Stuttgart-Album zur Weindorf-Geschichte Als die City zur Besenwirtschaft wurde

Beim ersten Weindorf  1976 in Stuttgart  gab es noch keine Holzlauben. Foto: Uli/Kraufmann 13 Bilder
Beim ersten Weindorf 1976 in Stuttgart gab es noch keine Holzlauben. Foto: Uli/Kraufmann

Ganz ohne Weindorf geht’s in Stuttgart nicht. Die Ur-Laube vom Baujahr 1978 steht stellvertretend für alle Wirte auf dem Schillerplatz und wird abwechselnd bewirtet. Unser Stuttgart-Album erinnert an die Anfänge eines Erfolgs.

Lokales: Uwe Bogen (ubo)
WhatsApp E-Mail LinkedIn Flipboard Pocket Drucken

Stuttgart - Wer hat’s erfunden? Ein Erfolg, man weiß es ja, hat viele Väter. Beim Stuttgarter Weindorf ist dies nicht anders. Mal heißt es, Erich Brodbeck, der damalige Pressesprecher des ADAC und spätere Präsident der Prominentenkicker, sei 1976 der Erfinder gewesen. Mal hört man, Amtsrat Bernhard Forschner vom Ernährungsministerium des Landes habe die Idee dafür bereits 1970 gehabt. Und dann wird immer wieder der Name des früheren Verkehrsdirektors Peer-Uli Faerber genannt.

Wer also war’s? Manfred Strauß, der seit über 40 Jahren mit seiner Messebaufirma für den Aufbau der Lauben verantwortlich ist, antwortet auf diese oft gestellte Frage gewöhnlich so: „Ich war’s jedenfalls nicht.“ Alle waren’s also, nur er nicht.

„Stuttgarts City wird zur Besenwirtschaft“, hieß es damals

1976 fing’s mit dem Vorläufer des heutigen Laubendorfs an. „Damals ist der Wein von Lastwagen runterverkauft worden“, erinnert sich Manfred Strauß, „man hat allerlei Sitzplätzen gebaut.“ Unser Archivbild zeigt einen kleinen Vierertisch unter einer Art Markise mit Fransen – eine Flasche Wein steht mitten auf dem Tisch. Der damalige ADAC-Mann Erich Brodbeck hatte Bänke in der City aufbauen lassen und den Cannstatter Wengerter Dieter Zaiß zum Schultes des Weindorfs ernannt. „Stuttgarts City wird zur Besenwirtschaft“, stand damals in unserer Zeitung. Besucherinnen und Besucher beklagten laut Archiv zu viel „Remmidemmi“. Auf dem Schillerplatz gab’s gar einen „Jungfrauen-Stammtisch“. Was sich dahinter verbarg, klärt die Chronik nicht.

Lauben nach dem Vorbild schwäbischer Wengerterhäuschen

Bereits nach einem Jahr war schon wieder Schluss. Der ADAC erkannte, dass Weintrinken und Autofahren nicht ganz so vorbildlich harmonieren. 1978 trat Verkehrsdirektor Peer-Uli Faerber auf den Plan. Um die Innenstadt zu beleben, erteilte er dem Stuttgarter Architekturbüro Werner Schick den Auftrag, Holzlauben nach dem Vorbild schwäbischer Wengerterhäuschen zu entwerfen. Fünf mal fünf Meter groß waren sie. Im Cannstatter Kursaal wurden die Pläne den heimischen Winzern vorgestellt. „Als diese erfuhren, dass jede Laube 6000 D-Mark kosten sollten, haben alle schwer geschluckt“, erinnert sich Manfred Strauß.

25 Jahre alt war Strauß, als er sich 1978 auf eine Stellenanzeige von Faerber bewarb. Der Verkehrsdirektor suchte einen „technischen Leiter für ein Stadtfest“. In den ersten Jahren sind die Weinlauben noch komplett zerlegt und von 150 Beschäftigten in die Markthalle gebracht worden, wo sie überwinterten. Heute lagern die Module in einer Halle in Bad Teinach. Vormontiert werden sie auf Lastwagen angeliefert, was im zweiten Sommer der Pandemie ausfallen muss – mit nur einer Ausnahme. Diese Ausnahme ist eine Ur-Laube aus dem Jahr 1978, die an der Ecke Dorotheenstraße/Schillerplatz bis zum 5. September jeweils donnerstags bis samstags von 11 bis 22 Uhr geöffnet ist.

Der beste Wein ist der, den man mit Freunden trinkt

Abwechselnd übernehmen verschiedene Winzer oder Gastronomen die Bewirtung. In dieser Woche (bis zum 7. August) ist Christian List mit seinem Team vom Roten Hirsch dran. In der Woche darauf (12. bis 14. August) folgen die Jungwinzer vom Weindorf und die Grüne 9 (Biowinzer).

Baurechtlich handelt es sich bei einer Laube um einen fliegenden Bau. Im Baubuch ist vermerkt, wann die Laube das letzte Mal überprüft worden ist. Nach der baden-württembergischen Bauordnung ist alle drei Jahre der Fall. Bereits in den 1970ern hat man dem Laubentreiben das Prädikat „Deutschlands schönes Weindorf“ verliehen Später hat man noch eine Schippe drauf gelegt und von „Deutschlands schönstem Weindorf“ gesprochen. Damals ist folgende Weisheit in die Nation hinaus verbreitet worden: „Es gibt weder halbvolle noch halbleere Gläser - Hauptsache der Wein hat den vollen Geschmack.“

Eine weitere Weisheit lautet: „Der beste Wein ist immer der, den man mit Freunden trinkt.“ Diese schöne Erkenntnis gilt selbst in Coronazeiten, auch wenn die Geselligkeit in gut gefüllten Lauben erneut verschoben werden muss.

Infos

Newsletter
Diskutieren Sie mit unter: www.facebook.com/Album.Stuttgart. . Wer mehr zur Stadtgeschichte erfahren will, kann den Newsletter „StZ Damals“ kostenlos abonnieren unter: https://www.stuttgarter-zeitung.de/newsletter. Zu unserem Geschichtsprojekt sind drei Bücher erschienen, zuletzt „Das Beste aus dem Stuttgart-Album“.




Unsere Empfehlung für Sie