Stuttgarter Rede Als Amerika zum Freund wurde

James F. Byrnes am 6. September in Stuttgart, dahinter Senatoren und der Militärgouverneur der amerikanischen Besatzungszone, Joseph T. McNarney (ganz rechts) Foto: dpa/Archiv

Vor 75 Jahren hielt der US-Außenminister James F. Byrnes in der Stuttgarter Oper seine Hoffnungsrede, die Nachkriegsdeutschland eine ganz neue Perspektive eröffnete.

Automobilwirtschaft/Maschinenbau: Peter Stolterfoht (sto)

Stuttgart - Beim Blick auf die Höhepunkte in der Partnerschaft zwischen den USA und Deutschland sticht ein Ereignis heraus. Es ist der Berlin-Besuch des amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy am 26. Juni 1963. Vor dem Schöneberger Rathaus hält er damals seine legendäre „Ich bin ein Berliner“-Rede, in der er unter dem Eindruck des Mauerbaus dem Westteil der Stadt und des ganzen Landes die Solidarität und – mit Blick Richtung Osten – Schutz zusichert. Dass sich diese Rede einen solchen Legendenstatus erworben hat, liegt vor allem am Charisma des jungen Kennedy und daran, dass sie in Bild und Ton der Nachwelt zur Verfügung steht – und damit auch dieses ikonische deutsche Zitat eines US-Präsidenten.

 

Inhaltlich dagegen war die Rede Kennedys streng genommen nur die Fortführung und die Bekräftigung eines bereits 17 Jahre zuvor in Stuttgart gegebenen amerikanischen Versprechens, das aber nicht eine solche herausragende Stellung im kollektiven Gedächtnis der Bundesrepublik besitzt – dafür aber eine noch größere Bedeutung.

Der Morgenthau-Plan geistert noch durch die Köpfe

Es ist der 6. September 1946. In Stuttgart kommt der Länderrat der amerikanischen Besatzungszone zusammen, zu der Teile Württembergs, Badens, der Pfalz, das südwestliche Gebiet Berlins sowie Bremen und Bremerhaven gehören. Die Oper verleiht der Veranstaltung den festlichen Rahmen, in dem die Rede des amerikanischen Außenministers James F. Byrnes mit großer Spannung erwartet wird. So viel ist vorab bekannt: Es soll um die Zukunft des zerstörten Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg und den beispiellosen Verbrechen der NS-Diktatur gehen. Doch welche Perspektive am Ende tatsächlich aufgezeigt wird, ist ungewiss. Immer noch geistert der 1944 vom US-Finanzminister Henry Morgenthau entworfene Plan durch die Köpfe der deutschen Zuhörer, wonach Deutschland zu einem Agrarstaat umgewandelt werden solle, auf dass von dort aus keine Kriegsgefahr mehr ausgehen könne.

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Doch dann sagt James F. Byrnes in Stuttgart etwas ganz anderes. Deutschland, so der Demokrat, solle sein Schicksal trotz allem wieder selbst in die Hand nehmen, eine eigene Industrie und eine selbst gewählte Demokratie mit einem selbst verfassten Grundgesetz aufbauen. Zu dieser Überzeugung kam die US-Regierung unter dem Präsidenten Harry S. Truman auch mit Blick zurück auf die Folgen des Ersten Weltkriegs. Der Versailler Vertrag mit seinen immensen Reparationsforderungen wurde in großen Teilen der deutschen Bevölkerung als demütigendes Diktat empfunden und hat so auch zum Aufstieg der Nazis beigetragen. Aber natürlich basiert der US-Plan auch auf einem knallharten geopolitischen Interesse – mit Blick auf das Wettrennen mit der Sowjetunion um die Vormachtstellung in Europa.

Am Ende profitierte nur ein Teil Deutschlands von der in der Hoffnungsrede formulierten neuen Freiheit. Die russischen Besatzer wollten ihren Einflussbereich nicht aufgeben – schon gar nicht nach amerikanischen Vorgaben. So entwickelte sich aus der amerikanischen Idee von der gesamtdeutschen Perspektive nach der Einwilligung der britischen und französischen Besatzungsmächte eine westdeutsche Lösung. Und die wurde dort als ein historischer Wendepunkt gefeiert.

Reaktion auf eine Rede des russischen Außenministers

„Mit der Stuttgarter Rede gab die US-Regierung Deutschland einen enormen Vertrauensvorschuss“, sagt Christiane Pyka, die Leiterin des Deutsch-Amerikanischen Zentrums (DAZ), das auch den Namen James-F.-Byrnes-Institut trägt und so die spezielle Stuttgarter USA-Verbindung herausstreicht. Pykas Kollegin Katharina Buchter, Pressereferentin des DAZ, stellt die „Speech of Hope“ in einen anderen historischen Zusammenhang. „Sie muss auch als Reaktion auf eine Rede des russischen Außenministers Molotow gesehen werden.“ Der Vertraute Stalins hatte darin einen ganz anderen Plan im Sinn, der dann später in der DDR erkennbar werden sollte.

In Stuttgart dagegen wird die enge transatlantische Beziehung besonders deutlich. Bereits im Januar 1946 und damit noch vor der Byrnes-Rede entsteht hier das erste Amerika-Haus Deutschlands. In der Neckarstraße 44 ruft die zivile US-Militärangehörige Zaren Wang im kleinen Rahmen einen Lesesaal mit amerikanischer Literatur ins Leben. Die Idee der Bibliothekarin wird von den Stuttgartern sofort angenommen. Neben den Büchern, die den Deutschen amerikanisches Demokratieverständnis näherbringen sollen, führen auch eiskalte Temperaturen zu Beginn des Jahres 1946 zum regen Zulauf im beheizten Lesesaal. „Erwärmendes für Körper und Geist“, nennt Christiane Pyka das Motto des ersten Amerika-Hauses, dessen Nachfolgeinstitution sie nun leitet.

Immer wieder zieht das Amerika-Haus um

Bald ist der Raum in der Neckarstraße zu klein, weiter zieht das Zentrum für Völkerverständigung in die Stafflenbergstraße und landet 1961 in der Friedrichstraße. Zu Hochzeiten hat das Kulturzentrum dort 40 Mitarbeiter. 1995 steht das in US-Hand befindliche Amerika-Haus vor dem Aus.

Im Zuge der Schließung des Stuttgarter US-Generalkonsulats sind auch die Tage der deutsch-amerikanischen Begegnungsstätte gezählt. Was zu Protesten führt und Stadt und Land dazu bewegt, selbst ein Deutsch-Amerikanisches Zentrum zu gründen. Und das hat seinem Sitz seitdem im Turm des Alten Waisenhauses am Charlottenplatz. Und dort stehen natürlich gerade die Planungen für 75-Jahr-Jubiläum der Stuttgarter Hoffnungsrede im Mittelpunkt. Was am 23. November mit einem Festakt in der Oper und einem großen Rahmenprogramm gefeiert wird.

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