Stuttgart muss Stipendien verlängern Schwierige Aufarbeitung der NS-Geschichte

Teilnehmer und Teilnehmerinnen des Schwäbischen Sängerfestes zeigen 1938 vor dem Königsbau in Stuttgart den Hitlergruß. Foto: akg-images

Zu vier Themen wollte die Landeshauptstadt Forschungsergebnisse gewinnen, nun bleiben drei. Außerdem benötigt der Lern-und Gedenkort Hotel Silber mehr Geld.

Auch 78 Jahre nach Kriegsende gibt es in der Landeshauptstadt unbeantwortete Fragen zur NS-Geschichte. Die Stadt versucht, Wissenslücken zu schließen. Das gelingt trotz Promotionsstipendien nicht in jedem Fall. Bereits 2017 hatte der Gemeinderat auf einen Grünen-Antrag hin 33 0000 Euro zur Verfügung gestellt, um das Thema „Arisierung und Rückerstattung“aufzuarbeiten. Gemeint ist der staatlich verordnete Raubzug der Nazis durch die Beschlagnahme jüdischen Vermögens und die Rückgabe dieses Eigentums.

 

Hinsichtlich des Verlaufs in Stuttgart bestehe eine große Wissenslücke, konstatiert Stuttgarts Erster Bürgermeister Fabian Mayer. Zunächst hatte man allerdings entschieden, das Thema zurückzustellen, weil die Landeszentrale für politische Bildung und das Landesarchiv eine große Publikation planten. Ob eine Dissertation noch möglich sei, schien dann zweifelhaft, zudem habe sich gezeigt, dass es sehr schwierig geworden sei, überhaupt Stipendiaten zu finden. Die Stadt hat den Auftrag für eine Studie daher per Werkvertrag an den Autor des Standardwerks über die württembergische und die badische Finanzverwaltung im Nationalsozialismus vergeben. Und zwar im Juni 2023.

Mangel an Bewerbern für Stipendien

Gar nicht (erneut) vergeben werden konnte das Thema „Kommunale Personalpolitik im Kontext von Kontinuität und Entnazifizierung“. Der Bearbeiter nahm die Arbeit an der Dissertation nicht auf, eine Nachrückerliste existierte mangels weiterer Bewerber nicht. Die nötige Grundlagenarbeit sei im gegebenen finanziellen Rahmen in einem Werkvertrag nicht leistbar, sagte Mayer. Der Gemeinderat müsste also bei den Beratungen zum nächsten Doppelhaushalt entscheiden, ob er das Thema mit höherem Mitteleinsatz weiterverfolgen will.

In Arbeit, informiert Mayer die Stadträte, sind inzwischen zwei Promotionsstipendien, zu „Kriegswirtschaft und Zwangsarbeit“ und zur „Geschichte der Städtischen Krankenhäuser zwischen Republik und Nachkriegszeit“. Sie können allerdings nicht im angepeilten Zeitraum von 30 Monaten fertiggestellt werden.

Das liegt auch an der Coronapandemie, die die Archivrecherche einschränkte und an nach wie vor existierenden Sperrfristen zum Beispiel für Patientenunterlagen oder Zwangsarbeiter. Kopien dürften in diesen Fällen nicht angefertigt werden, zur Auswertung müssen die Stipendiaten jeweils direkt in die Archive.

Hotel Silber benötigt höheren Zuschuss

Um inhaltliche Einbußen durch einen übereilten Abschluss der Arbeiten zu vermeiden, hat die Stadt eine Verlängerung um zehn und 13 Monate gewährt und dazu 34 500 Euro bereitgestellt – aus den freien Mitteln der abgesagten Arbeit zur Personalpolitik. Für jedes Stipendium waren ursprünglich 1500 Euro pro Monat (in Summe 45 000 Euro) vorgesehen gewesen.

Entscheiden muss der Rat zum Doppelhaushalt auch über die weitere Förderung des Lern- und Erinnerungsorts Hotel Silber. Gestiegene Personal- und Energiekosten würden 2024 zu einem Bedarf von 416 200, im Folgejahr 396 300 Euro führen. Die alternative Reduzierung der Öffnungszeiten hat der Verwaltungsrat, der mit Vertretern von Stadt und Land besetzt ist (die Finanzierung erfolgt paritätisch), abgelehnt. Zusätzlich wären für Sonderausstellungen in den nächsten zwei Jahren 108 000 Euro nötig.

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