Studie zu „Bild“ und der Wulff-Affäre Wie „Bild“ den Wulff machte

Von Markus Reiter 

Eine Fallstudie zeigt, wie das Boulevardblatt Inszenierung als Journalismus ausgibt. Die Methode könnte bald zur Normalität werden.

Narren lesen am 18. Februar 2012 die „Bild“-Zeitung. Foto: dpa
Narren lesen am 18. Februar 2012 die „Bild“-Zeitung. Foto: dpa

Stuttgart - Wer die knapp mehr als achtzig Seiten des Arbeitsheftes Nummer 71 der Otto-Brenner-Stiftung durchliest, fragt sich unweigerlich: wie zum Teufel konnte ein Teil der Jury des wichtigsten deutschen Journalistenpreises, des Henri-Nannen-Preises, auf die irrsinnige Idee kommen, die „Bild“-Zeitung für ihre aufdeckende Recherche zur Affäre Wulff auszeichnen zu wollen? Die Preisverleihung hatte in der vergangenen Woche zu einem Eklat geführt (die StZ berichtete). Dieses Arbeitsheft Nummer 71 trägt den Titel „‚Bild‘ und Wulff – Ziemlich beste Partner. Fallstudie über eine einseitig aufgelöste Geschäftsbeziehung“.

Der erste Teil der Beziehung zwischen Springers Boulevardblatt und dem Ehepaar Christian und Bettina Wulff manifestiert sich in Schlagzeilen wie den folgenden, die für die Jahre 2010 und 2011 typisch sind. Zum einen stellt „Bild“ den Glanz und Glamour des Präsidentenpaares in den Vordergrund: „Die Wulffs glänzen in Italien“, „Die Wulffs verzaubern den Kreml“, „Alle loben Wulff – sogar die Muslime“, „Christian Wulff begeistert in Gotha“. Zum anderen hebt die Zeitung hervor, wie der oberste Repräsentant des Staat trotz allseitiger Bewunderung ganz natürlich geblieben sei: „So herrlich normal ist der Bundespräsident als Ehemann“, „Hier steht Wulff bei Karstadt an“ oder „So normal macht Papa Präsident Urlaub“.

Kurzum: „Bild“ bastelte sich mit Wulff einen Lieblingsbundespräsidenten, nachdem das Blatt ihn schon seit dessen Zeit als     niedersächsischer Ministerpräsident wohlwollend begleitet hatte. Bis zum 12. Dezember 2011 findet sich in der Springer-Zeitung kaum ein böses Wort über Christian Wulff. Nur so wird erklärlich, wieso sich der damalige Bundespräsident mit einem Wutausbruch auf dem Anrufbeantworter des „Bild“-Chefredakteurs Kai Diekman so heftig über einen von ihm empfundenen Vertrauensbruch empörte, als die Glamourphase plötzlich vorbei war.

Der Machtinstinkt des Boulevardblatts hat gesiegt

Für ihre Studie haben die Autoren Hans-Jürgen Arlt und Wolfgang Storz 1528 Meldungen aus dem Online-Archiv von „bild.de“ ausgewertet. Die Studienautoren sind zugegebenermaßen keine Freunde der „Bild“-Zeitung. Arlt war dreizehn Jahre Pressesprecher des Deutschen Gewerkschaftsbundes, Storz führte die linksgerichtete „Frankfurter Rundschau“ sechs Jahre lang als Chefredakteur. Die Otto-Brenner-Stiftung ist eine gemeinnützige Wissenschaftsstiftung der IG Metall, ebenfalls keine Organisation, die dem Springer Verlag nahesteht.

Die Darlegungen der beiden Autoren lesen sich allerdings überzeugend. Ihrer Ansicht nach stand die „Bild“-Zeitung im Dezember letzten Jahres vor einer Entscheidung, die ihr Grundverständnis tangiert habe. Das Boulevardblatt wolle nämlich nicht nur journalistischer Begleiter und Beobachter der Macht sein. Es wolle mitspielen. Die Chefredaktion habe gewusst: „Spiegel“ und „Stern“ sind an der Geschichte über einen Privatkredit, den Wulff von der Ehefrau eines Osnabrücker Unternehmers erhalten habe, dran. Also sei es darum gegangen, entweder selbst als investigativer Ermittler zu glänzen oder sich den bislang glänzend inszenierten Glamourpräsidenten von der Konkurrenz zerpflücken zu lassen. Selbstverständlich habe in dieser Frage der Machtinstinkt gesiegt.

Das wird am Montag, dem 12. Dezember 2011, deutlich. Auf „bild.de“ fand sich an diesem Tag noch eine Wulff-Hymne unter dem Titel „Die Geheimnisse der Frauen aus 1001 Nacht. Wulffs in Abu Dhabi“ über einen Nahoststaatsbesuch des Präsidentenpaares. Um 22.02 Uhr schaltete „bild.de“ auf Enthüllung: „Hat Wulff das Parlament getäuscht? Wirbel um Privatkredit über 500 000 Euro“. Wohlgemerkt: zu diesem Zeitpunkt gab es noch gar keinen Wirbel – den hat die Veröffentlichung ja erst geschaffen.

Wenn Inszenierung als Journalismus ausgegeben wird

Arlt und Storz schreiben in der Studie: „Die Komplexität des Prozesses und die Raffinesse, mit der ‚Bild‘ den Wechsel gemanagt hat, sind atemberaubend. Während dieser drei Tage war ‚Bild‘ auf der Vorderbühne zunächst Jubler und parallel auf der Hinterbühne Jäger. Auf der Hinterbühne ist sie Jäger geblieben, auf der Vorderbühne hat sie sich an ein und demselben Tag in einem Akt erstens vom Jubler in einen Journalisten verwandelt, der mit – gespielter – Distanz über Wirbel um Wulff berichtet und der zweitens die Rolle des Akteurs übernimmt, der den Wechsel auslöst.“

Die Studie versteht die „Bild“-Zeitung nicht als journalistisches Organ, sondern als „Inszenierung“. Doch ist dem Boulevardblatt wohl nur perfekter und erfolgreicher gelungen, was sich auch bei anderen Medien durchsetzt, nämlich die Inszenierung des Skandals, der Öffentlichkeit schafft vor allem für das Medium selbst, das ihn an den Tag bringt.

Der Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen hat das in seinem Buch „Der entfesselte Skandal“ analysiert – für die Stuttgarter Zeitung hatten Pörksen und seine Co-Autorin Hanne Detel hierzu ei­nen  Gastbeitrag verfasst. Die neuen, digi­talen Möglichkeiten treiben nach Pörksen den Journalismus vor sich her und ver­führen ihn zur Inszenierung. Die Metho­de  „Bild“ könnte recht bald zum Normal­fall werden.