Stuttgarter Ausstellung zu dreisten Plagiaten Blei, Urin und Lackverdünner im Parfüm

Aussehen ist nicht alles: der lustige WMF-Eierbecher für Kinder und seine Kopie Foto: Plagiarius

Markenprodukte werden oft gefälscht. Das schadet den Unternehmen, aber auch den Käufern. Die Ausstellung „Plagiarius“ im Stuttgarter Haus der Wirtschaft zeigt Beispiele, wo die Diebe geistigen Eigentums besonders dreist waren.

Kultur: Adrienne Braun (adr)

Stuttgart - Es hat Beschwerden gehagelt. Denn Fiffi und Waldi konnten zwar herrlich springen und jagen, allerdings ließ sich die ausrollbare Hundeleine nicht auf Knopfdruck wieder einrollen. Die Kundschaft war empört – und der Hersteller aus Schleswig-Holstein hatte ein Problem. Denn die monierten Hundeleinen sahen aus wie das Markenprodukt, sie waren exakt so verpackt, allerdings hatten die Kunden sie deutlich billiger im Internet erworben.

 

Ein klarer Fall für den Plagiarius – so nennt sich eine Aktion, die schon in den siebziger Jahren entstanden ist und Produkt- und Markenpiraterie ans Licht bringt. Im Stuttgarter Haus der Wirtschaft kann man jetzt all die Designobjekte und Haushaltswaren sehen, die skrupellos kopiert wurden. Spielzeuge, Kleidung, technische Geräte, letztlich sind alle Branchen betroffen. „Original versus Plagiat“ nennt sich die Ausstellung des Design-Centers, das die dreistesten Plagiate der vergangenen Jahre vorführt. Die Hersteller können sich bewerben um den auch als Preis ausgeschriebenen „Plagiarius“. Die Auszeichnungen für die unverschämtesten Diebstähle sind immerhin ein kleiner Trost für sie.

Geiz ist angeblich geil – und wenn gerade auch im Internet Schnäppchen locken, lässt man sich schnell verführen. Denn schaut der rote Einkaufskorb, der da für ein paar Euro angeboten wird, nicht exakt aus wie das teurere Original von Reisenthel? Und wäre man nicht blöd, wenn man für die Stihl-Stichsäge im Laden ein Vielfaches zahlen würde von dem, was sie im Internet kostet?

Wenn Parfüm verunreinigt ist, hört der Spaß auf

„Die Verbraucher sind Täter und Opfer“, sagt Christine Lacroix von der Aktion Plagiarius, denn sie wissen natürlich genau, dass das Nike- oder Lacoste-Shirt, das sie in der Türkei für drei Euro gekauft haben, kein Original ist. Aber Verbraucher können im Internet eben auch reinfallen auf Produktdiebe, die oftmals sogar die Verpackung des Originals imitieren oder mit Originalfotos werben. Die Parfümflakons, die nun im Haus der Wirtschaft ausgestellt sind, sehen dem Original von Jean Paul Gaultier verblüffend ähnlich, nur riechen sie nicht wie dieses. In gefälschten Parfüms werden oft auch Verunreinigungen entdeckt, Blei, Urin, sogar Lackverdünner. Gesund ist das nicht.

Früher hatte es der Zoll einfacher, sagt Christine Lacroix, er konnte große Containerladungen kontrollieren. Heute müsse man viele kleine Pakete aus dem Ausland beschlagnahmen, die auf dem Postweg kommen. Ein Großteil der Produkte in der Plagiarius-Ausstellung stammt aus China. Das heißt aber nicht, dass nicht auch in Deutschland geistiges Eigentum gestohlen würde. Die Spielarten sind vielfältig. Erlaubt sind so genannte „Me-too-Produkte“, bei denen man herstellt, was andere bereits erfolgreich am Markt haben. Beim Plagiat werden dagegen Design und Technik übernommen, wie etwa bei der Duschbrause von Hansgrohe, die es zum Teil schon für ein paar Euro im Internet gibt. Schaut man allerdings genau hin, stellt man fest, dass einige der Wasserdüsen nur Dekoration sind. Auch das Material besitzt nicht annähernd die Qualität des Originals.

Was zu billig ist, kann nicht fair produziert sein

Wenn eine Designer-Handtasche nur fünf Euro kostet oder ein Wasserkocher zum Schleuderpreis angeboten wird, kann man sich ausrechnen, wie die Arbeitsbedingungen bei der Herstellung und die Qualität der Materialien sind. Deshalb brechen bei den kopierten lustigen WMF-Eierbechern auch schnell die Füße ab. Beim fahrbaren Einkaufskorb sind die Rollen klein und hart, beim Rucksack hakt der Reißverschluss. Bei Kinderspielzeug scheren sich die Fälscher auch nicht darum, ob Einzelteile verschluckt werden können oder Inhaltsstoffe giftig sind. Besonders dramatisch können die Folgen beim Notfall-Beatmungsgerät sein, das in der Ausstellung zu sehen ist. Äußerlich könnte man es mit dem Original verwechseln, die Bedienknöpfe sind allerdings nur Zierde – und ob Kind oder Erwachsener beatmet werden soll, lässt sich nicht einstellen. „Das ist schon richtig kriminell“, sagt Christine Lacroix.

Wenn Fälschungen beim Plagiarius prämiert werden, nehmen die Organisatoren Kontakt mit den Fälschern oder den Händlern auf. Wenn der Hersteller im entsprechenden Land allerdings keine Schutzrechte für sein Produkt angemeldet hat, ist es schwer, den Nachahmern das Handwerk zu legen, da ohne Schutzrechte Nachahmungsfreiheit bestehe, wie Christine Lacroix sagt. Manche Hersteller oder Anbieter antworteten gar nicht auf ihre Anfrage, erzählt sie, andere leugneten. Aber immer wieder könne man sich doch einigen – und die Anbieter würden dann die Restbestände vom Markt nehmen.

Die Ausstellung „Einsichten. Original versus Plagiat“ läuft im Haus der Wirtschaft bis zum 23. Oktober, geöffnet Montag bis Freitag von 11 bis 18 Uhr. Am 23. Oktober geht es ab 18 Uhr in der Designbibliothek um das Thema „Alles nur geklaut?“ Unternehmen, deren Produkt kopiert wurde, können sich für den Plagiarius-Wettbewerb 2020 bewerben und bis zum 30. November ihr Originalprodukt und das vermeintliche Plagiat einreichen.

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