Wer an Covid-19 erkrankt, ist anfälliger für eine Vielzahl neurologischer Erkrankungen. Allerdings gilt dasselbe für eine bekannte Viruserkrankung, die es schon vor der Corona-Pandemie gab.

Leben: Markus Brauer (mb)

Forscher bringen immer mehr Licht ins Dunkel, was die Langzeitfolgen einer Corona-Erkrankung angeht. Eine neue Studie aus Dänemark zeigt: Menschen, die positiv auf Covid-19 getestet wurden, erkranken mit höherer Wahrscheinlichkeit an Alzheimer oder Parkinson. Aber auch ischämische Schlaganfälle (Hirninfarkte) und Blutungen im Gehirn sind bei Corona-Erkrankten häufiger als bei Nicht-Infizierten zu beobachten.

Für ihre Studie untersuchten Wissenschaftler von der neurologischen Abteilung des Rigshospitalet in der dänischen Hauptstadt Kopenhagen die Daten von mehr als der Hälfte der dänischen Bevölkerung in einem Zeitraum zwischen Februar 2020 und November 2021.

Die Ergebnisse der Untersuchung sind auf dem vom 25. bis 28. Juni in Wien stattfindenden 8. Kongress der Europäischen Akademie für Neurologie (EAN) vorgestellt worden.

Vergleich von Corona- und Grippe-Patienten

Zur Studie: Die Experten schauten sich die Daten von rund 920 000 Personen, die auf Covid-19 getestet wurden, genauer an. 43 375 von ihnen hatten bereits eine Corona-Infektion mit stationärer und ambulanter Behandlung hinter sich. 876 356 waren im Untersuchungszeitraum nicht mit dem Virus infiziert worden.

Zum Vergleich analysierten die Wissenschaftler die Daten von Grippe-Patienten, die im entsprechenden Zeitraum vor der Corona-Pandemie an Influenza erkrankt waren. Auch Grippe führt zu einer erhöhten Wahrscheinlichkeit von neurologischen Erkrankungen.

Deutlich erhöhtes Risiko für Nervenerkrankungen

Laut Studie haben die Corona-positiv-getesteten Personen ein 3,5-fach erhöhtes Risiko an Alzheimer zu erkranken, ein 2,6-fach erhöhtes Risiko für die Parkinson-Krankheit, ein 2,7-fach erhöhtes Risiko für einen ischämischen Schlaganfall und ein 4,8-fach erhöhtes Risiko für eine intrazerebrale Blutung.

Allerdings macht der Vergleich mit den Influenza-Erkrankten auch deutlich: Das Risiko für die meisten neurologischen Erkrankungen ist bei Covid-19-positiven Patienten nicht signifikant höher als bei Personen, bei denen eine Grippe oder eine andere Atemwegserkrankung diagnostiziert worden war.

Mit einer Ausnahme: Covid-19-Patienten hatten ein 1,7-fach erhöhtes Risiko für einen ischämischen Schlaganfall im Vergleich zu Influenza und einer bakteriellen Lungenentzündung bei Patienten über 80 Jahren.

Neue Studienlage

„Mehr als zwei Jahre nach dem Ausbruch der Covid-19-Pandemie sind die genaue Art und die Entwicklung der Auswirkungen von Covid-19 auf neurologische Erkrankungen noch immer nicht geklärt“, sagt der Hauptautor der Studie, der Neurologe Pardis Zarifkar vom Rigshospitalet.

Frühere Untersuchungen hätten zwar einen Zusammenhang mit neurologischen Erkrankungen festgestellt, so Zarifkar weiter. Aber bisher sei unklar gewesen, ob Covid-19 auch die Häufigkeit neurologischer Erkrankungen erhöht und ob sich die Erkrankung von viralen Atemwegsinfektionen unterscheidet.

Nun steht fest: Covid-19-Patienten erkranken nicht häufiger an neurologischen Erkrankungen als Patienten mit Grippe oder anderen Atemwegserkrankungen.

Autoimmun- und neurodegenerative Erkrankungen

Ein weiteres Fazit der Studie: Die Häufigkeit anderer neurodegenerativer Erkrankungen wie Multiple Sklerose (eine chronisch-entzündliche neurologische Erkrankung) oder Autoimmunerkrankungen wie Myasthenia gravis und Guillain-Barré-Syndrom oder Narkolepsie (Schlafkrankheit) hat nach einer Covid-19- und Influenza-Erkrankung sowie nach einer Lungenentzündung nicht zugenommen.

„Diese Ergebnisse werden dazu beitragen, unser Verständnis der langfristigen Auswirkungen von Covid-19 auf den Körper und der Rolle, die Infektionen bei neurodegenerativen Erkrankungen und Schlaganfällen spielen, zu erweitern“, resümiert Pardis Zarifkar.

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