermeister Peter Pätzold (Grüne) verortet.
Neben der Gebäudesanierung sehr wichtig ist der Ausbau der klimafreundlichen Stromerzeugung, für die 2,6 Milliarden Euro Investitionen angesetzt werden. Die Gutachter sehen ein gigantisches Potenzial für Photovoltaik (PV) auf Gebäuden. Statt heute marginalen 19 könnten am Ende 1496 Gigawattstunden Strom selbst erzeugt werden, weitere 350 Gigawatt auf Freiflächen. Der PV-Ausbau sei „Kernelement“ der lokalen Erzeugung, dazu würden sich eigene Erzeugungskapazitäten (Windräder) außerhalb des Stadtgebiets gesellen. Ganz neu ist die PV- Erkenntnis nicht, Umweltgruppen dringen seit Jahren auf einen forcierten Ausbau.
Beim Thema Wärme setzten die Gutachter in den großen, von der EnBW betriebenen Heizkraftwerken, auf den Wechsel von Kohle und Gas zu klimaneutral erzeugtem Wasserstoff. Diese Festlegung halten manche Akteure für fragwürdig. Es ist strittig, ob die benötigten Mengen für Heizzwecke zur Verfügung stehen. Luftverkehr, chemische und Stahlindustrie seien prioritär, um den Wirtschaftsstandort zu erhalten. Ebenfalls kritisch betrachtet werden könnte der Vorschlag, Kohlendioxid aus der Müllverbrennung unter der Nordsee zu speichern.
Im Feld Verkehr setzt McKinsey zu 70 Prozent auf die Klimawirkung des Batterie- und Brennstoffzellenantriebs, die sich bis 2035 in allen Fahrzeuggattungen zu hundert Prozent durchgesetzt haben sollen. Nur 25 Prozent sollen Verlagerung und nur fünf Prozent Verkehrsvermeidung zur Kohlendioxid-Einsparung beitragen. Diese Prioritätenreihung werden nicht alle Fraktionen als die richtige ansehen.