Stuttgarter Ballett Licht und Schatten bei „Shades of Blue and White“

William Forsythes „Blake Works I“ sorgen nicht nur im Ensemble für gute Laune. Foto: Stuttgarter Ballett/Roman Novitzky

Mit Bekanntem von Makarova, Forsythe und Scholz ist der neue Stuttgarter Ballettabend frei von Überraschungen. Tänzerische Leidenschaft macht „Shades of Blue and White“ aber sehenswert.

Stadtleben/Stadtkultur/Fildern : Andrea Kachelrieß (ak)

Mit „Shades of White“ gab Tamas Detrich 2018 seinen Einstand als Ballettintendant. Makellos herausgeputzt präsentierte er seine Kompanie damals von der klassischen Seite. Der Tütü-Reigen war nicht nur wegen der Anspielung auf die Romanreihe „Shades of Grey“ ein Bestseller. Klassischer Tanz in all seinen Schattierungen verkauft sich an der Theaterkasse immer bestens. Das gilt auch, wenn Tamas Detrich nun den Erfolgstitel nochmals aufgreift und ihm eine Farbe hinzufügt.

 

Stand bei „Shades of White“ mit Crankos „Konzert für Flöte und Harfe“, Makarovas „Königreich der Schatten“ und Balanchines „Sinfonie in C“ ein Ballett-Menü auf dem Speiseplan, das nur aus zuckersüßen Desserts bestand, tritt „Shades of Blue and White“ ausgewogener auf. Den Auszug aus Makarovas „Bayadère“-Version flankieren jetzt „Blake Works I“, William Forsythes 2016 in Paris entstandene Klassik-Hommage, und „Die siebte Sinfonie“, der Neoklassik-Hit, den Uwe Scholz 1991 für das Stuttgarter Ballett erfand. So erinnert der Abend auch an den Mut von Marcia Haydée: Sie ernannte Forsythe in ihrem ersten Jahr als Direktorin in Stuttgart zum Hauschoreografen; 1980 machte sie Scholz zu seinem Nachfolger, da hatte der die Cranko-Schule gerade mal ein Jahr hinter sich.

Getanzt wird durchgehend auf Spitze

Tamas Detrich lässt sich mehr Zeit für einen klaren Kurs. Jetzt geht der Blick erstmal in den Rückspiegel: Keines der „Shades of Blue and White“-Ballette ist neu fürs Stuttgarter Publikum. Neu ist nur die erstmals am Donnerstag im Opernhaus getanzte Kombination, die im Zusammenspiel einen Überblick gibt über die Entwicklung des klassischen Tanzes und seiner Mittel heute. Getanzt wird durchgehend auf Spitze, wenn auch nicht immer auf Spitzenniveau.

„Bayadère“-Schatten mit Daiana Ruiz Foto: Stuttgarter Ballett/Roman Novitzky

Gerade im „Königreich der Schatten“, einem der weißen Klassiker-Akte, die ihren Reiz aus klaren Geometrien und dem synchronen Agieren von 24 Tänzerinnen ziehen, will sich die Perfektion bei der Premiere nicht so recht einstellen. Wann und wie weit soll beim Einzug der Schatten das Bein in der Arabeskenflut nach oben? Da herrscht noch keine Einigkeit und man sieht, dass dieser Klassiker mit seinem extrem herausfordernden Entrée für viele neu ist.

Umso lebendiger ist dafür der Rahmen, den die durch Cranko-Schülerinnen verstärkte Gruppe den fünf Solo-Parts gibt. Adhonay Soares da Silva lässt als Solor souverän das Virtuose leicht aussehen. Elisa Badenes meistert als Nikija die Stimmungs- und Tempiwechsel mit Anmut bis zum Finale, bei dem das Staatsorchester unter Mikhail Agrest Gas gibt und Schritte wie im Zeitraffer perlen. Auch Daiana Ruiz, Abigail Willson-Heisel und Veronika Verterich stürzen sich mit einer Freude in ihre Variationen, die sie für die nächsten klassischen Aufgaben empfiehlt. Von April an steht Crankos „Schwanensee“ auf dem Spielplan.

Elisa Badenes und Jason Reilly in „Blake Works I“ Foto: Stuttgarter Ballett/Roman Novitzky

Und es ist vor allem diese tänzerische Leidenschaft, die den blau-weißen Abend sehenswert macht. Ob Forsythe oder Scholz: Das Ensemble agiert mit einer Beseeltheit, die allen Akteuren ein Lächeln ins Gesicht zaubert und ihnen einen Hauch von Lässigkeit gibt. Die braucht es auch, um in einem Stück wie „Blake Works I“ zu bestehen. Kess lässt Forsythe Hüften und Köpfe wippen oder eröffnet Freiräume, die mit coolen Moves wie ein Dancefloor erobert werden wollen. Es ist keine der analytischen Dekonstruktionen zu hämmerndem Sound, für die der Ballettrebell bekannt ist, eher eine Liebeserklärung an die Altmeister seiner Kunst, in Szene gesetzt zu sieben Elektropop-Schnulzen von James Blake.

Harte Kanten hier, weich fließende Wellen dort

Nach dem „Bayadère“-Auftakt kommt einem da tatsächlich manches bekannt vor. Aber Forsythe fügt klassischer Virtuosität hier harte Kanten, dort weich fließende Wellen hinzu, stellt locker formierten Gruppen intensive, gestenreiche Dialoge wie zwischen Elisa Badenes und Jason Reilly gegenüber. Wem die in bleiches Blau gekleideten „Blake Works I“ dennoch zu altersmilde erscheinen, den belehren auch junge Tänzer wie Flemming Puthenpurayil eines Besseren: Als homogene, gut gelaunte Truppe zeigt das große, 21-köpfige Ensemble, dass ihm das Stück großen Spaß macht.

Alicia Torronteras und Priscylla Gallo Foto: Stuttgarter Ballett/Roman Novitzky

24 Tänzer und mehrere Künste brachte Uwe Scholz in seiner „Siebten Sinfonie“ so genial zum Zusammenklingen, dass jedes Wiedersehen verblüfft – auch wenn man gerne mal ein anderes Werk des Choreografen sehen würde. Wie ein Maler trägt er den Tanz in Schichten auf, lässt Bewegungen wie Farben verlaufen und organisiert mit tanzenden Körpern Vorder- und Hintergrund sowie mit Licht und Bewegung eine Raumstruktur aus vielen Diagonalen.

Vier differenziert ausgestaltete Sätze

Eine neue Generation von Tänzern, allen voran Agnes Su an der Seite von Jason Reilly, deckt das lustvoll auf und zeigt, wie neoklassischer Tanz Beethovens Musik sichtbar macht und ihr virtuose Akzente entlockt, um dann wiederum sehr selbstbewusst innezuhalten, als wolle er Energie tanken. Die überträgt sich nach den vier, auch vom Orchester differenziert ausgestalteten Sätzen, direkt aufs Publikum, das mit Standing Ovations fast einen fünften Satz hinzufügt.

Info

Termine
Der Ballettabend „Shades of Blue and White“ ist bis zum 3. Mai im Opernhaus zu sehen. Für die Vorstellungen im Februar und März gibt es nur noch Restkarten an der Abendkasse. Der Vorverkauf für die Aufführungen am 2. und 3. Mai beginnt am 2. März.

Fortsetzung
Der neue Dreiteiler ist zugleich Auftakt für den klassischen Teil der Stuttgarter Ballettsaison. Vom 6. April an steht John Crankos „Schwanensee“-Version auf dem Spielplan; der Vorverkauf beginnt am 6. Februar.

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