Stuttgart: Großrazzia gegen Schwarzarbeit Keine Flip-Flops auf der S-21-Baustelle

Von George Stavrakis 

Zollfahnder haben unangekündigt die S-21-Großbaustelle am Stuttgarter Bahnhof unter die Lupe genommen. Verständigt haben sie sich teils mit Händen und Füßen. Kurz herrschte Aufregung.

Entspannte Atmosphäre bei der Kontrolle auf der S-21-Baustelle Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Entspannte Atmosphäre bei der Kontrolle auf der S-21-Baustelle Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Stuttgart - Der Anblick ist durchaus beeindruckend. 65 Beamtinnen und Beamten des Hauptzollamts Stuttgart, mit Arbeitsschutzhelmen und Warnwesten ausgestattet, marschieren um 8.15 Uhr unangekündigt auf die Großbaustelle des Stuttgart-21-Bahnhofs. Eine verdachtsunabhängige Aktion gegen Schwarzarbeit, illegale Ausländerbeschäftigung und gegen Mindestlohnverstöße steht an.

Auf dem weitläufigen Gelände angekommen teilt sich die uniformierte Gruppe. Ein Trupp nimmt mehrere polnische Arbeiter unter die Lupe, die an Betonverschalungen unter den Kelchstützen arbeiten. Eine andere Einheit rückt türkischen Eisenflechtern auf die Pelle.

So gut wie alles wird abgefragt. Name, Firma, Wohnort, Arbeitszeiten, wie heißt der Chef, wie hoch ist der Stundenlohn und gibt’s den bar oder aufs Konto? Die Papiere werden überprüft, alles geht ruhig vonstatten. Geredet wird mit Händen und Füßen, ein polnischer Arbeiter mit rudimentären Deutschkenntnissen hilft seinen Kollegen. Stanislaw sagt, er arbeite schon 24 Jahre für die gleiche polnische Baufirma, sein Stundenlohn betrage 15,20 Euro. Das ist der Mindestlohn, der auf dem Bau gezahlt werden muss. „Alles okay soweit“, sagt die junge Beamtin – vorerst.

Warnschuss für die Bahn AG

Die Angaben werden im Nachklapp nochmals überprüft und abgeglichen. „Wenn man 50 Arbeiter auf einer Baustelle hat und jeder arbeitet eine Stunde länger als er angibt, dann kommt schon ganz schön was zusammen“, sagt Thomas Seemann, Sprecher des Hauptzollamts Stuttgart.

Seit die S-21-Arbeiter einen Baustellenausweis mit Foto, Einsatzort und QR-Code mitführen müssten, habe sich die Lage auf der Bahnhofsbaustelle entspannt, sagt der Einsatzleiter Elmar Leonbacher.

Das war nicht immer so. „Am Anfang, als der Nordflügel abgerissen wurde, haben wir auch kontrolliert“, sagt Seemann. Von 20 Arbeitern seien damals zwölf nicht angemeldet gewesen. „Das war ein Warnschuss“, so Seemann. Seither habe die Bahn ein wachsameres Auge auf die Firmen.

Zwei der türkischen Armierungsarbeiter tragen Jeans statt Arbeitshosen. „Da könnte ein Verdacht auf illegale Beschäftigung aufkommen“, sagt Seemann. Einsatzleiter Elmar Leonbacher nickt. Sind die Männer kurzfristig ohne Papiere auf die Baustelle geholt worden? „Wir hatten auf einer Baustelle schon einmal Arbeiter in Flip-Flops, da konnte etwas nicht stimmen“, sagt Thomas Seemann. Hier ist aber alles in Ordnung. Es wird gelacht, irgendwie sind alle freundlich, mancher durchleuchtete Arbeiter bedankt sich gar und schüttelt den Zollfahndern die Hand.

Es scheint sich positiv auszuwirken, dass mehrere Beamtinnen im Einsatz sind. „Die Kolleginnen sind unsere Eisbrecherinnen, wenn es mal unangenehm wird“, sagt Thomas Seemann – charmante Eisbrecherinnen mit Handschließen, Pfefferspray und einer Neun-Millimeter-Pistole am Gürtel.

12,5 Millionen Euro Schaden

Nüchterne Zahlen belegen, wie wichtig der Einsatz des Zolls ist. Im vergangenen Jahr hat das Hauptzollamt Stuttgart im Rahmen der Finanzkontrolle Schwarzarbeit (FKS) knapp 5295 Personen und 1170 Arbeitgeber überprüft. Daraus resultierten 2615 Strafverfahren. Die Summe der Geldstrafen beläuft sich auf 452 000 Euro. An Geldbußen flossen sogar 4,8 Millionen Euro in den Staatssäckel. „Die von uns ermittelte Schadenssumme durch Schwarzarbeit lag 2018 bei 12,5 Millionen Euro“, sagt Thomas Seemann. Bundesweit sind es knapp zwei Milliarden Euro.

Plötzlich kommt kurz Hektik auf. Ein Arbeiter soll das Weite gesucht haben. Das Ganze entpuppt sich aber als Missverständnis. Nach gut zwei Stunden ist der Einsatz auf der S-21-Baustelle vorbei. Am Nachmittag geht es für die Zollfahnder weiter auf Baustellen in Untertürkheim, in Bad Cannstatt, Denkendorf und Gerlingen. Am Ende wurden auf den verschiedenen Baustellen 217 Personen überprüft. Lediglich ein Bußgeldverfahren wurde eingeleitet. In einigen Fällen sind weitere Prüfungen notwendig. „Hier liegen Anzeichen auf Mindestlohnverstöße und illegale Arbeitnehmerüberlassung vor“, teilt das Hauptzollamt mit.

Zum Abschied sagt Einsatzleiter Leonbacher dem türkischen Firmenchef, dessen Vorarbeiter wolle in Rente gehen. „Rente erst, wenn Stuttgart 21 fertig ist“, sagt der Chef. Der Vorarbeiter schüttelt den Kopf: „So lang? Oje, oje.“

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