Mit Verspätung – aber nun soll er kommen: der Superblock im Stuttgarter Westen. Im Frühjahr 2024 beginnt der für anderthalb Jahre geplante Verkehrsversuch auf der Augustenstraße zwischen der Schwab- und der Silberburgstraße mit den dazwischenliegenden Querstraßen. Dann soll es in diesem Quartier weniger Parkplätze und Verkehr, zugleich aber mehr Straßengastronomie, Platz zum Verweilen und Spielen draußen sowie Grün geben. Bereits jetzt kann man davon ausgehen, dass sich für die Menschen, die in dem Quartier oder drum herum wohnen oder arbeiten, einiges ändern wird.
Luftqualität und Lärmbelastung wird gemessen
Damit das nicht nur gefühlte Veränderungen bleiben, wird der Superblock von Wissenschaftlern begleitet; unter anderem von der Uni Stuttgart. Soziologen und Energiewirtschaftler begleiten den Versuch quantitativ und qualitativ. Das bedeutet: Einerseits prüfen sie mittels von Sensoren und Apps, wie sich die Luftqualität und der Lärm verändern. Andererseits werden sie Fitnessarmbänder, Tagebucheinträge und Gespräche auswerten, um zu erfahren, wie sich der Verkehrsversuch auf den Alltag der Menschen auswirkt. So könne es etwa sein, dass manche Menschen häufiger das Haus verlassen und mehr Zeit draußen verbringen, sobald der Superblock eingerichtet ist, erläutert die Sozialwissenschaftlerin Doris Lindner. Andere fühlten sich womöglich gestresst, wenn es schwieriger wird, einen Parkplatz zu finden oder man länger mit dem Auto nach Hause braucht.
Wird der Schlaf besser? Gehen die Leute mehr raus?
Das Ganze wird aber eben auch durch Daten belegt: „Wir verteilen Sensoren und installieren diese bei den Menschen zu Hause oder in deren Arbeitsstätten“, erläutert der Energiewirtschaftler Alexander Altstadt. Mithilfe dieser Sensoren werde Feinstaub, Stickoxid, Temperatur und Luftfeuchtigkeit gemessen. Außerdem statten die Forscher Freiwillige mit mobilen Luftqualitätssensoren aus, die diese mitnehmen sollen. Zudem können die Freiwilligen über eine Lärm-App die Geräuschkulisse draußen aufzeichnen. Und mithilfe von Fitnessarmbändern wird deren Puls und Schlaf gemessen.
Die Forscher suchen noch Freiwillige, die mitmachen
Die ersten Messungen sollen bereits im kommenden November beginnen. Diese Daten liefern später dann den Vergleichswert zu den Ergebnissen, sobald der Superblock eingerichtet ist.
Wichtig ist den Forschern: Das Ganze ist ergebnisoffen. „Das Resultat des Superblocks muss nicht positiv sein“, betont Ulrich Fahl, der Abteilungsleiter des Instituts für Energiewirtschaft und Rationelle Energieanwendung an der Uni Stuttgart. Wenn sich herausstelle, dass es nicht ruhiger werde und das Wohlbefinden der Menschen sich negativ entwickle, „werden wir das dokumentieren und den Entscheidungsträgern so weitergeben“. Letztlich solle die Forschung auch zeigen, ob es sich lohne, noch andere Quartiere zum Superblock zu machen.
Auch alles Negative wird dokumentiert
Noch suchen die Wissenschaftler aber Teilnehmerinnen und Teilnehmer für ihre Forschung: Sie wollen rund 80 Bewohner und Gewerbetreibende finden, die mitmachen. Stand jetzt sind sie bei knapp 60 Personen. „Es dürfen sich noch welche melden; sowohl Bewohner im Superblock als auch von umliegenden Straßen, genauso wie Gewerbetreibende oder Pendler, die in den Superblock fahren“, sagt Doris Lindner. Melden können sich Interessierte per E-Mail an urbanome@ier.uni-stuttgart.de. Mehr Informationen finden sich auch im Internet auf der Website https://www.zirius.uni-stuttgart.de/projekte/urbanome/.
Parallel begleitet übrigens auch das Institut Stadt Mobilität Energie (ISME) den Versuch. Bereits in den vergangenen Monaten fanden diverse Beteiligungsverfahren statt, außerdem konnten Bürger ihre Wünsche und Sorgen äußern. Manche sagten beispielsweise, dass sie sich im Superblock vor „Partys wie am Feuersee“ fürchten.
Kritik an dem Verkehrsversuch
Gewerbetreibende
Ganz unumstritten ist der Verkehrsversuch nicht: Im Vorhinein hatten etwa Gewerbetreibende aus dem Quartier gesagt, dass sie mit weniger Kunden rechneten, sobald das Autofahren und Parken bei ihnen schwieriger werde. Zwar werden alle Häuser im Superblock mit dem Auto erreichbar sein, allerdings werden Sperrungen an den Kreuzungen aufgebaut, weshalb man nur im Zickzack ans Ziel kommt.
Initiative
Die Initiatoren der Bürgerinitiative Superblock hatten sich enttäuscht darüber geäußert, dass es sich aus ihrer Sicht nicht mehr um einen echten Superblock handele, sondern nur noch um einen Verkehrsversuch – etwa weil Tempo 30 in dem Quartier erlaubt sein soll. Zudem seien aus ihrer Sicht zu wenig Grün und zu wenig Platz für Fahrräder eingeplant.