Stuttgart 21 im Theater Wem gehört die Stadt?

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Am Samstag zeigt Volker Lösch sein neues Theaterstück. In "Metropolis/Die Monkey-Wrench-Gang" setzt er sich mit Stuttgart 21 auseinander.

Vor der Schlacht ist nach der Schlacht: der Regisseur Volker Lösch (Mitte) im Kreis der Maschinenstürmer Foto: Heiss
Vor der Schlacht ist nach der Schlacht: der Regisseur Volker Lösch (Mitte) im Kreis der Maschinenstürmer Foto: Heiss

Stuttgart - Allzuoft sollte man sich diesem Höllenlärm nicht aussetzen. In der fertigen Inszenierung wird er eine Minute dauern, kaum länger, aber diese eine Minute donnernder Maschinenstürmerei muss doch wieder und wieder geprobt werden. Das ist anstrengend, für die Schauspieler auf der Bühne, aber auch für die Spielleiter, die in den Zuschauerreihen die Proben verfolgen. Bevor das dröhnende Vernichtungswerk also aufs Neue beginnt, greifen die routinierten Theaterbeobachter zu Ohrstöpseln. Alle machen das, nur einer nicht: Volker Lösch. Er kann sich das nicht leisten. Er ist der Chef im Ring und greift, während der Saal vor Krakeel vibriert, zum drahtlosen Mikrofon. "Macht eure Körper größer", ruft der Regisseur den Spielern zu, "macht sie so groß wie möglich, legt mehr Kraft in eure Aktionen."

Und tatsächlich: die Körper werden größer, die Zerstörungskräfte auch. Als wäre Lösch ein Zauberer, der allein mit Worten enorme Energien freisetzen kann, schwingen die Maschinenstürmer jetzt noch entfesselter, noch breitschultriger und breitbeiniger die Vorschlaghämmer. Sie dreschen auf Kotflügel ein, reißen armdicke Elektrokabel aus der Erde und zertrümmern Benzinkanister, sie wüten wie die Berserker und sind dem Regisseur doch nicht wütend genug. "Stellt euch die Stimmung ab Oktober vor", ruft er ins Kampfgeschehen, "stellt euch vor, die S-21-Scheiße geht weiter" - und nach dieser Fäkalanfeuerung wachsen die Körperkräfte erneut an, sichtbar und hörbar, hier in der Türlenstraße, in der Spielstätte des Stuttgarter Staatstheaters, wo Löschs neue Inszenierung am Samstag auch Premiere haben wird.

Lösch rekrutierte Schauspieler bei der Montagsdemo

Mit "Metropolis / Die Monkey-Wrench-Gang" macht er sein Dutzend voll. Unter der Intendanz von Hasko Weber hat Lösch bereits elf Produktionen herausgebracht, die sich laut und grell zu aktuellen Themen äußerten. Das wird auch seine zwölfte tun, und zwar auf eine Weise, die mittlerweile zum bundesweit kopierten Markenzeichen des 48-jährigen Stuttgarter Hausregisseurs geworden ist: Er arbeitet nicht nur mit Profischauspielern zusammen, sondern auch mit Laiendarstellern, die er zu sogenannten Bürgerchören formt. Und weil in "Metropolis" ein Konflikt verhandelt wird, den er in der deftigen Probenkürzelsprache eben als "S-21-Scheiße" bezeichnet, hat er die Laien für seine neueste Arbeit dort gesucht, wo man seine Ansichten teilt: auf einer Montagsdemo im nasskalten Februar, als wieder mal mehrere Tausend Menschen vor dem Bahnhof standen, um gegen Stuttgart 21 zu protestieren.

Unter denen, die da froren, war auch Nana Just. Das war kein Zufall, im Gegenteil: "Montagsdemo ist Pflicht, eiserne Pflicht", sagt die 53-jährige Frau. Sie komme bei Wind und Wetter, um gegen den Teilabriss des Bahnhofs zu demonstrieren. "Nur wenn ich im Urlaub bin, schwänze ich", sagt die Dame, die schon von Berufs wegen einen Sinn für historisch Gewachsenes hat. Im Stuttgarter Haus der Geschichte bewahrt sie alte Dokumente vor dem Verfall - und als Lösch im Februar die Bühne betritt, um vor der versammelten Menge zum Casting für sein Stück aufzurufen, muss die ausgebildete Papier-Restauratorin auch nicht lange überlegen. Theater mag sie sowieso. Und wenn dieses Theater politisch wird, mag sie es noch mehr, weshalb sich Nana Just, aufgewachsen in Münster, vor drei Jahrzehnten zum Studium nach Stuttgart gekommen, für eine Rolle in "Metropolis" bewirbt.




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