Stuttgart 21 Die Bandagen werden wieder härter

Von StZ 

Die Stuttgart-21-Gegner werfen der Bahn im Stresstest eine "Leistungslüge" vor. Die Bahn freut sich über eine gute Umfrage.  

„Die Bahn hat mit Tricks gearbeitet, sagt Boris Palmer über den Stresstest. Foto: dpa 2 Bilder
„Die Bahn hat mit Tricks gearbeitet", sagt Boris Palmer über den Stresstest. Foto: dpa

Stuttgart - Wann kommt das schon vor? Rathaus wegen Überfüllung geschlossen. Am Donnerstagabend standen noch etwa 60 Stuttgart-21-Gegner vor dem Gittertor des Hintereingangs und hofften auf Einlass, vergeblich. Zu dieser Zeit befanden sich schon 720 Projektgegner in dem Gebäude, verteilt auf drei Säle, weil der Große Sitzungssaal zum Bersten voll war und selbst stehende Zuhörer nicht mehr aufnehmen konnte.

Schon als Boris Palmer, der grüne Oberbürgemeister aus Tübingen, den Saal betrat, wurde er mit stehendem Applaus und Bravorufen empfangen. Das zugkräftige Thema das Abends: "Stuttgart21 hat Migräne - Die Wahrheit über den Stresstest". Dass Palmer die kurzfristige Einladung der Gruppe ArchitektInnen gegen Stuttgart21 angenommen hat, hatte aus seiner Sicht zwei Gründe. Bei der Präsentation des Stresstests sei er von der Gegenseite gehindert worden, seine Kritik ausführlich darzulegen - eine Auffassung, die man im Saal teilte. Und der Bahn sei es mit ihrer Medienstrategie gelungen, "dass in vielen Köpfen jetzt ,bestanden' verankert ist". Palmer sieht das anders: Der Tiefbahnhof sei beim Stresstest "durchgefallen". Der Test müsse wiederholt werden.

Aufeinanderfolgende Zügein unzulässig kurzen Abständen eingeplant

"Die Bahn hat die Wirklichkeit ausgeblendet", warf er dem Konzern vor. So habe man statt der Spitzenstunde, in der der Tiefbahnhof nach den Vorgaben 49 Züge hätte bewältigen müssen, vier Stunden als Betrachtungszeitraum gewählt. Die Bahn habe im Fahrplan lange Fernzüge durch die doppelte Anzahl kürzerer Regionalzüge ersetzt, die eine in der Republik einmalig hohe Zahl von Doppelbelegungen der Gleise erst möglich gemacht habe. Aufeinanderfolgende Züge seien in unzulässig kurzen Abständen eingeplant worden, Störungen von Signalen, Weichen, Oberleitungen oder durch Baustellen, wie sie täglich vorkämen, seien ausgeblendet worden, kritisierte Palmer: "Zu solchen Tricks greift man, um die Leistungsfähigkeit des Tiefbahnhofs nach oben zu treiben."

Wenn man das "Kleingedruckte" in dem 200-seitigen Papier der Schweizer Bahnberater SMA genau lese, sagte Palmer, stoße man auf 60 Verstöße gegen Regeln und Richtlinien. Rechne man dazu die Bedenken und Fragen, die die Berater an vielen Stellen äußerten, erreiche der Tiefbahnhof im Stresstest nur die Note mangelhaft. Für das S-Bahn-System befürchtet der Verkehrsexperte der Grünen wegen zu kurzer Haltezeiten "irreparable Schäden", der geplante Tiefbahnhof werde schon bei seiner Inbetriebnahme überlastet sein und durch eine Verspätungsquote von 70 Prozent ein "Verspätungschaos" erzeugen. Der Bahn warf der Tübinger OB unter Applaus vor: "Nach der Kostenlüge setzen sie jetzt auch noch eine Leistungslüge in die Welt."