Aus den Lautsprecherboxen dröhnte der Ballermann-Hit „Layla“, auf der Haupttribüne sangen die Fans „Oh, wie ist das schön . . .“, und auf den Stehplätzen schrien sie voller Ekstase „Berlin, Berlin – wir fahren nach Berlin“. Was sich nach dem verdienten 2:0 (1:0) des Fußball-Oberligisten Stuttgarter Kickers gegen die drei Klassen höher spielende SpVgg Greuther Fürth im Gazi-Stadion auf der Waldau abspielte, war Jubel-Ekstase pur. Schon in den 90 DFB-Pokal-Minuten zuvor hatten die begeisterten 7280 Zuschauer vom Kickers-Team auf dem Spielfeld ein Feuerwerk der Emotionen serviert bekommen.
Die couragierte Galavorstellung machte den einen oder anderen dann ganz schön mutig. Joker David Braig, der nach der 1:0-Führung durch den überragenden Denis Zagaria (9.) mit dem 2:0 (88.) die Entscheidung gebracht hatte, sagte mit Blick auf den Wunschgegner in der zweiten Runde (18./19. Oktober, Auslosung am 4. September): „Ich wünsche mir jetzt ein Stadtderby. Ich glaube, der VfB hat schon ein bisschen Angst.“
Natürlich war da beim Stürmer ein Augenzwinkern mit dabei, aber es passte in die ausgelassene Stimmung unterm Fernsehturm. Der Coup im Cup war Balsam auf die Kickers-Seele nach dem auf dramatische Art und Weise verpassten Aufstieg in die Regionalliga. Und der Einzug unter die letzten 32 Teams spült auch weitere 418 494 Euro allein an Fernsehgeldern in die Kasse. Ein dicker Batzen, gerade in Relation zum Etat von rund 1,4 Millionen Euro. Doch Präsident Rainer Lorz verlor, seinem Naturell entsprechend, auch inmitten größter Glückseligkeit nicht die Bodenhaftung: „Natürlich ist es gut für unser Renommee, dass wir auch bundesweit mal wieder stärker wahrgenommen werden, aber wir werden mit dem Geld keinen Unsinn anstellen.“
Großes Vertrauen ins Team
Worauf er damit hinauswollte: Zwar soll bis zur Schließung des Transferfensters am 1. September möglichst noch ein Strafraumstürmer als Nachfolger von Mijo Tunjic geholt werden, doch nicht um jeden Preis. Zu groß wäre bei extremen Gehalts- und Ablösezahlungen das Risiko, ein intaktes Mannschaftsgefüge durcheinanderzuwirbeln, wie es möglicherweise bei einer Verpflichtung von Toptorjäger Marcel Sökler vom Regionalliga-Aufsteiger SGV Freiberg der Fall sein könnte. „Das Ganze muss einfach passen und darf nicht unseren Rahmen sprengen, warum sollen wir der aktuellen Mannschaft nicht weiter vertrauen?“, meint der Sportdirektor Marc Stein.
Einer Mannschaft, die gegen den Bundesliga-Absteiger von der ersten Minute an mit körperlicher Robustheit, enormer Laufstärke, leidenschaftlicher Zweikampfhärte und intensivem Pressing zeigte, wer Herr im Hause ist. Zum Vollgasfußball kam auch eine gewisse spielerische Klasse hinzu, der Ball wurde nicht planlos auf die Tribüne gedroschen, er lief bisweilen sehr passabel durch die eigenen Reihen. „Die Kickers haben das wirklich sehr, sehr gut gemacht“, lobte auch Fürths neuer Schweizer Trainer Marc Schneider.
Herausforderung FC Holzhausen
Das gibt natürlich Selbstvertrauen für die am kommenden Samstag (15.30 Uhr) mit dem Spiel bei Aufsteiger FC Holzhausen beginnende Oberligasaison, in der der Aufstieg (wieder einmal) Pflicht ist. „Doch das wird kein Selbstläufer“, warnt Trainer Mustafa Ünal. Anders als die spielerisch versierten, aber leidenschaftslosen Fürther werden die Gegner im Ligaalltag tief stehen, dem Favoriten den Ball überlassen und auf Konter lauern. „Wir wissen, was auf uns zukommt. Wir wollen trotzdem mutig spielen und hoch stehen. Da kann uns der Gegner, wenn wir uns Ballverluste leisten, schon wehtun. Aber mit einer soliden Restverteidigung werden wir Sicherungen einbauen“, betont Ünal.
Überhaupt hat der Coach seit seinem Amtsantritt Ende September 2021 als Nachfolger von Ramon Gehrmann viele Pluspunkte gesammelt. Zu seiner bodenständigen, konsequenten und authentischen Art passt auch seine Antwort auf einen Wunschgegner in der zweiten Runde: „Nach dem, was wir alles erlebt haben, sind wir demütig und nehmen jeden Gegner dankend an.“ Dann machte der 38-Jährige eine Pause und fügte hinzu: „Wir wollen nicht ins DFB-Pokal-Finale einziehen, sondern aufsteigen.“
Der eine oder andere leidgeprüfte Kickers-Fan dürfte in der vergangenen Nacht womöglich von beidem geträumt haben.
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