Stuttgart-Album zum Autokino Als es nicht nur um die Filme ging

Von Uwe Bogen 

Ein vergessenes Vergnügen feiert sein Comeback: In Zeiten der verbotenen Nähe boomt das Autokino und startet am Donnerstag auf dem Wasen. Wir blicken zurück auf das „Knutschkino“ von einst und auf die Anfänge in Kornwestheim

Mit Bier und Hund bei der Premiere des Autokinos Kornwestheim im Sommer 1969. Foto: Uli Kraufmann 7 Bilder
Mit Bier und Hund bei der Premiere des Autokinos Kornwestheim im Sommer 1969. Foto: Uli Kraufmann

Stuttgart - Früher soll es Menschen gegeben haben, die sind gar nicht wegen der Filme in ein Autokino gefahren. Aber das ist schon eine Weile her. Einst herrschten andere Sitten in unserem Land. Pärchen konnten sich nicht zu Hause treffen und nutzten die Intimität des „Knutschkinos“, wie man es nannte. Im Wagen war man unterm Sternenhimmel für sich zu zweit. Ach, wie schön! Und welcher Film lief gleich noch mal?

Warum die eigentlich schon abgeschriebenen Lichtspiele für ein Publikum auf Rädern zurückgekehrt sind, hat andere Gründe. In Kornwestheim rollen neuerdings an einem Samstag etwa 1000 Autos zwecks Filmegucken - vor der Corona-Pandemie waren es allenfalls 100. Erstmals wird nun der Cannstatter Wasen zum Open-Air-Schauplatz, um die Durststrecke im Kulturangebot nach dem Lockdown zu beenden. Konzerte und Kinos können safe erlebt werden, weil die parkenden Besucherinnen und Besucher in Blechkäfigen weggesperrt sind. An diesem Donnerstag geht’s beim Kulturwasen um 18.15 Uhr mit dem Film „Die Känguru-Chroniken“ los.

Seit 1997 wird der Filmton per Ultrakurzwelle übertragen

Zum Comeback des Drive-in-Filmvergnügens blickt unser Geschichtsprojekt Stuttgart-Album in die Sixties zurück, als in unsere Region zum Autokino kam. Premiere war im Sommer 1969 in Kornwestheim mit „Bullit“. So hieß der Film, in dem Steve McQueen in einem dunkelgrünen Ford Mustang durch die Straßen von San Francisco raste. Während sich also der Hollywood-Star Verfolgungsjagden lieferte, saß man mit Hund und Bier im Auto und schaute durch die Windschutzscheibe. Damals waren 2500 Zuschauerinnen und Zuschauer dabei.

Damals wurden noch Lautsprecher ins Fahrzeug gehängt. Seit dem Jahr 1997 wird der Filmton per Ultrakurzwelle übertragen und kann übers Autoradio eingeschaltet werden. Das Drive-in-Kino war – wen überrascht es? – eine amerikanische Erfindung. Die Kombination von zwei gesellschaftlich wichtigen Faktoren - von Hollywood und Cars - geht auf die 1930er Jahre zurück. Am 6. Juni 1933 hat das weltweit erste Autokino in New Jersey eröffnet. Gezeigt wurde „Wife Aware“. Als Projektionsfläche diente eine weiße Steinmauer. Die Beschallung erfolgte über drei große Lautsprecher, sodass der Ton noch mehrere Kilometer entfernt zu hören war.

„Man war jung, und der Film war Nebensache“

Der American Dream auf Rädern kam fast drei Jahrzehnte später nach Deutschland. 1960 eröffnete das erste deutsche Autokino im hessischen Gravenbruch. 1969 war Kornwestheim dran. „Fanfaren schmetterten, tausend Hupen tönten fröhlich, Sekt perlte in den Gläsern, ein Galafeuerwerk erleuchtete die Nacht“, schrieb unsere Zeitung damals. Die Stadt war voller US-amerikanischer Soldaten. Für viele stationierte GIs dürfte sich das Autokino wie ein Stück Heimat angefühlt haben.

Im Facebook-Forum des Stuttgart-Album werden eifrig Erinnerungen an Autokino-Besuche ausgetauscht. „Man war jung. und der Film war Nebensache“ schreibt Bernd Herrmann. So ähnlich sieht es Sandra Kilinger: „Habe dort viele tolle Abend erlebt, der Film lief eher nebenbei.“ Gerhard Knauer schreibt: „Wir waren zu viert im Heckflossen-Daimler. Ich als Fahrer habe bezahlt, drei Kumpels waren im Kofferraum.“ Gusti Schäfer zieht eine Lehre aus dem Comeback der Autokinos: „Nicht alles gleich entsorgen. Wer weiß, ob man es nicht doch noch irgendwann gebrauchen kann. Auf gut Schwäbisch heißt das: Nix verkomma lassa!“ Karin Bassiel verrät: „Wir haben dort Champagner aus Papp Becher getrunken.“ Und Evi Bausch erinnert sich: „Das scheppernde Heizöfchen im Winter, war herrlich!“

„Wir versuchten, das Loch mit einem Kaugummi zu dichten“

Ein weiterer User, der sich Jimi Knopf nennt, kann folgende Anekdote beisteuern: „Ein Kumpel bemerkte einen besseren Platz. Er startete das Auto und fuhr über einen ,Hubbel’ zum neuem Standplatz. ‚Buff’ machte, und es roch penetrant nach Benzin. Wir sind ausgestiegen und entdeckten ein Loch im Tank, aus dem tropfte. Vergeblich wurde versucht, das Loch mit einem Kaugummi zu dichten. Auf der B10 in Richtung Heimat Stuttgart-Rot hatten wir Angst, wegen Benzinmangels liegen zu bleiben.

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