Stuttgart-Weilimdorf Die Reformation: Von Wittenberg nach Weilimdorf

Die Akteure des Heimatblattes zur Reformation, das in der Oswaldkirche vorgestellt wurde (v.l.): Reinhart Müller, Eberhard Christof Grötzinger (Autor), Erika Porten und Eberhard Keller. Foto: gli
Die Akteure des Heimatblattes zur Reformation, das in der Oswaldkirche vorgestellt wurde (v.l.): Reinhart Müller, Eberhard Christof Grötzinger (Autor), Erika Porten und Eberhard Keller. Foto: gli

Der Weilimdorfer Heimatkreis präsentiert in der Oswaldkirche die neue Ausgabe seines „Heimatblatts“.

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Stuttgart-Weilimdorf - Als Martin Luther vor demnächst 500 Jahren seine legendären Thesen ans Portal der Stadtkirche von Wittenberg hämmerte, war das schnell Epoche machende Ereignis in der noch jungen Universitätsstadt nicht nur in geografischer Hinsicht sehr weit weg vom damaligen Bauerndorf „Weyl im Dorff“. Und doch hatten die Lutherischen Ideen und deren Transformationen in den folgenden Jahren auch in den damals 68 Häusern an den zweieinhalb Straßen der Ansiedlung Fuß gefasst. Wie das aber vor sich gegangen war, das lag bisher fast völlig im Dunkeln der Geschichte verborgen. Nun aber bringt das neue „Weilimdorfer Heimatblatt“, vom Weilimdorfer Heimatkreis herausgegeben, doch ein wenig Licht ins Geschehen: „Von Wittenberg nach Weilimdorf. Die Reformation hält Einzug in ein württembergisches Dorf“ ist der Titel der von Eberhard C. Grötzinger verfassten Schrift, die in der Oswaldkirche vorgestellt wurde.

Ein durchaus symbolträchtiger, mit der Thematik verbundener Ort, in dem sogar ein wenig der Geist des Umbruchs jener Zeit wehte, als Eberhard Keller, der Vorsitzende des Heimatkreises, in seiner Einführung feststellte: „Die Oswaldkirche ist das einzige noch existierende Gebäude in Weilimdorf, das die Reformation miterlebt hat.“ Auch insofern gehe „die Bewahrung dieses Identitätsmittelpunktes von Weilimdorf nicht nur die Kirchengemeinde, sondern uns alle an“, stellte Keller fest.

Das Heimatblatt liest sich teils wie ein Krimi

Bevor dann Grötzinger die Thematik vorstellte, stattete er erst einmal seinen Dank ab. Zum einem Erika Porten. Die langjährige Vorsitzende des Vereins hatte die Idee gehabt zur Erforschung der Thematik. Außerdem dem Historiker Reinhart Müller, der dem Autor vielfach geholfen hatte, weshalb Grötzinger vom Team sprach, dass diese Publikation zustande gebracht habe. „Und auf das Ergebnis können wir stolz sein“, merkte er an. Nicht zuletzt vor dem Hintergrund, dass zwar die „große Geschichte“ ausführlich erforscht und beschrieben sei, für deren lokalen Ausprägungen mangels überlieferter Zeugnisse aber das glatte Gegenteil gelte.

Umso bedeutender die wenigen Funde, die Grötzinger aus dickem Archivstaub gegraben hatte. Auch wenn diese Dokumente nur indirekt Zeugnis geben. Eines davon ist etwa Antwort des Herzogs auf eine Beschwerde hiesiger leibeigener Bauern. Sie hatten beklagt, dass sie entgegen „alten Rechts“ daran gehindert wurden, Schweine und eigenes Vieh zur Weide in den herzoglichen Wald zu treiben. Außerdem sollten sie für Brennholz nun plötzlich mit 350 Eiern bezahlen. Ein Dokument, das laut Grötzinger auf „die Verschiebungen und Änderungen im Denken der Zeit“ hinweise. Ein anderes Dokument belegt, wie Weilimdorfer einem auswärtigen Prediger, einem „Landschweifer“, die Gastfreundschaft anboten und wie sie wegen dieses verbotenen Kontaktes zu einem „Täufer“, dessen Lehre als häretisch galt, verklagt wurden.

Ein im Grunde abendfüllender Vortrag, bei dem Grötzinger in souveräner Manier und überaus anschaulich die historische Zeit skizzierte und dabei auch vergegenwärtigte, „wie die Reformation von Wittenberg nach Weilimdorf“ gekommen war. Ein Vorgang, der sich im „Heimatblatt“ Nummer 37 teils wie ein Krimi liest. Und ein spannendes, erhellendes und allgemeinverständliches Bild einer Zeit bietet, in der auch die Weilimdorfer erst ihre neue Rolle finden mussten: „Eine Zeit, die wir uns kaum noch vorstellen können“, meinte Grötzinger mehrfach.

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