ExklusivStuttgart von oben – Schlossplatz Als der Eckensee noch rund war

Von Uwe Bogen und  

Seit 1955 hat sich im Herzen Stuttgarts fast alles verändert, wie unsere neue Serie „Stuttgart von oben“ zeigt. In den kommenden Wochen vergleichen wir Luftbilder von damals und heute. Zum Auftakt werfen wir einen Blick auf den Schlossplatz.

Der Schlossplatz sah 1955 noch ganz anders aus – wie auch unsere Bilderstrecke zeigt. Foto: Stadtmessungsamt Stuttgart 6 Bilder
Der Schlossplatz sah 1955 noch ganz anders aus – wie auch unsere Bilderstrecke zeigt. Foto: Stadtmessungsamt Stuttgart

Stuttgart - Es ist schon wegen des zeitlichen Abstands schwierig, sich das Stuttgart des Jahres 1955 vorzustellen. Wie hat die Stadt damals gerochen, wie hat sie geklungen? Diese Eindrücke sind verloren. Was geblieben ist, sind Fotos – und zwar nicht nur Schnappschüsse aus dem Familienalbum, sondern 1036 großformatige Luftbilder, die die Stuttgarter Stadtverwaltung im Herbst 1955 hat anfertigen lassen. Es war die erste systematische Befliegung des Stadtgebiets nach dem Zweiten Weltkrieg – von der 1945 durch die Alliierten veranlassten Erfassung der Kriegsschäden und Bombentrichter im Stuttgarter Talkessel einmal abgesehen.

Die Bilder schlummerten jahrzehntelang im Archiv der Verwaltung – bis jetzt. Das Stuttgarter Stadtmessungsamt, das einzelne Motive aus diesem Bilderschatz schon länger an Interessierte verkauft, hat uns den kompletten digitalisierten Datensatz zur Verfügung gestellt. Um die Entwicklung zu zeigen, die die Stadt seither genommen hat, stellen wir den historischen Luftbildern die Motive gegenüber, die aus der letzten Befliegung vom Frühjahr 2015 stammen. In den kommenden Wochen und Monaten werden wir eine Auswahl von Motiven veröffentlichen.

Sündhaft teure Luftbilder

Die historischen Bilder wurden von der Münchner Photogrammetrie GmbH angefertigt – unter enormem Aufwand. Der Aerophotograph Zeiss 21/18 erfasste die überflogene Landschaft aus dem Bauch einer Cessna heraus. Ein Exemplar findet sich im Kameramuseum im fränkischen Plech. Die Kamera sowie ein Gerät, mit dem man die Luftbilder zu einer entzerrten Landkarte zusammensetzen konnte, kosteten laut dem Sammler Kurt Tauber so viel wie drei Einfamilienhäuser.

Die Bilder zeigen eine Stadt, deren schlimmsten Kriegswunden verheilt sind und die gerade auf dem Weg ist, zu einer modernen Großstadt zu werden – nach dem damaligem Verständnis. Unsere Zeitreise starten wir dort, wo Stuttgarts Herz schlägt und schon immer geschlagen hat. Der Schlossplatz – einer der schönsten Plätze Deutschlands – führt als eigentliches Zentrum der Stadt alles und jeden zusammen. Auf dem Foto von 1955 ist das Neue Schloss noch eine Ruine, der Königsbau hat kein Passagendach, und es stehen mehr Bäume als heute an der Planie.

Straße statt Palais

Wo heute das Kunstmuseum steht, befand sich das Kronprinzenpalais. OB Arnulf Klett wollte den Verkehrsweg in den Westen öffnen. 1956 einigten sich Stadt und Land unter heftigen Protesten auf den Abriss des Palais. Autos bekamen Vorfahrt. Sie parkten, wie das alte Foto zeigt, auf dem Markt- und dem Schillerplatz.

Was beim Vergleich von damals und heute sofort ins Auge springt, ist der kreisrunde See bei der Oper, der heute nach seinen Ecken benannt ist. Zu seiner jetzigen Form kam er 1961 zur Bundesgartenschau. In alten Büchern und auf alten Postkarten wird der heutige Eckensee meist als „Anlagensee“ bezeichnet. Er hieß aber auch Epaulettensee, weil dort die Offiziere der königlichen Armee zu spazieren pflegten. Eine Epaulette ist das Schulterstück einer Uniform.

Aus heutiger Sicht zeigen der Abriss des Kronprizenpalais’ und des Alten Rathauses sowie die Umwandlung der Seeform im Oberen Schlossgarten, dass im Stolz des Wirtschaftswunders die Historie und die Bewahrung städtebaulich markanten Kulturguts oft eine untergeordnete Rolle spielte. Damals gab es sogar die Idee, die Ruine des Neuen Schlosses dem Erdboden gleichzumachen und ein Kaufhaus zu errichten. Glücklicherweise wurde nichts daraus, nicht zuletzt, weil beide Zeitungen zur Schlossrettung aufriefen und Spenden dafür sammelten.

Was Luftbilder bringen

Von schräg oben auf Städte blicken zu können, war im Krieg strategisch wichtig und dem Militär vorbehalten. Nach Kriegsende erkannte man den zivilen Nutzen der Luft­bilder für die Planung und Verwaltung der Stadt. Deshalb blieb es nicht bei der Befliegung vom Herbst 1955. In immer dichterer Abfolge gab das Stadtmessungsamt neue Befliegungen in Auftrag. Auch diese Bilder ­können einzeln gekauft werden – und sind doch in ihrer Gänze besonders wertvoll, weil sie den Wandel der Stadt dokumentieren.

Für Spätherbst erwartet die Stadt die ­Bilder von der jüngsten Befliegung im April. Heute läuft das alles vollautomatisch und ­digital – kein Vergleich zum Aufwand in den 1950er  Jahren.  Und doch braucht es die alten Bilder, um den Wiederaufbau und die Modernisierung Stuttgarts nachzuvollziehen – und ebenso die Eingriffe in die Landschaft sowie den Flächenverbrauch, den die neuen ­­Wohn- und Gewerbegebiete, Industrie­anlagen und Verkehrsflächen mit sich gebracht haben.

Wie Stuttgart in 60 Jahren riechen wird, wie sich anhört und wie es aussieht – keiner kann es wissen. Doch der Blick auf die 60 Jahre alten Luftbilder kann ein Kompass sein, der bei der Entscheidung hilft, ob es in der eingeschlagenen Richtung weitergehen soll oder ob sich Stuttgart und die umliegenden Gemeinden anders entwickeln wollen. Die Diskussion darüber ist hiermit eröffnet.

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