Stuttgarter Börsenchef Voelkel „Die Kunden halten an Krypto fest“
Der Chef der Börse Stuttgart, Matthias Voelkel, glaubt trotz der Talfahrt von Bitcoin und Co. an eine Renaissance der Kryptowährungen.
Der Chef der Börse Stuttgart, Matthias Voelkel, glaubt trotz der Talfahrt von Bitcoin und Co. an eine Renaissance der Kryptowährungen.
Matthias Voelkel ist seit Jahresbeginn Vorstandsvorsitzender der Gruppe Börse Stuttgart. Trotz aller Kurskapriolen glaubt er, dass sich immer mehr Deutsche an den Kapitalmarkt wagen werden.
Herr Voelkel, neben dem klassischen Wertpapierhandel bietet die Börse Stuttgart seit einigen Jahren auch den Handel mit Kryptowährungen an. Haben Sie Kunden verloren durch die Talfahrt an den Kryptomärkten?
Nein. Wir haben kaum bestehende Kunden verloren, aber dafür viele neue hinzugewonnen. Allerdings sind von den bestehenden Kunden manche zurückhaltender als im letzten Jahr.
Das heißt, die Umsätze sind geringer?
Es gibt Monate, in denen die Umsätze geringer sind als im letzten Jahr, wobei das letzte Jahr sehr stark war. Im Kryptobereich sehen wir eine stärkere Korrelation zwischen steigenden Kursen und hohen Umsätzen als im klassischen Bereich. Im Wertpapierhandel sind die Umsätze auch dann hoch, wenn die Märkte fallen.
Die Kunden halten also an ihren Kryptoinvestments fest, kaufen aber nicht mehr zu?
Genau, sie halten daran fest und sagen: Es wird wieder hochgehen. Sie wollen nicht verkaufen. Und wenn die Kurse etwas ansteigen, ist auch immer wieder der Impetus für neue Kunden da, die sich sagen: „Jetzt geht es wieder in die richtige Richtung, jetzt steige ich ein.“
Sie haben auch selbst Geld mit Kryptoinvestitionen verloren. Was macht Sie so zuversichtlich?
Insgesamt habe ich Geld gewonnen – wenn ich den aktuellen Wert mit meinem Kaufpreis vor ein paar Jahren vergleiche. Aber im Jahr 2022 haben meine Kryptoinvestments an Wert verloren. Ohnehin investiere ich in Kryptowährungen kein Geld, das ich dringend brauche, sondern nur Geld, das ich bewusst in eine risikoreiche Asset-Klasse stecke. Zuversichtlich macht mich das wachsende Interesse großer institutioneller Investoren an Kryptovermögenswerten. Ein Beispiel ist Blackrock, der weltweit größte Vermögensverwalter. Und: Die den Kryptowährungen zugrunde liegende Blockchain-Technologie liegt auch anderen wichtigen Anwendungen zugrunde wie dem Metaverse, also der nächsten Generation des Internets. Hier sehe ich großes Wachstumspotenzial.
Aber es bleibt riskant, das sagen Sie ja auch. Die Bafin hat vergangenes Jahr mit Blick auf die Kryptohandelsplattform der Börse Stuttgart Verbesserungen beim Risikomanagement gefordert und einen Sonderbeauftragten hierhergeschickt. Wo genau lag das Problem?
Zur Einordnung: Das betraf Vorgänge von 2019 bis Anfang 2021. Wir haben das extrem ernst genommen, denn es ist Teil unseres Wertversprechens, nicht nur voll reguliert zu sein, sondern auch hoch professionelle Risikomanagementprozesse zu haben. Die Probleme sind mittlerweile behoben, das hat uns ein Wirtschaftsprüfer und auch die Bafin bescheinigt.
Betrafen sie die Kundenidentifikation oder den Handelsprozess?
Beides – aber kein Kunde hat irgendwelche Nachteile erlitten. Es gab auch sonst keine konkreten Vorfälle, sondern es ging um allgemeine Fragen des Risikomanagements.
Im Frühjahr haben Sie eine Partnerschaft mit dem Online-Broker Flatex angekündigt, um dessen Kunden den Zugang zu Kryptovermögenswerten zu erleichtern. Wann geht das los, und was hat die Börse Stuttgart davon?
Die Partnerschaft wird noch dieses Jahr an den Start gehen. Flatex Degiro hat europaweit über zwei Millionen Kunden und möchte ihnen Zugang zu Kryptowährungen verschaffen. Wir bieten hier das an, was wir im klassischen Bereich auch machen: Wir liefern voll regulierte, zuverlässige Infrastruktur. Die Flatex-Kunden sind kapitalmarkt- und handelsaffin. Wenn auch nur zehn Prozent von ihnen in den Kryptohandel einsteigen, reden wir über mehr als 200 000.
Erfahrene und handelsaffine Kunden sind vermutlich auch diejenigen, die im Handel mit verbrieften Derivaten besonders aktiv sind – dem Kerngeschäft Ihres Hauses. Beim Aktienhandel haben andere Börsen die Nase vorn. Das ist aber das Einstiegssegment für Neukunden. Was machen Sie, um an die heranzukommen?
Ich glaube, wir tun da schon sehr viel: Wir bieten Informationsveranstaltungen an, sind sehr aktiv auf Youtube, haben einen Anlegerklub mit über 55 000 Mitgliedern. Tatsächlich sind wir bei Aktien nicht Marktführer. Marktführer sind wir im Handel mit verbrieften Derivaten und Anleihen – bei Ersteren sogar europäischer Marktführer. Als Gruppe mit jetzt fast 700 Mitarbeitern betreiben wir ja mittlerweile auch die zweitgrößte Börse Schwedens und die zweitgrößte in der Schweiz.
In Schweden ist die Aktienkultur weiterentwickelt als hierzulande. Glauben Sie, dass sich die Deutschen angesichts steigender Zinsen wieder auf klassische Sparprodukte zurückziehen?
Man muss kein Großmeister in Mathematik sein, um zu wissen, dass bei der aktuellen Inflationsrate das Geld auf Sparkonten trotz leicht gestiegener Zinsen an Wert verliert, und zwar signifikant. Insofern denke ich nicht, dass das massiv an der Attraktivität von Aktien und anderen renditestarken Asset-Klassen rütteln wird. Kurzfristig führt der schwierige wirtschaftliche Ausblick dazu, dass sich vorsichtige Anleger eher zurückhalten. Aber langfristig wird der Makrotrend – Stichworte: demografischer Wandel und die daraus resultierenden Herausforderungen für das staatliche Rentensystem – dazu beitragen, dass auch in Deutschland die Aktienquote weiter steigen wird. Wenn das nicht passiert, dann werden wir, was Altersarmut und Ähnliches anlangt, in noch größere Probleme kommen.