Stuttgart-Album zum größten Stadtbordell Dirnen, Doppelmoral und drei Farben

Von Uwe Bogen 


Das Dreifarbenhaus, einst von der Stadt als „Musterbordell“ gefördert, ist fast unbemerkt 60 Jahre alt geworden. Das Stuttgart-Album verrät, was hinter der blau-weiß-roten Fassade passiert und welches Spiel einst Mitarbeiter von Hertie gegenüber gespielt haben.

Die Fassade ist seit Jahrzehnten unverändert: Das Dreifarbenhaus, einst als „Musterbordell“ mit kommunaler Hilfe eröffnet,   feiert  den 60. Geburtstag.  Gerhard Goller, der frühere Leiter des städtischen Ordnungsamtes, hat vor 40 Jahren einzigartige Bilder von Peep-Shows in Stuttgart  gemacht. Foto: Steinert 11 Bilder
Die Fassade ist seit Jahrzehnten unverändert: Das Dreifarbenhaus, einst als „Musterbordell“ mit kommunaler Hilfe eröffnet, feiert den 60. Geburtstag. Gerhard Goller, der frühere Leiter des städtischen Ordnungsamtes, hat vor 40 Jahren einzigartige Bilder von Peep-Shows in Stuttgart gemacht. Foto: Steinert

Stuttgart - Wenn Männer unvermittelt in die kleine Straße Am Bebenhäuser Hof einbiegen, nur wenige Schritte vom Rathaus entfernt, kann es sein, dass ihre Köpfe zwischen den Schultern versinken. Und schon sind sie hinter einer Tür verschwunden.

Draußen am Dreifarbenhaus weist kein Schild auf die Tätigkeiten drinnen hin – dennoch ist das anonym wirkende Gebäude fast so bekannt wie der Fernsehturm. Vom Alter her sind beide Institutionen nicht weit auseinander. Stuttgarts Wahrzeichen wurde 1956 eröffnet, Stuttgarts größtes Bordell 1957. Auch wenn in den wundersamen Aufbruchsjahren nach dem Krieg beide Einrichtungen fast zur selben Zeit fertiggestellt waren, bemerkte der Schriftsteller Thaddäus Troll einmal, habe man die Geburtstage nicht gleichermaßen bürgernah gefeiert: „Nur als der Fernsehturm 20 Jahre alt wurde, durfte zur Feier des Tages jeder mal umsonst rauf.“

Momentan arbeiten 67 Prostituierte in diesem Haus

Jetzt ist das Dreifarbenhaus – fast unbemerkt – 60 Jahre alt geworden. „Wir feiern den Geburtstag nicht“, sagt die Geschäftsführerin, die skeptisch auf den Anruf unserer Redaktion reagiert. Wenn man schon was schreiben wolle, sagt sie, sollten die Öffnungszeiten erwähnt werden. Montags bis samstags von 10 bis 4 Uhr sowie sonntags von 11 bis 24 Uhr erwarten 67 Prostituierte ihre Freier. Allein schon an den Betriebszeiten zeigt sich der Wandel in diesem Gewerbe.

Das als „Musterbordell“ mit kommunaler Hilfe eröffnete Laufhaus hatte in den Anfangsjahren nur bis 23 Uhr auf – und blieb sonntags mit Rücksicht auf die Kirchgänger geschlossen. Ist heute in den Mittagspausen am meisten los? Die Geschäftsführerin verneint. „Völlig unregelmäßig“ seien die Flure gefüllt oder gähnend leer. Mit dem Umsatz ist sie zufrieden und erwähnt, dass die Preise seit zehn Jahren stabil geblieben seien.

Stadt wollte die „Trümmerhuren“ vertreiben

Nichts außer dem Straßennamen (Am Bebenhäuser Hof) erinnert mehr daran, dass sich das „Dirnenwohnheim“, wie man es früher nannte, auf sakralem Grund befindet. Der Pflegehof des Bebenhäuser Klosters stand hier. Als sich nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges das angeblich älteste Gewerbe in Ruinen ausgebreitet hat, wollte die Stadt die „Trümmerhuren“ vertreiben und gab grünes Licht für den zuhälterlosen Lustvollzug. Bei der Eröffnung des „Hotels Garni“, wie das aus Einzelzimmern bestehende Gebäude zunächst hieß, war die Besitzerin Elena Bihler 57 Jahre alt. Über hundert ist sie geworden. 46 Geschäftsleute hatten vergeblich gegen die Pläne von Frau Bihler geklagt, die jedoch OB Arnulf Klett auf ihrer Seite hatte. Er wollte, dass die Prostituierten von der Straße wegkamen. Ein Ehepaar mit gastronomischer Erfahrung übernahm die Verwaltung des Hauses, das in den Frankreich-Farben gestrichen wurde, weil man den Nachbarn in Sachen Sinnenfreuden mehr zutraute. Nach dem Tod des Geschäftsführers übernahm seine Frau dessen Job gleich mit. Bis ins hohe Alter kochte sie für ihre „Mädels“ und suchte die anschaffenden Mieterinnen aus.

Es roch nach Neutralseife

Die Prostituierten hatten ihre eigene Kantine. Es roch nach Neutralseife, wie im Internetforum unseres Geschichtsprojekts Stuttgart-Album nachzulesen ist, in den hellgelb gefliesten Fluren. Einen Kontakthof gibt es nicht - die Kunden müssen durch lange Flure laufen und selbst nachschauen, welche Frauen hinter den 67 numerierten Zimmertüren sitzen und ihnen gefallen.

Die Doppelmoral und die damals übliche Diskriminierung ärgerten die einstige Chefin sehr. Das Arbeitsamt, erzählte sie einmal, habe ihr keine Putzhilfen vermittelt, weil dieses Haus keiner Frau zuzumuten sei. Und im Winter habe sich eine Firma geweigert, Streusalz an diese Adresse zu liefern.

Vorbei an der Puffmutter geschmuggelt

Auf der Facebook-Seite unseres Stuttgart-Albums erinnert sich Lars Baumann an seine Arbeit bei Hertie: „Wir konnten vom Schulungsraum aus auf den Eingang sehen. War spannend, da wir gewettet haben, wer rein geht. Der Einsatz betrug 50 Pfennig.“

Heiko Volz schreibt: „Meine Großmutter aus dem Schwarzwald wollte in den 1960ern unbedingt mal das Dreifarbenhaus von innen sehen. Damals hatten sie und mein Großvater nur ein Motorrad. In ihrem schwarzem Motorradlederanzug schummelte sie sich an der Puffmutter vorbei.“ Gisela Salzer-Bothe hat nicht vergessen, wie sich die aus fernen Ländern angereisten Geschäftspartner ihres im Export tätigen Mannes nicht so sehr für die Sehenswürdigkeiten in Stuttgart interessierten, sondern sich erst mal nach dem Weg zum Bebenhäuser Hof erkundigten: „Das Haus war weltberühmt.“ Bylle Binder hat die Worte ihres Vaters im Ohr, der immer gefeixt habe, ein unterirdischer Tunnel verbinde das Rat- mit dem Dreifarbenhaus: Dieser versteckte Gang werde „die höhere Beamtenlaufbahn“ genannt.

Zu unserer Serie sind zwei Bücher im Silberburg-Verlag mit Texten von Uwe Bogen erschienen.

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