Marienstraße 50, Auferstehungskirche, Südmilch-Gebäude und P10-Parkhaus sind Abrisse, über die Stuttgart diskutierte. Foto: Archiv/Thomas Hörner / Bulgrin / Wittmann / Kraufmann / Collage: Jana Gäng
1993, 1996 und 2013 – nie wurden in Stuttgart seit abrufbaren Aufzeichnungen mehr Gebäude abgerissen als in diesen Jahren. Was war damals los und über welche Abrisse stritt die Stadt? Wir blicken zurück auf die drei Abrissjahre Stuttgarts.
Wird aber schon gestritten in Jahren, in denen im Verhältnis wenig abgerissen wird – wie war es dann erst in Stuttgarts zerstörerischsten Abrissjahren? Gemessen an der reinen Menge von Gebäuden, die fielen, waren das seit Beginn der abrufbaren Abrissdaten in den 80ern die drei Jahre 2013, 1993 und 1996. Wir haben einen Blick in unser Zeitungsarchiv geworfen, was damals los war und über welche Abrisse die Stadt stritt.
2013
Insgesamt 236 Gebäude fielen im Jahr 2013 – ein letztes Abrisshoch. Die meisten Häuser wurden im drittreichsten Abrissjahr seit Beginn unserer Analyse in den Stadtbezirken Möhringen (38 Abrisse), Vaihingen (31 Abrisse) und Stuttgart-Nord (21 Abrisse) abgerissen. Wie hoch diese Zahlen sind, zeigt der Blick auf die übrigen Jahre: Zwischen 1982 und 2022 fielen in Möhringen im Schnitt ansonsten nur 13 Gebäude pro Jahr, in Vaihingen waren es 18 und in Stuttgart-Nord acht Gebäude.
Die in Zahlen größten Abrissvorhaben waren aber nicht unbedingt jene, über die Stuttgart am vehementesten diskutierte. So dürfte 2013 über kaum einen Abriss so häufig berichtet worden sein wie den der Rathausgarage im Stadtzentrum.
Erhitzte 2013 die Stuttgarter Politik-Gemüter: Die Rathausgarage. Foto: Lichtgut//Leif Piechowski/Archiv
Soll sie durch ein Gebäude mit weniger Stellplätzen in einer Tiefgarage ersetzt werden? Die FDP war dagegen, Grüne und SPD dafür, die CDU unentschlossen und der Streit groß. Bis kurz vor Heiligabend wurde die Entscheidung vertagt. Dann stimmte die Mehrheit der Stadträte im Verwaltungsausschuss für den Abriss – der dann erst knapp drei Jahre später erfolgte. An die Eichstraße kam ein Verwaltungsneubau.
1993
In den 90ern liegen die zwei abrissreichsten Jahre seit Beginn unserer Analyse. 253 Gebäude wurden im Jahr 1993 abgerissen. 41 Stück davon standen in Bad Cannstatt. In den übrigen Jahren zwischen 1982 und 2022 waren es dort im Schnitt nur etwa halb so viele Abrisse. Eines der wichtigsten Vorhaben aus dieser Zeit im Bezirk war der Umbau der McGee-Kaserne zu einem Stadtteilzentrum für den Hallschlag. Abreißen wollte die Stadt dafür nur einige Gebäude, um Wohnungen zu bauen – Kritik gab es trotzdem. Die Wohnungen könnten auch auf Freiflächen gestellt werden, hieß es in einem der Archiv-Artikel etwa vom zuständigen Bezirksbeirat.
An zweiter Stelle der Abrissbezirke rangiert im Jahr 1993 mit 23 Abrissen Sillenbuch. Hier fielen im Schnitt ansonsten nur sechs Gebäude pro Jahr. Viel abgerissen wurde auch in Feuerbach (22 Gebäude gegenüber im Schnitt 16 Gebäuden pro Jahr). Besonders symbolisch: Die Firma Bosch wollte dort mit einem Abriss ein Zeichen „für die Verbesserung der Luftqualität im Stadtbezirk“ setzen – der alte Kraftwerk-Schornstein des Werks in Feuerbach wurde abgerissen. Den hatte das Unternehmen einige Jahre zuvor noch aufstocken lassen. 1993 aber stellte das Bosch-Werk seine Energieversorgung um. Das kohlebefeuerte Heizkraftwerk wurde abgeschaltet, Strom und Fernwärme kamen fortan von den Technischen Werken der Stadt.
1996
Noch etwas mehr wurde 1996 in Stuttgart abgerissen: 262 Gebäude mussten weichen. Auch in diesem Jahr traf das am häufigsten Bauten in Cannstatt (53 Abrisse). 1996 beschäftigte die Cannstatter Abrissbagger noch immer der Burgholzhof. Bereits 1993 hatten die USA einen Teil ihres vom Militär genutzten Geländes aufgegeben. Die Stadt plante, die Flächen für den Neubau von Wohnungen für etwa 2000 Menschen zu erschließen. Ein neuer Stadtteil entstand. Dafür mussten die Flächen aber erst einmal frei werden. 1996 wurden die Robinson-Barracks abgerissen, zuvor jahrzehntelang Standort der US-Streitkräfte. Auch das denkmalgeschützte PX-Kaufhaus auf dem Areal fiel. Es wurde vom Stuttgarter Architekten Paul Schmohl entworfen und galt als frühes Beispiel eines aus den USA importierten Einkaufszentrums „auf der grünen Wiese“.
Besonders viel wurde 1996 auch in Feuerbach abgerissen (46 gegenüber durchschnittlich 16 Abrissen pro Jahr). Erwähnt wurde in unserer Berichterstattung das Roser-Areal. In Feuerbach hatte die Firma Roser, seit Jahrzehnten Stuttgarts Lederproduzent, die Produktion aufgegeben. Mit Ausnahme denkmalgeschützter Bauten wie des von Paul Bonatz entworfenen Verwaltungsgebäudes wurden die Altbauten auf dem Gelände in den folgenden Jahren abgerissen. Heute steht dort ein Seniorenheim.
Unter den drei Bezirken mit den meisten Abrissen im Jahr 1996 ist auch Möhringen (28 gegenüber durchschnittlich 13 Abrissen pro Jahr). Einen ungewöhnlichen Streit gab es dort 1996 rund um den Abriss von 18 „Aussiedlerhäusern“. Die wollte die Stadt kostenlos zur Wiederverwendung in Kroatien zur Verfügung stellen. Eine Million Mark stellten ihr daraufhin zwei Hilfsorganisationen für den wiederaufbaugerechten Abriss in Rechnung – die Stadt weigerte sich, so viel zu zahlen, wie es in einem Archiv-Artikel heißt. Letztlich sollen die Häuser an drei Baufirmen gegangen sein, die sie für einen günstigeren Preis abbauten und für eigene Zwecke wiederverwendeten.
Weitere Abrisse, die in den drei Abrissjahren umstritten waren, finden Sie in der Bildergalerie.
Ist Stuttgart eine Abrissstadt?
Daten Das Statistische Amt Stuttgart hat unserer Zeitung Abrissdaten seit den frühen 80ern zur Verfügung gestellt.
Serie In der Serie „Ist Stuttgart eine Abrissstadt?“ zeigen wir, wie viel in Stuttgart in den vergangenen Jahrzehnten abgerissen worden ist, wie Abrisse das Stadtbild verändert haben und was das für die Menschen in Stuttgart bedeutet.